Tradition durch Entwicklung lebendig

Deitsch in der Alten Schule in Osterburken

von Martin Hammer

(Foto: Michael Pohl)

Osterburken. Volksmusik, selbst solche, die das Prädikat „authentisch“ wirklich verdient, erscheint vielen doch ein bisschen altvaterisch. Dabei sind überlieferte Lieder und Tänze aus Deutschland nicht unmodern und müssen schon gar nicht so klingen. Den Beweis hierfür trat das Duo „Deitsch“ bei der Kulturkommode Osterburken in der Alten Schule an.

Gudrun Walther und Jürgen Treyz haben sich der Wiederbelebung der traditionellen deutschen Folkmusik verschrieben und präsentieren, weit ab von dem, was man gemeinhin „volkstümliche Musik“ nennt, Jahrhunderte alte Balladen und Instrumentalstücke aus dem deutschen Sprachraum. Die beiden Musiker haben dieses Genre für sich musikalisch neu definiert und sprechen deshalb auch gerne von Deutschfolk um den Begriff Volksmusik von den gängigen Vorurteilen zu befreien. In unterschiedlichen Ensembles sorgen Gudrun Walther und Jürgen Treyz vor allem mit keltisch beeinflusster Musik seit Jahren europaweit für Begeisterung beim Folkpublikum. Im Laufe der Zeit ist jedoch der Wunsch entstanden, auch traditionelle Musik aus ihrer eigenen Heimat aufzuführen. Und so entstand die Idee für das Duo „Deitsch“, in dem sie ein Crossover aus deutscher und keltischer Musik verarbeiten und so dem Deutschfolk neues Leben einhauchen.

Deutschland sei voller Balladen, erklärte Gudrun Walther zu Beginn des Konzerts. Die meisten seien jedoch sehr blutrünstig. Man kann es jedoch auch anders ausdrücken: die Lieder sind voll Metaphern über das Erwachsenwerden oder die Tragik unglücklicher oder unerreichbarer Liebe und so sind ihre Texte durchaus zeitlos. „Es waren zwei Königskinder“ und „Die Rheinbraut“ sind solche Beispiele dafür, wie passend Gudrun diese Stücke mit klarer Stimme interpretiert und mit solistischen Einlagen an der Violine oder am Akkordeon musikalische Farbtupfer setzt. Jürgen Treyz an der Gitarre ist dabei mehr als ein Begleiter. Mit filigranem Fingerpicking und mitfühlenden Phrasierungen bereichert er die Stücke und unterstreicht deren Handlung. Auch wenn die überlieferten Melodien erhalten bleiben, gelingt „Deitsch“ durch die Erweiterung der Songs um moderne harmonische und rhythmische Elemente der Spagat, die alten und zum Teil bekannten Lieder wieder neuartig und lebendig werden zu lassen.

Die Einflüsse aus der schottisch/irischen Musiktradition sind dabei nicht zu leugnen; vor allem bei den Tanzliedern, die im Gegensatz zu den Balladen lebhaft und fröhlich gestaltet sind und durchaus an die Jigs und Reels keltischer Tradition erinnern. Dudelsackmusik gäbe es schließlich überall, wo es Schäfer gibt, so Jürgen Treyz. Auch auf der Schwäbischen Alb. Bei den „Schwäbischen Zwiefachen“ und dem „Lüneburger Rheinländer“ merkt man dem Duo die Spielfreude und die jahrelange gemeinsame Bühnenerfahrung an. Mit atemberaubender Sicherheit meistern die Musiker auch die schnellsten Läufe und dem Publikum wird klar, wieso die beiden zu den gefragtesten Folk-Instrumentalisten Deutschlands zählen.

In musikwissenschaftlichen Werken forschen Gudrun Walther und Jürgen Treyz nach unbekannten Strophen alter Volkslieder und durch Zufall gerät ihnen in einem Antiquariat auch schon durchaus mal ein Notenbüchlein mit traditionellen Tanzweisen in die Finger. Über die Aufführungspraxis der Stücke sei leider kaum etwas überliefert und das gibt dem Duo wiederum die Möglichkeit, harmonische Begleitung und instrumentale Einlagen recht frei zu interpretieren. Was den Stücken aber nur gut tut, denn Traditionelles kann nur durch Weiterentwicklung lebendig gehalten werden. Und das gelingt „Deitsch“ immer wieder vortrefflich.

Infos im Internet:
www.kulturkommode.de

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