Rasterfahndung nach dem „Holzbock“

So sehen die kleinen und leider immer öfter Krankheiten übertragenden Zecken unter der Lupe aus. (Foto: privat)

Neckar-Odenwald-Kreis/Buchen. Die Natur erwacht, die Menschen gehen wieder mehr nach draußen – und handeln sich bei Arbeit, Sport oder bei Spaziergängen in der freien Natur gar nicht so selten einen Zeckenstich ein. Der muss nicht, kann aber gefährlich sein. Denn der Neckar-Odenwald-Kreis gehört, wie beinahe der ganze Süden Deutschlands, zum Hochrisikogebiet, was eine Infektion mit dem Erreger der FSME (Frühsommermeningoenzephalitis oder Gehirnhautentzündung) betrifft.

In den Neckar-Odenwald-Klinken in Buchen widmete sich Dr. Thorsten Lenhard, Oberarzt in der Neurologischen Ambulanz der Neurologischen Universitätsklinik in Heidelberg, diesem Thema, womit er ein weiteres Ziel verband: Die Werbung von Mitstreitern an dem ganz speziellen Forschungsprojekt „Rasterfahndung des FSME-Virus in Zecken in den Endemiegebieten des Odenwaldes mit Hilfe der Bevölkerung als Multiplikator“.

Zunächst aber eröffnete Landrat Dr. Achim Brötel die kleine Ausstellung „Durch Zecken übertragbare Erkrankungen“ im Eingangsbereich des Buchener Krankenhauses, wo sie für rund zwei Wochen auch verbleiben wird. Trotz steigender Infektionszahlen mit zunehmend schwereren Krankheitsverläufen sieht der Landrat keinen Grund zur Panik. Denn zumindest gegen die FSME – Zecken übertragen auch noch andere Krankheiten wie die Borreliose – gibt es die Möglichkeit, sich impfen zu lassen. Entsprechende Aufklärungskampagnen, unter anderem durch den Fachdienst Gesundheitswesen des Landratsamtes, haben im Kreis auch schon Wirkung gezeigt: allein die Kinder waren 2009 zu 57,5 Prozent vollständig (drei Impfungen) und zu 12,9 Prozent zumindest teilweise (ein oder zwei Impfungen) geschützt.

Dr. Lenhard, der über das große Publikumsinteresse regelrecht begeistert war, ging in seinem Vortrag zunächst auf die Zecke in biologischer Hinsicht ein: Ein Spinnentier, das drei Entwicklungsstadien durchläuft und eine Blutmahlzeit je Stadium von Wirtstieren beziehen muss. FSME ist vor allem in Osteuropa noch sehr viel stärker verbreitet. Der dort verbreitete Krankheitstyp hat eine Sterblichkeitsrate von bis zu 20 Prozent, wogegen in Deutschland „nur“ 1,5 Prozent an FSME sterben. Schwerwiegende Behinderungen können gleichwohl nach einer Infektion zurückbleiben. Das Risiko eines schweren Krankheitsverlaufes steigt im Übrigen mit dem Alter und mit Vorerkrankungen, weshalb die Impfung, deren Kosten von den Krankenkassen übernommen werden und die in drei Schritten erfolgen sollte, gerade auch bei älteren Menschen Sinn macht.

Dieser Artikel ist mir was wert: [flattr btn=“compact“ tle=“Rasterfahndung nach dem Holzbock“ url=“//www.nokzeit.de/?p=10362″] Der Mediziner ging auch auf immer wieder verbreitete Irrtümer ein: Festgebissene Zecken sollen weder mit Öl noch mit Klebstoff beträufelt noch vereist werden. „Das wäre der sicherste Weg, die FSME-Viren, die in der Speicheldrüse sind, in den eigenen Körper zu katapultieren“, so Dr. Lenhard. Stattdessen muss die Zecke so früh wie möglich ganz nah an der Haut mit einer Zeckenkarte oder einer Pinzette gepackt und entfernt werden. Geschieht das zwölf bis 24 Stunden nach dem Stich, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass zumindest Borreliose-Bakterien noch nicht in den Körper gelangt sind. Bei FSME spielt die Zeit leider keine Rolle. „Aber hier können sie sich ja impfen lassen“, erklärte der Spezialist.

Tatsächlich will Dr. Lenhard mit seinem Forschungsprojekt der Frage „Wieviel Virus steckt in der Zecke?“ und ähnlichen Fragestellungen nachgehen und damit auch das Phänomen erklären, warum bis 2006 die Infektionszahlen dramatisch angestiegen und dann wieder zurückgegangen sind. Dazu braucht er Unterstützung aus der Bevölkerung. Gesucht werden „Zeckensammler“, die in bestimmten, in genaue Raster eingeteilten Gebieten ein weißes Tuch bodennah hinter sich herziehen. Die Spinnentiere verhaken sich meist recht schnell in dem Gewebe, können abgesammelt, in Transportbehältnisse gelegt und nach Heidelberg geschickt werden. Dort werden die „Gemeinen Holzböcke“ von den Forschern genau untersucht, um Schlüsse ziehen zu können zum „Durchseuchungsgrad“ der Tiere mit den unterschiedlichen Krankheitserregern, zu sogenannten „Hot Spots“ (besonders zeckenreiche Gebiete), zu genetischen Veränderungen und zum Einfluss des Klimawandels auf Vorkommen und Verseuchung der Zecken. Tatsächlich waren etliche potentielle Sammler schon zum Vortrag gekommen und ließen sich dort individuell informieren und einweisen.

Wer sich ebenfalls am Projekt und an der „Rasterfahndung“ nach den kleinen Krabbeltieren beteiligen oder auch nur unverbindlich informieren möchte, wendet sich an Dr. Martina Teinert vom Fachdienst Gesundheitswesen des Landratsamtes (martina.teinert@neckar-odenwald-kreis.de, Telefon 06261/842434).

Rasterfahndung nach dem Holzbock
So groß wie das Modell, das Dr. Brötel bei der Veranstaltung zum Thema Zecken in Händen hielt, werden die kleinen Spinnentiere auch im Neckar-Odenwald-Kreis nicht. Gleichwohl ist der gesamte Odenwald ein „Hochrisikogebiet“ für die Übertragung von FSME und Borreliose, worüber Dr. Thorsten Lenhard (3.v.re.) aus Heidelberg einen Vortrag hielt. (Foto: LRA)

Wir weisen darauf hin, dass Zecken sehr viel häufiger auch die sogenannte Borreliose übertragen. Unbehandelt bzw. von vielen Ärzten unerkannt und daher falsch behandelt, leiden Betroffene viele Jahre lang unter der Erkrankung. Gegensatz zur FSME ist keine Impfung bzw. Prophylaxe möglich.
Weitere Infos hierzu finden unsere Leser auf der Homepage des Borreliose und FSME Bunds Deutschland (BFBD) unter www.bfbd.de.

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