Gambare Nippon – Miyako

Unser Bild zeigt von links: Michael Daishiro Nakajima mit Ryusuke und Takuya. (Foto: privat)

Bauland/Odenwald/Japan. Dieser Tage veröffentlichten wir den Spendenaufruf von Michael Daishiro Nakajima. Der Rosenberger mit japanischen Wurzeln flog in der vergangenen Woche nach Japan, um dort Hilfe zu bringen, wo sie die Menschen dringend benötigen. Die katholische Pfarrei Rosenberg stellt ein Spendenkonto für die Hilfsaktion bereit.

Seine Erlebnisse und Informationen von der Hilfsreise erzählt Michael Daishiro Nakajima in einem Online-Tagebuch, das wir hier auf NOKZEIT mit freundlicher Genehmigung seiner Frau Susanne wiedergeben. Somit wollen wir unseren Lesern das unsägliche Leid der Menschen in Japan aus einer ganz persönlichen, nicht nachrichtenmäßigen Sicht wiedergeben, aber auch die Hoffnung, die Menschlichkeit, den Glauben vermitteln, der hinter einer solchen Hilfsaktion steckt. Wenn sich dann noch der ein oder andere Leser angesprochen fühlt, ein paar Euro zu spenden, hat diese Art der Berichterstattung ihren Sinn erreicht.
Weitere Fotos mit die den ganzen Schrecken dokumentieren gibt es im Online-Tagebuch.

Nun zum dritten Bericht aus Japan:

Miyako
Am 25. 04. 2011 bin ich von Kamakura nach Shirako-machi zu Tomokazu Mitsuhashi gefahren und habe in seinem Haus übernachtet. Wie schon beim letzten Mal hat mich seine liebe Frau rührend bewirtet. Am nächsten Morgen haben wir uns einen Mini-Bus geliehen und an der Kirche die Hilfsgüter, die die Mitglieder der Kirche vorbereitet hatten, aufgeladen und sind gegen 10.30 Uhr losgefahren. Die Gesamtstrecke ist nur 720 km lang, aber vor und nach der Autobahn mussten wir langsam fahren, so dass wir insgesamt (inklusive der Pausen) 11 Stunden gebraucht haben. In Japan beträgt die zugelassene Höchstgeschwindigkeit auf der Autobahn nur 100 km/h und ich fuhr nur 2 Stunden auf der Autobahn. Nun bin ich aber gut gerüstet für die eigene Fahrt. Gegen 21.30 Uhr in Miyako angekommen, wurden wir herzlich vom mexikanischen Pfarrer Marco, Pfarrer Uesugi aus Sapporo, der die Aktivitäten der freiwilligen Helfer/-innen organisiert, und den Freiwilligen selbst empfangen. Ich war sehr beeindruckt, als ich hörte, dass Pfarrer Uesugi diese Arbeit schon seit 5 Wochen macht, und wochenends immer nach Sapporo zurückfährt, um dort seinen priesterlichen Dienst zu leisten. Er schläft zusammen mit den Freiwilligen (auch Tomokazu und ich) im hinteren Teil der Kapelle auf Tatamis (Reisstroh-Matten) inmitten vieler Kartons mit Hilfsgütern. Beeindruckend ist auch die große Hilfsbereitschaft von allen Seiten. Die Freiwilligen, die jetzt hier sind, sind aus verschiedenen Regionen von Hokkaido. Auch ein junges Mädchen von 18 Jahren, das sich z.Z. für das Eintrittsexamen für die Universität vorbereitet, ist mit dabei. Tagsüber kommen mehrere andere Helfer/-innen dazu. Sie sind nicht nur aus Miyako selbst, sondern auch aus dem ca. 100 km entferntem Morioka. In der „Goldenweek“ (mehrere Feiertage hintereinander) wollen die Leute massenweise nach Tohoku kommen. Und für diese Helfer/-innen bringen die Mitglieder der Kirche immer wieder etwas Leckeres zu essen. Die Solidarität der Menschen ist unwahrscheinlich groß.

Am nächsten Tag bin ich wieder gegen 4.15 Uhr wach geworden. Die Toiletten sind nicht direkt an der Kirche, sondern im Park nebenan. Allerdings sind sie genau an der anderen Ecke des Parks, so dass man etwa 80 m laufen muss. Es gibt zwar ein Pfarrhaus nebenan, aber dort haben die weiblichen Freiwilligen den Vorzug.

Nun sitze ich hier auf einer Bank auf der Straße in Ofuna, einem Bezirk von Kamakura, und schreibe diesen Bericht. Ich habe mittlerweile zwar Pocket WiFi, mit dem ich theoretisch überall ins Netz gehen kann, aber zu Hause in Kamakura dauert es ewig lang, bis ich hineinkomme. Gestern habe ich in einem Bar anderthalb Stunden gearbeitet und viele Fotos von Soma in den Blog hochgeladen. Der junge Chef dort unterstützt auch unsere Aktionen und ich darf seinen Hotspot nutzen, mit dem ich viel schneller Fotos hochladen kann als mit meinem WiFi. Als ich ein Foto, das doppelt geladen wurde, löschen wollte, ist leider der ganze Bericht verschwunden 🙁 Meine Frustration war ziemlich groß, zumal ich vermute, dass Ihr auf die Bilder wartet. Zum Glück war Takuya, der bei der letzten Fahrt nach Soma mit dabei war, an der Bar, so dass ich bei ihm diesen Frust abladen konnte. Danach ging es mir etwas besser 🙂 Ich muss nicht nur für Euch, sondern auch für meine ehemaligen Klassenkameraden schreiben, weil sie mich auch finanziell unterstützen. Ich habe auch die technische bzw. organisatorische Seite etwas unterschätzt. Wenn man nicht immer hier lebt, gibt es so viele Dinge, die man klären muss.

Nun zurück zu Miyako: ich bin anschließend in Richtung Meer gelaufen, um die Lage zu recherchieren. Es waren etwa 2 km bis zum Meer. Je näher man ihm kommt, desto größer wird das Ausmaß der Zerstörung. Da ich den genauen Weg nicht kannte, kam ich auf eine Flussbank. Die Kirschblüten waren wunderbar. Obwohl diese Bank etwa 3 m hoch war, waren auch die Häuser innerhalb der Bank von der Welle betroffen. Von der Bank sah ich zum Fluss hinunter. Eine Brücke war zerstört und ich konnte nicht einmal zu Fuß zum anderen Ufer kommen. Auch eine Eisenbahnbrücke war zerstört. Ein etwa 20m langes Eisenstück war zusammen mit den Schienen weggerissen worden. Ich sah 2 Stücke davon an einer anderen Brücke hängen – etwa 500 m entfernt und Fluss aufwärts. Es ist eine gewaltige Kraft des Wassers, das zu „leisten“. Ich traf einen Frühmorgen-Spaziergänger in meinem Alter. Er erzählte mir, dass er die Tsunami-Warnung gehört hätte und sofort auf diese Flussbank heraufkam. Er sah eine riesengroße schwarze Welle vom Meer kommen. Er rannte flussaufwärts ohne zurückzuschauen. Solch ein Drama könnten sehr viele Menschen hier erzählen.
Ich ging weiter Richtung Meer. Am Meeresufer waren mehrere große Gebäude der örtlichen Fischerei. Die meisten hatten nur noch ein Dach, das Innere war völlig zerstört. Auch hier traf ich einen, der in der Fischerei arbeitet. Er erzählte mir, dass die Welle über die höchste Spitze des Dachs des Zentralgebäudes hinweggefegt sei. Sie war schätzungsweise 13-14 m hoch. Ich unterhielt mich mit ihm ca. eine Stunde lang. Diese Leute haben das Bedürfnis zu erzählen, spüre ich. Die freiwilligen Helfer/-innen sollten nicht nur ihre Hände bewegen, sondern auch ihre Ohren und Herzen öffnen.
Um 7.30 Uhr gibt es im Pfarrhaus Frühstück. Danach sind Besprechungen. Anschließend waren wir damit beschäftigt, die Hilfsgüter für den Bazar (kostenlose Mitnahme) am nächsten Tag vorzubereiten. Die Kirchenbänke wurden so angereiht, dass die Sachen sowohl auf der Sitzbank als auch auf der Kniebank abgelegt werden konnten. Danach mussten die Sachen sortiert werden: Reis, Gemüse, Obst, Spielzeuge, Küchengeräte, Schuhe, Wolldecken usw. usw. Für die Kleider konnten wir eine große Halle des Kindergartens nebenan benutzen. Natürlich waren alle Kindergärtner/-innen ganz und gar hilfsbereit.
Einige haben die Flyer an verschiedene Flüchtlingslager verteilt. Ich glaube, das waren etwa zehn Schul-Hallen. Ich war auch mit dabei und fühlte mich mit den dort Hausenden verbunden. Zwei oder drei Tage könnten auch für die Erwachsenen lustig sein, aber über einen Monat dort zu leben, ist sehr traurig anzusehen. So warteten wir auf den nächsten Tag mit gewisser Spannung: wie wird das Wetter morgen sein (Es regnete zu diesem Zeitpunkt) und wie viele Leute werden kommen? Abends gab es wieder Generalbesprechungen. Pfarrer Uesugi organisiert die Sache sehr gut. Dem Gerücht nach – nebenbei bemerkt – soll er ein möglicher Kandidat für den Bischofssitz sein.
Am Tag des Bazars selbst wurden den Helfern/-innen verschiedene Rollen zugeteilt. Ich sollte die Schlange der Wartenden ordnen, was ziemlich einfach war. Denn hier wird praktisch gar nicht gedrängelt. Die Leute sind sehr dankbar und geduldig. Gekommen sind ca. 300 Leute. Es hat mich leicht betroffen gemacht, dass auch fein wirkende Damen in der Schlange waren. Ja, sie haben alles verloren. Sie flohen z.T. nur mit dem, was sie am Leib hatten. Tomokazu Mitsuhashi erzählte mir, dass es auch Leute gab, die sich weinend bedankten, wobei es eigentlich keine besonderen Verdienste derer sind, die finanziell oder einsatzmäßig helfen. Es ist nur eine Pflicht derjenigen, die nicht dasselbe erleiden mussten. Denn diese hatten einfach riesiges Glück. Sind wir uns dessen bewusst? Auch bei uns in Deutschland könnte im Prinzip ein AKW hochgehen oder ein Flugzeug auf das Dach herunterkommen. Die Elbe-Flut ist ja nicht lange her.
Pfarrer Uesugi und wir waren uns einig, dass wir keine Mitnahme-Einschränkungen machen sollten. Denn wir wissen nicht, wie stark die Einzelnen betroffen sind und für wie viele Leute sie Vertreter/-innen sind. Viele haben ihre Autos verloren und manche können wegen der Entfernung nicht bis zur Kirche kommen. Bei dieser Aktion haben wir einen Bezirksleiter getroffen, der verzweifelt war, obwohl es sein Gebiet gar nicht getroffen hatte. Als ich dort war, sah ich relativ gut situierte Häuser in einer ruhigen höher gelegenen Gegend. Von außen sieht man die Misere nicht, aber die Einwohnerzahl dieses kleinen Bezirks hat sich nun fast verdoppelt. Viele konnten das Leben im Lager nicht mehr ertragen und siedelten zu Verwandten in diesem Bezirk über. Es mangelte ihnen sogar am täglichen Reis. Erinnern wir uns an das Gebet „unser tägliches Brot gib uns heute“. Ja, das ist hier die Lage. Beim Bazar habe ich eine Dame aus diesem Bezirk gefragt, was ihr besonders fehle. Sie sagte – typisch japanisch beschämt – „der obere Teil der Unterwäsche“, womit sie den BH meinte. Ich sagte ihr, sie solle das Nötigste auflisten, auch für ihre Freundinnen. Bald werde ich es erfahren und ihnen die fehlenden Dinge schicken. So konkret ist das Bedürfnis hier, das ich mit Euren Spendengeldern erfülle – nicht nur Nahrungsmittel und Küchengeräte. Übrigens teile ich Eure Spendengelder mit Tomokazu Mitsuhashi und Ryusuke Okano. Jeder von uns erhält zunächst ein Drittel. Bis jetzt habe ich die beiden begleitet, so dass meine Ausgaben noch gering sind. Ich beobachte, wo ich hauptsächlich helfen kann. Mein Wunschziel ist Minami-Soma, nachdem ich festgestellt habe, dass Soma keine privaten Hilfstransporte mehr empfängt. Dort scheinen die Hilfsgüter schon ausreichend vorhanden zu sein. Minami-Soma leidet zunehmend unter der Radioaktivität. Ein weiterer Bezirk (Iidate-Mura) muss evakuiert werden. Bis jetzt habe ich aber noch keinen ganz konkreten Anhaltspunkt dort. Am kommenden Samstag reise ich wieder mit Ryusuke nach Soma für einen Arbeitseinsatz.
Am 28. April um 14.00 Uhr hatten wir die letzte Besprechung im Pfarrhaus. Anschließend wurden wir von allen Helfer/-innen sehr herzlich verabschiedet. Tomokazu Mitsuhashi ist wieder die meiste Zeit gefahren. Er scheint sehr gerne zu fahren. Auf dem Rückweg war die Straße freier als auf dem Hinweg, so dass wir nach 9 Stunden zu seinem Haus zurückkamen. Trotz der späten Stunde unserer Ankunft hatte seine Frau wieder etwas Leckeres vorbereitet. Wir tranken etwas Bier und gingen ins Bett. Denn wir mussten am nächsten Morgen früh aufstehen, um das Leihauto zurückzubringen.

Viele liebe Grüße

Michael Daishiro Nakajima

600gambarenippon
(Fotos: privat)

Wer Spenden tätigen und/oder Informationen erhalten möchte, kann dies auch über Diakon Manfred Glittenberg, Tel. 06292-1821 oder 06292-928777 abwickeln.

Spendenkonto: Katholischen Pfarrei Rosenberg, Volksbank Kirnau – BLZ 67461733, Konto-Nummer 16250, Stichwort ,,Japanhilfe“

Auch Solidaritätsbekundungen in Form von Postkarten oder Briefen oder von Kindern gemalte Bilder werden in Japan als tröstend und ermutigend erfahren, sehen die Betroffenen daran, dass die Welt Anteil an ihrem Schicksal nimmt.Die Briefe sollten an eine der folgenden Adressen geschickt werden: Daishiro Nakajima, Omachi 5-4-21, Kamakura-shi, 248-0007 Japan oder Tomoichi Mitsuhashi, Ushigome 928-1, Shirakomachi, Chosei-gun, Chiba-ken, 299-4202 Japan. An beide Adressen können gerne Karten und Briefe mit Ermutigungen gesandt werden – möglichst mit einfachen Texten und evtl. auch in Englisch, denn natürlich verstehen nicht sehr viele Japaner deutsch. Mit Hilfe des Internets ist es heute ja auch möglich, ein paar japanische Brocken (in lateinischer Schrift) zu schreiben, wie etwa „Gambare Nippon!“ (Japan, halte durch!). Auch Nachrichten per Mail an: Susanne.nakajima@googlemail.com kommen an. Natürlich dürfen unsere Leser ihre Briefe/Mails auch an die Redaktion übermitteln. Wir werden dafür Sorge tragen, dass sie in Japan ankommen.

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