Sexualisierte Gewalt geht alle an

Fazit: Hinsehen – handeln – helfen – wach bleiben

von Liane Merkle

Seckach. „Der Umgang mit sexualisierter Gewalt geht uns alle an“ lautete das sehr aktuelle Thema eines Caritas-Schulungsnachmittags im Saal der Adelsheimer Kirchengemeinde „St. Marien“. Als Referentin konnte Ria Zipperlein vom Veranstalter-Team „Caritas der Gemeinde Adelsheim“ und Seelsorgeausschuss „Caritas und Soziales“ neben rd. 30 Interessierten Mathilde Roentgen, Geschäftsführerin des DKD-Diözesanverbandes Freiburg, begrüßen.

Schon die Resonanz zu dieser Veranstaltung dokumentierte, dass der Umgang mit sexualisierter Gewalt nicht nur einzelne, sondern alle angeht. Und in der anfänglichen Vorstellungsrunde zeigte sich, dass ein Viertel der Teilnehmer Menschen kennen, die von sexualisierter Gewalt betroffen sind.

Beim Einstieg in das Thema durch eine Nähe-Distanz-Übung konnte die Teilnehmenden ihre eigene Reaktionsgeschwindigkeit und –intensität auf mögliche Übergriffe in der Begegnung mit Menschen austesten, bevor Mathilde Roentgen über sexualisierte Gewalt an Kindern und Jugendlichen informierte. Sie zeigte Formen und Umfang sexualisierter Gewalt auf und informierte über Täter(innen)strategien und das Dilemma der Opfer.

Der Umgang mit einem Verdacht sexualisierter Gewalt wurde dann in einer offenen Gesprächsrunde besprochen. Dabei wurde deutlich, dass es z. B. auch darum geht, als Erzieherin die Wahrnehmung eines Verdachtes ernst zu nehmen, ihn mit einer Kollegin des Vertrauen zu besprechen und Fachstellen mit zu Rate zu ziehen. Fachstellen in der Region sind der Caritasverband sowie die kirchlichen Regionalstellen.

Dabei war aber auch das Dilemma mit dem Umgang mit einem Verdacht zu erkennen. Einigkeit bestand jedoch über die Priorität, zum einen Kinder und Jugendliche zu stärken, um zu verhindern, dass sie Opfer sexualisierter Gewalt werden.
Und zum anderen, durch gezielte Öffentlichkeitsarbeit (z.B. Elternabende, Schulungsnachmittage) Menschen zu motivieren, aufmerksam „hinzuschauen“, damit Kinder und Jugendliche vor sexualisierter Gewalt geschützter sind.

Den zweiten Part der Veranstaltung widmete Mathilde Roentgen der Gewalt an schutzbefohlenen Erwachsenen, wobei der Schwerpunkt auf Gewalt an Frauen im Alter lag. Die Informationen darüber „schlummern“ noch.

Es gibt hierzu bislang wenig Daten und Erfahrungsberichte. Das wenige vorliegende Material lässt aber vermuten, dass die Dunkelziffer an Vorfällen von sexualisierter Gewalt gerade an Frauen im Alter sehr hoch ist.

Die Referentin berichtete, dass Menschen im Alter, der Anteil der Frauen liege bei knapp 90 Prozent, sexuelle Gewalt in ihrer Wohnung erleben durch Personal, Mitbewohner, Eindringlinge in stationären Einrichtungen, im öffentlichen Raum durch unbekannte Täter.
Aus Medienberichten sei außerdem bekannt, dass die Gewaltanwendungen häufig sehr brutal seien.

Eine hohe Dunkelziffer scheint auch gegeben bei Opfern, die langjährigen, schwerwiegenden sexuellen Gewaltdelikten durch ihnen nahe stehende Personen, vor allem Ehe- und Lebenspartner, ausgesetzt sind.

Des weiteren sprach die Referentin spezifische Opferkontexte und -gruppen an, wie z.B. sexualisierte Gewalt an und von demenzerkrankten Menschen, Traumata einer Vergewaltigung während des Krieges, das sich im Alter reaktiviert.

Wie Kinder und Jugendliche auch, bräuchten Menschen im Alter Mitmenschen, die ihre Not aufmerksam wahrnehmen, ihre Zeichen verstehen, ihnen helfen ihre Scham zu überwinden und das „Unsagbare“ auszusprechen oder ihrer Mitteilung über die Erfahrung sexualisierter Gewalt Glauben schenken, sie ermutigen, sich von Fachleuten beraten und begleiten zu lassen.

Das Fazit der Schulung: Hinsehen – Handeln – Helfen – Wach bleiben.

Diakon Depta dankte der Referentin für diese gelungene Veranstaltung verbal, die Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit lang anhaltendem Applaus, der auch dokumentierte, dass eine wichtige Botschaft angekommen war.

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