616 Jahre Mudemer Faschenaacht

„Oh jej, oh jej, oh jej, in Mudi iss halt schej!“

(Fotos: KaGeMuWa)

Mudau. Der Rosenmontag zieht seit Jahren zahlreiche Aktive und Besucher in die Wassersucherstadt und jedes Jahr werden es mehr und mehr. Langsam aber gar nicht leise schlängelt sich, ab 14.01 Uhr, der „Große Odenwälder Rosenmontagsumzug“ durch Mudaus Straßen.

Fastnacht in Mudau gibt es aber nicht nur seit wenigen Jahren und nicht nur am Rosenmontag, wie die folgende Chronik der „Mudemer Faschenaacht“ aufzeigt:

Das Wort Fastnacht wurde im Zusammenhang mit Mudau zum ersten Mal im „Amorbacher Klosterurbar“ vom Jahre 1395 erwähnt. Verschiedene Bürger hatten Abgaben zu leisten, unter denen sich das „Fasenachtshuhne“ befand. Im Jahre 1574 gab es bereits das „Schmutz Essen“ in Mudau am Fastnachtsdienstag, und laut Kirchenrechnungen ließ der Pfarrer im Jahre 1611 seinen Helfern „Faßnachtsküchlein“ backen.

Im Laufe der letzten 150 Jahre vermischte sich unser Fasnachtsbrauchtum immer mehr mit dem rheinischen Karneval, zu dem Prunksitzungen, Prinzenpaare, Elferräte, Präsidenten und Garden gehören. Auch die Umzüge in ihrer heutigen Form sind davon beeinflußt. Zu den Traditionsfiguren Strohmann, Herrle und Frääle, und Spitzdutten  gesellten sich die Narren mit der Karnevalsmütze.

Der erste Vermerk über in Mudau vorhandene „22 St. Carneval Mützen“ fand sich im Inventar des Gesangvereins „Frohsinn“ Mudau vom 23. Oktober 1881.

Der bislang früheste Hinweis über die „organisierte Faschenaacht“ stammt aus einer Zeitungsanzeige des Jahres 1886.

Die „Extra Narren Spitzdutten“ luden in den großen Saal im „Deutschen Haus“ zur Generalversammlung und Hauptprobe ein, wo sämtliche Narren im Kostüm zu erscheinen hätten.

So konnte die KaGeMuWa im Jahr 1997 ihr 44 – jähriges Vereinsjubiläum feiern, aber auch „111 Jahre organisierte Faschenaacht in Mudau“

Dieser Artikel ist mir was wert: [flattr btn=“compact“ tle=“616 Jahr Mudemer Faschenaacht“ url=“//www.nokzeit.de/?p=9897″] Bis zum ersten Weltkrieg und auch danach wurde laut Heimatbuch von 1926 auf Fastnacht ein Strohmann bereitgemacht. Er wurde von größeren Buben gefesselt durchs Dorf geführt und musste zeitweise wie ein Bär tanzen, daher auch der Name „Strohbär“.  Die maskierten Buben hatten hölzerne Heugabeln und „storrten“ damit die vor den Bäckerläden ausgelegten Backwaren, oder die an eisernen Rechen hängenden Würste bei den Metzgerläden herunter. Auch wurden öffentliche maskierte Aufzüge (Umzüge) mit anschließender Theateraufführung veranstaltet und Festspiele aufgeführt, in die historische Gruppen eingebaut waren, wobei mancher Ortseinwohner „achiert“ das heißt, ausgespielt wurde. Die Kinder gingen scharenweise durch das Dorf und sangen das Lied „In dem Lande Afrika“, oder riefen die Taktsprüche „Hoori, hoori, hoori is die Katz“ und „Ätschele bobätschele“. Die Verkleideten besuchten die Häuser ihrer Bekannten, wo sie Dörrfleisch und andere Nahrungsmittel erhielten. Auch die „Spreißelesvokääfer“ gingen schon durch Mudi, um ihre Bündeli an den Mann zu bringen. Dieses Brauchtum wurde 1979 wieder ins Leben gerufen.

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Sofort nach dem ersten Weltkrieg wurde im Januar 1919 ein Carnevall Verein Mudau (CVM) gegründet, dessen Bestehungsdauer aber nicht bekannt ist. Anfang der 30-er Jahre versuchte „Pelikan“ Franz Theo Bingler, eine Narrengesellschaft ins Leben zu rufen, was aber am Widerstand Pfarrer Nörbers scheiterte.

Die Entstehung des Vereins  „KG Mudemer Wassersucher“ war ein längerer Prozess, der sich vom  November 1952 bis zum Februar 1954 erstreckte. Man könnte sagen: 1952 war die Zeugung, 1953 die Geburt und 1954 die Taufe des Vereins.

So wurde erst wieder nach dem 2. Weltkrieg im Jahre 1952 auf Initiative des TSV Mudau eine organisierte Fastnacht in Mudau mit der Gründung eines Narrenvereins vorgeschlagen. Im November 1952 erhielt das Bürgermeisteramt eine Anfrage des TSV, ob es nicht möglich wäre, in Mudau eine organisierte Fastnacht durch Gründung eines Narrenvereins durchzuführen. Daraufhin hatte BM Bucher zur Gründungsversammlung ins „Cafè Waldfrieden“ eingeladen.

Anfang 1953 war dann die Geburtsstunde eines neuen Mudauer Fastnachtsvereins mit dem Namen „Narrenverein Hajo“ der am 3. Februar 1954 auf den heutigen Namen  „KG Mudemer Wassersucher“ (KaGeMuWa) umgetauft wurde.

Für die Namensgebung nahm man ein ortsprägendes Ereignis, nämlich die Wassersuche. Da die alten Brunnen verschmutzt waren, suchte man fast ein Jahrzehnt mit Wünschelrutengängern nach Wasser. 1951 votierte dann Prof. Becksmann aus Freiburg für einen Tiefbrunnen an der Wasserscheide zwischen Main und Neckar. Hierfür wurden die Mudauer belacht, ausgerechnet auf dem Plateau des Odenwaldes zwischen Mudau und Langenelz Wasser finden zu wollen oder zu müssen. Doch in 93 m Tiefe fand man damals Wasser. Dies nahm man zum Anlass, den „Narrenverein Hajo“ in „Karnevalsgesellschaft Mudemer Wassersucher“ umzubenennnen. Welch gute Nase unsere Gründungsmitglieder unbewusst mit der Namensgebung hatten, zeigt sich darin, dass es für Feuchtigkeit, Flüssigkeit, ja allgemein das Nass, das lateinische Wort „humor“ gibt, das heißt übertragen.

Als Schlachtruf nahm man das Wort „Hajo“, also „Mudi Hajo“ bzw. „Wassersucher Hajo“. „Hajo“ ist in unserer Gegend ein geläufiger Ausdruck. Es ist ein Wort, das eine positive Gesinnung und eine positive, lebensbejahende, stimmungsfrohe Ausstrahlung im Menschen selbst und bei den anderen bewirkt.

Gleich im Gründungsjahr wurde mit dem Rosenmontagsumzug die Tradition der früheren „Aufzüge“ mit einem großen, prachtvollen Umzug fortgesetzt.

Am 03. Februar 1954 kam dann der bisher bestandene „Narrenverein Hajo“ in der Narrenburg „Waldfrieden“ zusammen, um die neue närrische Faschenaachtsgesellschaft zu gründen. Unter der vorzüglichen Leitung des Gemeindeoberhauptes, Bürgermeister Erich Bucher, gelang es dann doch, eine Vorstandschaft zusammenzubringen, und die närrischsten Narren wurden gezwungen freiwillig, den „ehrenvollen“ Auftrag anzunehmen.

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Drei Tage später, am 6. Februar, fand im Gasthaus „Zum Löwen“ die monatliche Versammlung des Odenwaldklubs statt. Diese Gelegenheit wurde ausgenützt, Mitglieder für die Karnevalsgesellschaft zu werben, und die Mitgliederzahl schwoll von 14 auf 50 an.

Ab 1954 fanden auch in den verschiedenen Gaststätten Mudaus die „Großen Prunk und Fremdensitzungen“ beachtliche Resonanz, zu denen der gesamte Narrenstaat mit Elferrat und Prinzengarde das Prinzenpaar mit einem Fackelzug durch Mudaus Straßen geleitete. Einen würdigen Rahmen bekamen diese stets auf hohem Niveau stehenden Prunksitzungen mit der Fertigstellung der Odenwaldhalle ab 1960. Und seit 1987 finden zwei Prunksitzungen statt, nachdem die Kartennachfrage in den vergangenen Jahren gewaltig anstieg.

Den zweiten Höhepunkt der Mudemer Faschenaacht bildet seit Gründung des Vereins der „Große Odenwälder Rosenmontagsumzug“, der sich ursprünglich vom Neuhof aus durch Mudis Hauptstraße bewegte und sich auf dem Rückweg am Rathausplatz auflöste.

Zum Abschluss des organisierten Faschnachtsgeschehens erfolgte die Proklamation des Prinzenpaares vom Rathausfenster aus. Das Regierungsprogramm wurde von den närrischen Bürgern auf dem stets überfüllten Rathausplatz in großer Heiterkeit dankbar angenommen. Wegen der Verkehrsbehinderungen wurden später auch die Prinzenpaarproklamationen vom Rathausplatz in die Odenwaldhalle verlegt.

Nach der Proklamation zog der Hofstaat durch Mudis Wertschafte und feierte die tollen Tage in ausgelassener Stimmung. Dies war die „Hoch“ Zeit der Kappenabende und der Straßenfaschnacht mit unzähligen Masken und Kostümen.

Nicht zu vergessen sind die kleinen Narren. Ihr Umzug führte den Rosenmontagsumzug seit 1953 an. In den Jahren 1957 – 1960 gestattete der Verein allerdings einen eigenen Kinderumzug am Faschenaachtsdienstag. Und seit dem Jahre 1967 gibt es auch die allzeit beliebte und vielbeachtete Kinderprunksitzung.

Weitere Aktivitäten des Mudemer Karnevalsvereins waren die Durchführungen von Kappenabenden, Maskenbällen, Tanzveranstaltungen und Vereinsausflügen. Uneigennützig zeigte sich der Verein bei Gemeinschaftsveranstaltungen mit dem Musik – und Gesangsverein zwecks Anschaffung eines Klaviers für die Odenwaldhalle 1962 und mit den anderen Mudauer Vereinen zugunsten von „Aktion Sorgenkind“ 1975. Außerdem wurde der Erlös einer Tanzveranstaltung im Jahre 1964 zur Beschaffung einer neuen Bartheke in der Odenwaldhalle zur Verfügung gestellt.

Marksteine in der Geschichte der KaGeMuWa waren ferner die Anschaffung einer neuen Standarte, die den Wassersucher in seiner Odenwälder Tracht zeigt (1966). Das 1971 gefundene Spezialwasser, das „Eau de Mudagne“, die Aufnahme in den Narrenring Main Neckar als 26. Mitglied im Jahre 1972, Eintragung in das Vereinsregister 1972 und Beitritt zum BDK (Bund Deutscher Karneval) 1980. Zum Jubiläumsjahr 1973 wurde ein neues Wassersuchersymbol geschaffen, der Wassersucher Narr auf einer Wasserwoge über dem Mudauer Wappen. Im Jahre 1970 schufen die Wassersucher einen gewichtigen Jahresverdienstorden, der alljährlich einer Person für besondere Verdienste um die Mudemer Faschenaacht verliehen wird. 1979 entschloss sich die Vorstandschaft, den Spreißelesverkauf gemäß alter Überlieferung wiedereinzuführen. Seither beleben die Mudemer Spreißelesvokääfer am Faschenaachtssonntag das Mudauer Ortsbild.

Dieser Artikel ist mir was wert: [flattr btn=“compact“ tle=“616 Jahr Mudemer Faschenaacht“ url=“//www.nokzeit.de/?p=9897″] Zweimal beeinträchtigten äußere Geschehnisse die Mudauer Faschenaachtskampagnen: Außer einem Kinderumzug kleinen Stils unterblieben im Jahre 1957 sämtliche Faschenaachtsveranstaltungen wegen einiger örtlicher Todesfälle von gewisser Tragik und wegen der politischen Lage in Ungarn. 1991 wurden nach der Fastnachtseröffnung auf hoher See weitere Fastnachtsveranstaltungen wegen des Golfkrieges abgesagt.

Was wäre eine Karnevalsgesellschaft ohne Aktive, die das Fastnachtsbrauchtum hegen und pflegen. Die Mudemer Narrenschar wurde stets geführt von einem schmucken Prinzenpaar, das Unterstützung fand durch den Präsidenten mit seinem Elferrat, dem Ehrenrat und der Prinzengarde. Eine emsige Vorstandschaft sorgte mit relativ wenigen Helfern für erstaunliche Ergebnisse, vor allem beim Umzug und bei der Prunksitzung.

Aus einer Vielzahl der bisher engagierten Aktiven sollte man, ohne die Leistungen anderer schmälern zu wollen, einige „Obernarren“ erwähnen, die die Geschichte der Mudemer Wassersucher entscheidend prägten: BM Erich Bucher, „Pelikan“ Franz Theo Bingler, der unermüdliche Zuggestalter Alois Vollmer, die „Faschenaachtsanna“ Anna Schell, und aus der nächsten Generation den Wagenbauer Walter Lorenz, das Büttenass „Locka“ Helmut Korger als „Odenwälder Bär“, Ernst Hauk ohne den es keine Chronik gebe und unseren „Lupo“ Rolf Link, der seit über vier Jahrzehnten die Kasse führt.

Die verantwortlichen Narren haben sich in den vergangenen Jahren dem Erhalt alten Brauchtums verschrieben und deshalb die erforschten und überlieferten Fastnachtsaktivitäten in ihre närrische Kampagne übernommen. Das Narrenprogramm besteht inzwischen aus Fastnachtsausgrabung am 11.11. mit Elferratsvereidigung, Ordensfest, zwei Prunksitzungen, Kinderprunksitzung, Ausrufen der hohen Tage der Narretei auf den Rathausstufen am Schmutzigen Donnerstag mit anschließendem Schmuutzessen, Spreißelesvokaafe am Fastnachtssonntag, Rathausstürmung am Rosenmontag, Sauerbratenessen und Rosenmontagsumzug mit Prämierung, bevor um Mitternacht (neu um 20.11 Uhr) des Fastnachtsdienstages mit Heulen und Wehklagen die Fastnacht verbrannt wird. Mit dem Kateressen im „Waldfrieden“ am Aschermittwoch klingt schließlich die Mudemer Faschenaachtskampagne aus.

Infos im Internet:

www.kagemuwa.de

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