Dem Odenwald-Luchs auf der Spur

Ein Brückenschlag für Wildtiere

(Foto: Bernard Landgraf/Wikipedia.de)

von Michael Hahl

Auf leisen Pfoten scheinen sie zurückzukehren. Heimlich werden Biberdämme an Bachläufen errichtet (wir berichteten), im Januar wurde wohl ein Luchs nahe Mudau-Rumpfen beobachtet (wir berichteten) und vielleicht schleicht längst die ein oder andere Wildkatze unbemerkt durch unser Mittelgebirge. Der Neckar-Odenwald-Kreis muss sich vermehrt auf die Rückkehr größerer Wildtiere einstellen und sich mit Kernfragen wie Artenschutz, Aufklärung und Akzeptanz auseinandersetzen. Übertriebener Optimismus ist derweil nicht angebracht, denn Einzelbeobachtungen schaffen längst noch keine überlebensfähigen Populationen. Der Lebensraum für Luchs und viele lange verschollene Wildtiere wäre in unserer waldreichen Kulturlandschaft zwar gegeben, doch einer Ausbreitung stehen noch ganz andere Hindernisse im Weg. Im Jahresheft 2010 des Naturparks Neckartal-Odenwald wurden die seltenen Spuren des „Phantoms mit Pinselohren“, des Odenwaldluchses, erläutert. Mit freundlicher Genehmigung des Naturparks erscheint der Artikel nun in diesem Online-Magazin.

Augen wie ein Luchs
Da saß er vor mir, ein leibhaftiger eurasischer Luchs. Nur wenige Meter von mir entfernt verharrte er auf einem Felsen und beobachtete mich wie beiläufig aus bernsteingelben Augen. Ich war fasziniert von dieser einheimischen Großkatze. Gleichzeitig wurde mir schwer ums Herz, denn – das schöne Wildtier saß hinter dem Gitterzaun eines Wildgeheges. Und so spannend es auch war, den Luchs aus der Nähe zu beobachten, war mir doch klar, dass sein Platz eigentlich da draußen wäre, irgendwo im dichten Unterholz eines Waldes, wie einst vor seiner nahezu völligen Ausrottung in Deutschland. Jahrhundertelang wurde diese heimische Katzenart bejagt, ehe das letzte Exemplar Baden-Württembergs im Jahr 1846 auf der Schwäbischen Alb erschossen wurde.

Rückkehr auf leisen Pfoten
Meine erste Luchsbegegnung im Wildpark ist dreißig Jahre her. Heute kehrt der nahezu schäferhundgroße Beutegreifer mit Pinselohren und Stummelschwanz in deutsche Mittelgebirge zurück. Für Menschen ist er völlig ungefährlich, darüber sind sich alle Wildbiologen einig. Der Luchs, dessen Beutespektrum vor allem das Reh, aber auch Kleinsäuger umfasst, unterliegt strengen europäischen und nationalen Schutzbestimmungen. Zwar gibt es in Deutschland bislang keine stabilen Luchspopulationen, die den Bestand langfristig sichern könnten, doch Wiederansiedlungsprojekte wie im Harz und größere Vorkommen wie im Bayerischen Wald und in den Alpen nähren Hoffnungen auf eine Rückkehr der Großkatze. In Baden-Württemberg sind seit vielen Jahren einzelne Luchse nachweisbar. Der Naturschutzbund Deutschland (NABU) geht davon aus, dass sich Schwarzwald und Schwäbische Alb mit dem Donautal als Luchslebensraum eignen, sofern wir Menschen seine Ausbreitung aktiv unterstützen. Auch durch Hessens Waldgebiete streift Europas größte Katzenart. Und wie steht es dort um den Luchs, wo die südhessischen und nordbadischen Wälder aneinander grenzen: im Odenwald?

Ein Luchsruf am Katzenbuckel?
Gerhard Neureither ist Jagdpächter und steht als Ehrenvorsitzender des NABU Waldbrunn für engagierten Naturschutz. Als ich ihn Anfang 2010 auf mögliche Luchsvorkommen im Odenwald anspreche, erzählt er mir von einem Jäger, der kürzlich zu Besuch gekommen sei und prompt Luchsrufe am Katzenbuckel gehört haben will. Jägerlatein? Der besonnene Neureither weiß zu berichten, sein Kollege, welcher Luchslaute aus den Karpaten kenne, sei sich ganz sicher gewesen. Im Monitoring der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt (FVA), durch das wichtige Hintergrundinformation über die Bestandsentwicklung des Baden-Württemberg-Luchses ermittelt wird, wäre dieser Ruf vom Katzenbuckel allenfalls in die Kategorie „C3“ einzustufen, welche diejenigen Beobachtungen, Lautäußerungen oder gemeldeten Risse, Haare, Kotfunde und Trittsiegel umfasst, die nicht von anerkannten Luchs-Experten überprüft werden können. Unter „C2“ laufen dagegen alle durch eine Expertise bestätigten Hinweise und „C1“ sind schließlich die „hard facts“: eindeutige Fotobelege, genetische Nachweise, eingefangene Luchse oder Totfunde. – Da es im Odenwald bislang keinerlei „C1“-Dokumentationen gibt, sehen manche den Luchs als Phantom, von dem niemand so genau weiß, ob er zwischen Main und Neckar tatsächlich anzutreffen sei oder nicht. „Die Unsicherheit darüber ist groß“, erklärt mir Thomas Glasbrenner, Förster aus Waibstadt und Wildtierbeauftragter für den Rhein-Neckar-Kreis, auf meine Frage nach Luchssichtungen im Odenwald. Sein Mudauer Kollege Thilo Sigmund, für den Neckar-Odenwald-Kreis als Wildtierbeauftragter zuständig, äußert sich ebenfalls vorsichtig und weiß, dass sich bei vielen vermeintlichen Luchsrissen nach näherer Untersuchung gezeigt habe, dass die Beute gar nicht von der Großkatze stamme.

„Gibt es ihn bei uns?“
Die Frage stelle ich schließlich auch Peter Schabel, Vorsitzender des NABU-Kreisverbandes Bergstraße und offizieller Luchsberater dieses Landkreises. „Klar gibt’s den Luchs im Odenwald!“, antwortet er und berichtet mir von einer nächtlichen Begegnung im Jahr 2006, als er über mehrere Minuten den Rufen zweier Luchse lauschen konnte. Bis dato hatte der profunde Kenner heimischer Fauna solche Lautäußerungen noch nicht gehört. In der Dunkelheit waren nur schemenhafte Schatten zu erkennen. Als er auf eine Audio-Datei mit Luchsrufen stieß, wurde ihm schlagartig klar, was er in jener Nacht erlauscht hatte. Einige Monate später fand er dann Trittsiegel, die auch vom Arbeitskreis Hessen-Luchs eindeutig als Luchsspuren verifiziert werden konnten: asymmetrisch, ohne Krallenabdrücke und bis zu 10 cm Durchmesser. „Ein Luchs streift durch das Weschnitztal“, titelte die Presse im Juli 2006. Inzwischen hat Schabel allein für den Kreis Bergstraße 25 Luchsmeldungen erhalten. Seit seiner nächtlichen Luchssinfonie ist er sicher, es gibt mindestens zwei im Odenwald, vielleicht mehr. Eine Genanalyse könnte bald einen C1-Beleg erbringen. Ob die Tiere aus Gehegen ausgebrochen oder zugewandert sind, bleibt unklar. Auch Gerhard Sauer bestätigt die Präsenz des Luchses und konnte Trittspuren sichern. Er ist emeritierter Biologie-Professor und seit Jahren bemüht, Luchspuren im hessischen Odenwaldkreis zu dokumentieren.

Nur ein Katzensprung
Da sich Wildtiere nicht nach Landesgrenzen richten, wäre es für den Luchs also nur ein „Katzensprung“ in den badischen Teil des Mittelgebirges: Ist auch der Naturpark Neckartal-Odenwald ein Landstrich für die Großkatze? Manfred Robens, Geschäftsführer des Naturparks Neckartal-Odenwald und Teilnehmer der vom Ministerium für Ernährung und Ländlichen Raum im Jahr 2004 initiierten Arbeitsgruppe Luchs Baden-Württemberg informiert mich über zwei dokumentierte Sichtungen der C3-Kategorie aus dem Spätjahr 2008: In Mudau will ein Jäger minutenlang einen Luchs in einer Vollmondnacht beobachtet haben, und eine weitere Sichtung schildert ein Autofahrer, der zwischen Brombach und Heddesbach durch das Beifahrerfenster den Kopf einer Großkatze mit spitzen Ohrpinseln, Backenbart und ausgeprägter Zeichnung betrachten konnte. Auch das Monitoring auf der Website der AG Luchs dokumentiert noch im Jahr 2009 zumindest C3-Hinweise für den badischen Odenwaldraum; 2010 sind die Hinweise offenbar ausgeblieben.

Akzeptanz großer Beutegreifer
Baden-Württemberg ist Luchslebensraum. Ein sorgfältiges Wildtier-Management unter Einbeziehung aller Interessengruppen ist erforderlich: Bauern und Schäfer, Jagdpächter, Vertreter von Forst und Naturschutz sowie Akteure im Naturtourismus. Auch Entschädigungsfonds für seltene Nutztierrisse werden bereitgestellt. Sachliche Aufklärung ist zu leisten. Überkommene Mensch-Wildtier-Beziehungen aus dem 19. Jahrhundert, die Luchs und Wolf als Schädlinge ansahen, benötigen eine gründliche Entmythologisierung. Expertisen von Wildbiologen wie Gerhard Arndt bei der AG Luchs werden zunehmend wichtig. „Die Diskussion muss vorsichtig und auf der Basis wissenschaftlicher Untersuchungen geführt werden,“ erklärt mir auch der Koordinator des Harzer Luchsprojekts Ole Anders. Länderübergreifende Monitorings und modellhafte Projekte mit Forschungscharakter tragen wesentlich dazu bei, Interessenkonflikte zu lösen.

Raus aus der Isolation!
Luchse sind Einzelgänger. Männliche Tiere, Kuder genannt, besetzen eine Reviergröße von durchschnittlich 100 km² und dulden keine Konkurrenten. Für halbstarke Jungluchse bedeutet das, sie müssen abwandern. Dass Luchse ausgesprochen weite Wege zurücklegen können, um neue Territorien zu finden, demonstriert das aktuelle Beispiel eines mit GPS-Sender ausgestatteten, männlichen Harzluchses mit dem kryptischen Namen „M2“: Im Jahr 2009 legte er bislang 100 km Luftlinie von Niedersachsen bis Nordhessen zurück. Wenn man die Reviergröße der Luchse kennt und gleichzeitig weiß, dass ein Mindestbestand von 50 bis 100 erwachsenen Tieren erforderlich ist, um eine genetisch überlebensfähige Luchspopulation zu sichern, dann wird klar, dass die Spezies Lynx lynx in Deutschland wohl nur dann eine Überlebenschance hat, wenn sich die einzelnen Kleinvorkommen verbinden und ein genetischer Austausch möglich wird. Eine aktive Luchsauswilderung wird zwar diskutiert, findet aber derzeit noch keinen breiten Konsens, daher sind intensive Wanderungen wie die von „M2“ notwendig. Dass die ein oder andere besonders wanderfreudige Großkatze von Süden oder von Norden auch den Odenwald erreichen kann, ist denkbar. Somit könnte unser Mittelgebirge durchaus zu einem verbindenden Trittstein für isolierte Luchsvorkommen werden.

Ein Brückenschlag für Wildtiere
Flüsse sind für den Luchs kein allzu großes Hindernis. Barrierewirkung haben allerdings Siedlungen, intensiv genutzte landwirtschaftliche Gebiete und vor allem stark befahrene Straßen und Bahntrassen. Flächenverbrauch und Landschaftszerschneidung sind eine immense Gefahr für den seltenen Luchs und viele weitere schützenswerte Wildtiere. Ein Umdenken in der Siedlungs- und Verkehrspolitik empfiehlt auch das Umweltbundesamt. Für die Sicherung der Artenvielfalt ist die Einrichtung von Wildtierkorridoren dringend erforderlich, Querungshilfen wie Grünbrücken und Tunnels sowie Biotopverbund sind gefragt. Straßenbauer und Umweltschützer müssen eine gemeinsame Sprache finden. „Stark in die Öffentlichkeit getragene Einzelnachweise erwecken den Anschein, die Rückkehr des Luchses wäre bereits auf gutem Wege. Sie lenken aber davon ab, dass unter den derzeitigen Bedingungen in absehbarer Zukunft kaum mit der dauerhaften Etablierung des Luchses zu rechnen ist“, so urteilt EuroNatur ernüchternd. Dennoch: Die Großkatze könnte Mensch und Natur verbinden. Vielleicht setzt die ebenso faszinierende wie fragile Präsenz des Odenwaldluchses neue Impulse und verleiht dem heimischen Artenschutz ein imposantes Gesicht – eines mit Pinselohren!

Wildtierbeauftragte für plausible Luchsmeldungen:
Neckar-Odenwald-Kreis: Thilo Sigmund, Tel.: 06284/929237 oder 0151-14043916; Rhein-Neckar-Kreis: Thomas Glasbrenner, Tel.: 07261-974820;
24-Stunden-Hotline der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg (FVA): 0761-4018274;
Kreis Bergstraße und Odenwaldkreis: Harri Pfaff, Tel.: 06226-784055 / mobil: 0175-5726788 und Peter Schabel, mobil: 0172-6289927.
Gerissene Rehe unberührt am Fundort belassen!

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors Michael Hahl und des Naturparks Neckartal-Odenwald, Manfred Robens; Quelle und Erstveröffentlichung: HAHL, M. (2010): Phantom mit Pinselohren? Dem Odenwaldluchs auf der Spur. In: Naturpark Neckartal-Odenwald (Hrsg.): Der Naturpark bewegt. Jahresprogramm 2010. Eberbach. S.4-10
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