„Hoher“ Besuch beim Integrationssprachkurs

Landrat Dr. Achim Brötel, sein Stellvertreter Martin Wuttke und Buchens Bürgermeister Roland Burger sprachen mit Teilnehmerinnen und Teilnehmern des Integrationssprachkurses BAMF 19 an der VHS Buchen über ihre Erfahrungen. Devit Nayir, ursprünglich aus der Türkei, fasste seine überaus positiven Erfahrungen zusammen: „Als ich hierher kam, hatte ich niemanden. Jetzt habe ich 19 Freunde und traue mich, überall deutsch zu sprechen.“ (Foto: LRA)

Buchen. „Hoher“ Besuch beim Integrationssprachkurs BAMF 19 an der Volkshochschule Buchen: Landrat Dr. Achim Brötel, der Erste Landesbeamte Martin Wuttke und Buchens Bürgermeister Roland Burger wollten sich selbst ein Bild machen von den wichtigen Sprachkursen, deren Rahmenbedingungen gerade auf dem Land schwierig sind, und natürlich auch von den Sorgen und Nöten der Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Um es gleich vorweg zu nehmen: Berührungsängste wurden bei diesem Treffen schnell zur Seite gepackt und beide Seiten konnten wichtige und wertvolle Informationen mit nehmen.

Margit Schölch leitet den Kurs mit 20 Teilnehmerinnen und Teilnehmer, deren Heimatländer und Hintergründe höchst unterschiedlich sind. Die überwiegend jungen Leute kommen aus der Ukraine und Russland, aus dem Kosovo und der Türkei, von den Philippinen, aus Thailand und Marokko, um nur einige zu nennen. Die meisten sind erst einige Monate im Land, etliche leben aber auch schon seit vielen Jahren in Deutschland. Der Integrationssprachkurs umfasst 900 Unterrichtsstunden und am Ende steht der „Deutschtest für Zuwanderer“, der unter anderem Voraussetzung für eine spätere dauerhafte Aufenthaltserlaubnis ist. Ein Orientierungskurs, bei dem es vor allem um deutsche Geschichte, Kultur, Rechtsordnung und Traditionen geht, kann im Anschluss besucht werden. Die Dozentinnen haben im Übrigen teilweise selbst einen Migrationshintergrund. „Damit haben wir sehr gute Erfahrungen gemacht“, bestätigte Margit Schölch.

Finanziert werden die Kurse durch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF).
Unterrichtssprache ist deutsch. Und so stellten sich alle zunächst persönlich vor – auch die Gäste. Deutlich wurden auch hier große Unterschiede: Während sich etliche Frauen ohne Berufsausbildung als Hausfrauen bezeichneten, fanden sich auch eine Tourismus-Managerin, eine Friseurin, eine Köchin, ein Reiseleiter oder ein junger Mann, der in der Türkei BWL studiert hat, in der Gruppe. Sie alle haben das Problem, dass ihre im nichteuropäischen Ausland absolvierten Ausbildungen in Deutschland nicht ohne weiteres anerkannt werden. Der Landrat und Bürgermeister Burger erklärten die Hintergründe – manchmal sind Lehrinhalte schlicht nicht vergleichbar – und ermunterten die Leute, sich von zusätzlichen Prüfungen in Deutschland nicht abschrecken zu lassen. „Da gibt es ganz bewundernswerte Beispiele von Menschen wie Ihnen, die sehr schnell sehr gut deutsch gelernt und ergänzende Prüfungen abgelegt haben und jetzt auch hier ihren Weg machen“, erklärte Roland Burger: „Das kann man natürlich nicht verallgemeinern, aber es zeigt, was tatsächlich möglich ist.“

Dass die Sprache grundsätzlich der absolut unverzichtbare Schlüssel zu „besseren“ Jobs und natürlich auch zur Integration ist, wurde von niemandem in Frage gestellt. „Wenn sie deutsch sprechen und verstehen können, ist das für Sie hier die Eintrittskarte für alles andere. Das heißt nicht, dass sie ihre kulturelle Identität vergessen oder verleugnen sollen, im Gegenteil. Bereichern sie unsere Kultur, wie es die Vertriebenen nach dem Zweiten Weltkrieg und die Deutschen aus Russland in den Neunziger Jahren getan haben“, so Landrat Dr. Achim Brötel.
Die Vorteile verbesserter Deutschkenntnisse wurden klar benannt. So muss Anna Weber, die aus der Ukraine stammt, nun „niemanden mehr mitnehmen für die Übersetzung im Geschäft oder bei Behörden“. Eine andere Frau versteht jetzt endlich, was die Freunde ihrer Kinder erzählen. Und Devit Nayir, der in der Türkei studiert hat, bestätigt, dass er dank des Unterrichts viel freier reden könne: „Früher hatte ich Angst davor, Fehler zu machen. Jetzt traue ich mich einfach.“

Grundsätzlich seien die Unterrichtsstunden zu knapp und die Gruppen zu groß, wurde erklärt: „Deutsch ist nämlich eine schwere Sprache.“ Hier ermunterten die Gäste die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, das tägliche Leben als zusätzliche „Übungsstunden“ zu nutzen: „Reden sie auch in der Familie immer mal wieder deutsch, kommen sie ins Gespräch mit Ihren Nachbarn, im Supermarkt, in der Schule ihrer Kinder. Schauen Sie deutsche Fernsehprogramme und lesen sie deutsche Zeitungen und Bücher.“ Obwohl doch laut Landrat der Sport das beste Beispiel für eine gelungenen Integration sei – „Wo stände die deutsche Fußballnationalmannschaft ohne ihre nicht deutschstämmiger Spieler?“ – scheint die Hemmschwelle für den Beitritt zu einem Sport- oder sonstigen Verein sehr hoch zu sein. Das bestätigte auch Margit Schölch: „Bei fast allen ist gerade da die Angst vor Ablehnung groß.“

Die Gäste jedenfalls waren beeindruckt von der Qualität der bereits jetzt erlernten Deutschkenntnisse. „Wir können uns gut unterhalten und das ist nach gerade mal zwei Dritteln der Kursstunden schon ein toller Erfolg“, bestätigte auch die Leiterin der VHS Buchen, Renate Andres. Dass die sehr bürokratischen Rahmenbedingungen durch das BAMF insbesondere für den Ländlichen Raum verbessert werden müssen und die dezentrale Durchführung entsprechender Kurse auch mit weniger Teilnehmern nicht auf die lange Bank geschoben werden kann, dafür will sich der Landrat nach wie vor politisch einsetzen: „Wer eine verlässliche Integrationspolitik fordert, muss auch eine verlässliche Kursfinanzierung sicher stellen.“

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