„Zu viele Risiken und Nebenwirkungen“

AWO Metropolregion Rhein-Neckar warnt: Vorkasse beim Arzt kann teuer kommen

Metropolregion. (pm) Neben Privatversicherten können auch gesetzlich versicherte Patienten ihre Arztrechnung oder den Krankenhausaufenthalt selbst bezahlen und die Rechnung dann bei ihrer Krankenkasse einreichen. Der Bundesgesundheitsminister begründet diese Praxis mit der Kostenkontrolle: Patienten könnten auf diese Weise einfacher Einblick nehmen und damit auf lange Sicht die Gesundheitskosten reduzieren. Doch beim Kostenerstattungsmodell ist Vorsicht geboten. Die Patienten bleiben möglicherweise auf einem Teil ihrer Kosten sitzen.

Ein Problem bei der Vorfinanzierung der medizinischen Behandlung: Die Ärzte können hier ihre Leistungen gegenüber dem Patienten nach der privatärztlichen Gebührenordnung abrechnen. Das bedeutet den bis zu 2,3-fachen Satz im Vergleich zum gesetzlich festgelegten Betrag. Die Krankenkasse darf dem Patienten aber nur die gesetzlich festgelegte Gebühr zurückerstatten. In diesen Fällen muss der Patient selbst für den Differenzbetrag aufkommen. Ein Beispiel: Ein Patient, der wegen Sehproblemen zum Augenarzt geht, hat sich für das Kostenerstattungsmodell entschieden. Er bekommt eine Arztrechnung über 409,85 Euro für die diagnostizierte Weitsichtigkeit. Die Kasse erstattet – gesetzlich festgelegt – den Betrag von 72,89 Euro. Der Patient zahlt 336,96 Euro aus eigener Tasche.

Bei Krankenhausaufenthalten könnten sich Gesundheitskosten noch gravierender auswirken: Die AOK Baden-Württemberg forderte die Krankenhäuser auf, 55 Millionen Euro an die Kasse zurückzuzahlen. Die Krankenhausabrechnungen des Jahres 2010 seien vor allem wegen einer zu langen Verweildauer der Patienten überhöht, so die AOK. Hätten die Patienten die Rechnung vorausbezahlt, müssten sie diesen Betrag von insgesamt 55 Mio. Euro übernehmen. Aus diesem Grund rät die AWO Metropolregion Rhein-Neckar vom Kostenerstattungsmodell ab. „Patienten sollen lieber beim Krankenkassen-Sachleistungs-Modell bleiben“, sagt Gabriele Teichmann, Vorsitzende des AWO Kreisverbands Neckar-Odenwald und Beisitzerin im AWO Bezirksvorstand Baden. „Vorkasse ist kein gutes Mittel zur Kostensenkung. Es treibt vielmehr die Gesundheitskosten für die Patienten in die Höhe.“ Vorsicht auch bei individuellen Gesundheitsleistungen (IGeL): Diese gehören nicht zum Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen und müssen zu 100 Prozent vom Patienten getragen werden.

Wer eine Kontrolle über die Arztkosten haben möchte, kann sich die Arztrechnung schon heute von der eigenen Krankenkasse geben lassen. Diese fordert die Rechnung bei der Kassenärztlichen Vereinigung an und erhält diese aus Datenschutzgründen in einem geschlossenen Umschlag, den sie an die Patienten weitergibt.

„Wir schauen mit Sorge auf die Gesundheitsreform 2011 und befürchten, dass sie einen Schritt in Richtung Mehr-Klassen-Medizin bedeutet“, erklärt Gabriele Teichmann. „Wer selbst bezahlen kann, könnte beim Arzt oder im Krankenhaus den Vorzug vor einem Patienten mit dem bisherigen Kostenerstattungsmodell bekommen. Dies gilt es zu verhindern.“

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