Zwischen Main und Tauber

Neu konzipierte Modersohn-Sammlung

Wertheim. (pm) Das Grafschaftsmuseum Wertheim zeigt ab Juli 2011 seinen Sammlungsbestand in neuer Konzeption. Der Kern der Sammlung von 14 Wertheim-Bildern Otto Modersohns beruht auf einer Schenkung des Wertheimer Kunstmäzens und Sammlers Wolfgang Schuller und wird ergänzt durch Bilder von Louise Modersohn-Breling aus eigenem Bestand, einer Schenkung und private Leihgaben. Weitere Bilder und Zeichnungen von Friedrich Ahlers-Hestermann, Vilmos Perlrott Csaba, Margit Graber-Perlrott, Bela Czóbel und Gertraud Rostosky aus dem mit den Modersohns befreundeten Wertheimer und Würzburger Künstlerkreisen werden in einem eigenen Raum unter dem Titel „Zwischen Main und Tauber“ versammelt sein.

Die Reisen der Modersohns nach Franken fallen in eine Zeit der künstlerischen Wandlung. Otto Modersohns Malerei und das Gefüge seiner Bilder verändern sich. Die Malerei Cézannes und anderer Franzosen, genannt seien hier stellvertretend Renoir und Pascin, bleibt nicht ohne Einfluss, ebenso wie die Formvereinfachung des deutschen Expressionismus in eigener Weise verarbeitet wird. Otto Modersohn reagiert auf zeitgenössische Entwicklungen, ohne seine künstlerische Herkunft zu verleugnen. Er schließt sich nicht dem Kubismus, Futurismus oder Orphismus an. Auch den Tendenzen der „Neuen Sachlichkeit“ steht er, im Gegensatz zu seiner Frau Louise Modersohn-Breling, eher fern. Er schätzt Kokoschka, Corinth, Liebermann und Rudolf Grossmann. Genannt in seinem Tagebuch wird immer wieder auch das kleine Winterbild von Rembrandt in der Kasseler Sammlung, die er einige Male aufsucht. Entscheidend für Otto Modersohn ist die malerische Durchdringung des „Stoffes“. In seinem Tagebuch befragt er ständig und wiederholend das ihm zur Verfügung stehende technische Repertoire: Leinwand oder Pappe, saugender oder nichtsaugender Grund, trocken oder nass, dünn oder pastos, flächig oder detailliert lebendig sind die Gegensatzpaare, die immer wieder in ihren malerischen Möglichkeiten erörtert werden. Die Vielfalt der Abwägung spiegelt sich in den Bildern dieser Jahre.

Mit seiner Frau Louise Modersohn-Breling führt er einen intensiven Dialog über die Bedingungen der Malerei. Das Künstlerehepaar reiste 1916, während des Ersten Weltkrieges, erstmals nach Franken. Diese „vielleicht meine schönste“ Reise ist im Tagebuch Otto Modersohns ausführlich beschrieben. Auch sein Skizzenbuch zeugt davon.

1922 besucht man erneut Wertheim, zusammen mit Kollegen, die zuvor in Fischerhude, nun in „anregendem Verkehr“ dorthin eine Studienreise unternehmen. Im ständigen künstlerischen Austausch mit dem Hamburger Malerehepaar Povorina/Ahlers-Hestermann, der Würzburger Malerin Rostosky, den Ungarn Maria Galimberti und dem Ehepaar Perlrott entstehen in der Auseinandersetzung mit einer „ungewohnten“ Landschaft farbkräftige und formstarke Bilder.

Zu einer zunächst geplanten Wiederholung im folgenden Jahr kommt es nicht. Povorina und Ahlers-Hestermann fahren zusammen mit Galimberti und Perlrotts nach Ungarn. Modersohns erkunden in den Sommermonaten die fränkischen Kleinstädte Iphofen und Sulzfeld. Man besucht Würzburg, Bamberg, Regensburg und Passau. Zurück geht es über München, mit den Besuchen des Glaspalastes, der Neuen und Alten Pinakothek und einer Marées-Ausstellung in der Galerie Thannhauser.

1924 findet sich der Freundeskreis nach einem Besuch Würzburgs und dem Hofgut „Neue Welt“ erneut in Wertheim ein. Modersohns genießen die anregende, ungezwungene Atmosphäre des Main/Tauber Städtchens. Es ist das Jahr des wohl intensivsten künstlerischen Austauschs. Louise Modersohn schreibt „das A und O aller Künste ist die Conception“ und malt zahlreiche sehr beachtenswerte Stadtbilder und ein eindringliches Portrait der Stieftochter Mathilde (Tille) Modersohn.

In den darauf folgenden Jahren 1925, 1926, und 1927 sind die Besuche Würzburgs nur Station auf den Reisen ins Allgäu. Trotzdem gehört das Jahr 1925 zu den ertragreichsten Aufenthalten Otto Modersohns in Würzburg. Nur wenige Bilder dieser Jahre sind erhalten, bzw. bekannt. Die Palette hellt auf, der Malgrund, vornehmlich Leinwand und Malpappen von „Schoenfeld“, ist nichtsaugend und ermöglicht einen lebendigen, Malduktus. Sparsam gesetzte Farbe gibt auf hellen Gründen den Eindruck blendender Lichtfülle. Otto Modersohns Stärke ist die Erfassung des gestaffelten Landschafts- und Lichtraumes. Louise Modersohn-Breling hingegen hat ein ausgeprägtes Formempfinden, das insbesondere ihre architekturbezogenen Bilder auszeichnet.

Kurzfristig erfüllen sich für Otto Modersohn lang ersehnte Ideale. Modersohn entdeckt 1924 Nessel als Malgrund für sich. Schwach grundiert, geleimt, scheint er als idealer Träger für eine Malerei ohne Kontur geeignet zu sein. Ein Ansatz, der dann im Spätwerk zu sehr ähnlicher Ausprägung findet. Das Sfumato der Farben an ihren Grenzen, der insgesamt schimmernde Eindruck alter Gewebe, kommt schon 1924 seinem Wunsch nahe, für seine gezeichneten Kompositionen eine malerische Entsprechung zu finden. So kann sich im Fischerhuder Spätwerk eine Vorgabe aus den Worpsweder Tagen Rilkes verwirklichen:
„Je vollkommener und naiver aber der Ausdruck in seinen Bildern wird, desto mehr empfangen auch sie vom Geiste der Sprache, in der sie geschrieben sind, desto mehr nähern sie sich dem Wesen jener Blätter, wie sich die Menschen vielleicht, je reifer sie werden, immer mehr ihren Seelen nähern, bis sie endlich, an einem Höhepunkte des Lebens, mit ihnen eins werden. So gehen auch hier zwei Wege einer seltsamen und man kann sagen, selten schönen künstlerischen Entwickelung aufeinander zu, um, vielleicht sehr bald, ineinander zu fließen.
Erst wenn eine solche Vereinigung erfolgt sein wird, wird man diesen Dichtermaler kennen, wie er jetzt schon im Dunkel  jener kleinen Blätter, die sich nicht vervielfältigen lassen, lebt und wie seine besten Bilder ihn versprechen“.

Schon bald wird diese „Entdeckung“ von anderen Zielen und Wünschen verdrängt, um dann im Spätwerk erneut aufgenommen zu werden. Die Reisen nach Franken und ins Allgäu waren wichtige Stationen der Selbstfindung in der künstlerischen Entwicklung Otto Modersohns.

Infos im Internet:
www.grafschaftsmuseum.de

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