Lehrstellenmarkt im Umbruch begriffen

Wirtschaft kann über 800 Lehrstellen bisher nicht besetzen.

Heidelberg. (ihk) Die Unternehmen im Bezirk der Industrie- und Handelskammer (IHK) Rhein-Neckar bieten in diesem Jahr erheblich mehr Ausbildungsplätze an. Zum Stichtag 30. Juni 2011 wurden 197 Ausbildungsverhältnisse mehr abgeschlossen als im Vorjahr. Insgesamt sind derzeit 2528 neue Ausbildungsverhältnisse in das IHK-Verzeichnis der Ausbildungsverträge eingetragen. Das ist eine prozentuale Steigerung von 8,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Derzeit sind sogar sehr viele weitere Lehrstellen noch unbesetzt. Damit befindet sich der regionale Lehrstellenmarkt in einem starken Umbruch.

„Die deutlich erhöhte Ausbildungsbereitschaft hat sich bereits bei der Anfang des Jahres bundesweit durchgeführten Ausbildungsumfrage angedeutet. Damals haben 26 Prozent unserer Mitgliedsbetriebe ihre Absicht erklärt das Ausbildungsangebot zu erhöhen; lediglich 15 Prozent planten das Angebot einzuschränken“, so IHK-Hauptgeschäftsführer Axel Nitschke.

Aus diesen Planungen sind demnach jetzt Fakten in Form von zusätzlichen Ausbildungsverträgen geworden. Entscheidend für dieses Ergebnis sind vor allem zwei Faktoren: Die guten Konjunkturaussichten und der drohende Fachkräftemangel: „Hier verschieben sich die Gewichte. War bislang das Ausbildungsengagement stets sehr von den Geschäftserwartungen geprägt, so ist die Sicherung des Fachkräftebedarfs jetzt bei über der Hälfte der Unternehmen das entscheidende Motiv“, stellt Nitschke fest. Und deshalb „haben wir es mit einem Umbruch auf dem Ausbildungsmarkt zu tun, der in den nächsten Jahren die Unternehmen angesichts der demographischen Entwicklung vor große Herausforderungen stellt.“

Der Bezirk der IHK Rhein-Neckar ist für die statistische Erfassung der Lehrstellen in vier Gebiete unterteilt: Mannheim Stadt, Heidelberg Stadt, Rhein-Neckar-Kreis und Neckar-Odenwald-Kreis. Den stärksten prozentualen Zuwachs kann hier der Rhein-Neckar-Kreis aufweisen: Die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverhältnisse stieg dort um 19,3 Prozent, was dort insbesondere auf eine Steigerung von 34,9 Prozent bei den gewerblich-technischen Ausbildungsverträgen zurück zu führen ist. Die Stadt Heidelberg hingegen ist das einzige Gebiet, in dem die neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge sogar leicht zurückgegangen sind. Hier ist ein Minus von 2,1 Prozent zu verzeichnen. In absoluten Zahlen sind dies jedoch nur neun neue Ausbildungsverhältnisse weniger als im Vorjahr. „Wir sind deshalb optimistisch, dass bis zum Ende der aktuellen Einstellungsperiode, also bis Ende September diesen Jahres, auch in Heidelberg ein insgesamt positives Ergebnis erreicht werden wird“, so Nitschke.

„Außerdem haben wir nach diesem Zwischenstand allen Grund zur Zuversicht, dass die letztjährige Zahl von 4221 neu abgeschlossenen Ausbildungsverhältnissen zum Ende des Monats September von unseren Mitgliedsbetrieben übertroffen wird“, ist sich Nitschke sicher. Dies sind nicht nur gute Aussichten für die Schulabgänger, sondern auch für so genannte Altbewerber, also junge Menschen, die sich in den letzten Jahren vergeblich um eine Lehrstelle bemüht haben. „Auch diese Zielgruppe sprechen wir heute in Kooperation mit Unternehmen, der Handwerkskammer und der Arbeitsagentur mit unserer Lehrstellenbörse in der Heidelberger Print-Media-Akadamie (PMA) an.“

Noch rund 800 freie Lehrstellen signalisieren ebenfalls, dass sich der Ausbildungsmarkt im Umbruch befindet. „Das sind gute Nachrichten für alle, die auf Lehrstellensuche sind, für die Firmen ergeben sich aber zunehmend größere Probleme ihren Fach- und Führungskräftenachwuchs zu decken“, sagte Nitschke. Immer mehr Betriebe klagen über eine rückläufige Zahl von Bewerberinnen und Bewerbern.

28,2 Prozent geben an, dass sie nicht alle Plätze besetzen konnten. Bei der aktuellen Abfrage der IHK nach offenen Ausbildungsplätzen für diese Börse gaben 95 Betriebe an, dass sie keine geeigneten Bewerbungen erhalten haben. Zahlreiche Firmen haben bereits überhaupt keine Bewerbungen auf angebotenen Lehrstellen bekommen; 40 Betriebe haben das bei der aktuellen Abfrage nach offenen Lehrstellen beklagt. Hinzu kommt  als Problem für die Betriebe, dass eine noch immer viel zu hohe Zahl von abgeschlossenen Ausbildungsverhältnissen letztlich von den Bewerberinnen und Bewerbern zum Ausbildungsbeginn nicht angetreten wird. Hierüber klagen 26,8 Prozent der befragten Firmen. „Um diesem Problem früher zu begegnen, hat die Vollversammlung der IHK gerade gestern beschlossen, noch mehr Zeit und Geld
in die frühe Information und das frühe Matching zwischen Schülerinnen und Schülern sowie Unternehmen zu investieren“, ergänzte Nitschke.

„Die Zeiten des Lehrstellenmangels sind angesichts dieser Zahlen auf längere Sicht vorbei. Es steht zu erwarten, dass die Sorge der kommenden Jahre nicht mehr den Jugendlichen gelten muss, sondern den Unternehmen, die angebotene Lehrstellen nicht besetzen können. Damit droht der wichtigste Rohstoff und Standortvorteil der heimischen Wirtschaft zur Mangelware zu werden: Gut ausgebildete, betriebliche Fachkräfte“, bilanziert Nitschke.

Auch die Vielzahl und Vielfalt der Lehrstellen, die heute auf der Börse angeboten werden, bestätigt den bereits erläuterten Umbruch. Sie reicht vom Gastgewerbe über den Handel bis hin zur Logistik, Informatik sowie zu den Metall- und Elektroberufen. Alleine die Mitgliedsfirmen der IHK Rhein-Neckar wollen heute hier in der PMA noch 503 Ausbildungsplätze besetzen. Hinzukommen weitere 292 Stellen der Handwerkskammer, die ebenfalls mit einem Stand auf der Börse vertreten ist. Insgesamt können heute also rund 800 neue Ausbildungsverhältnisse noch für dieses Jahr direkt vor Ort angebahnt werden. Darüber hinaus haben die IHK-Mitgliedsbetriebe bereits 414 Ausbildungsplätze zur Besetzung im nächsten Ausbildungsjahr, mit Ausbildungsbeginn im September 2012, gemeldet. „Wir haben also auch für Schülerinnen und Schüler, die sich frühzeitig beruflich orientieren, ein reichhaltiges Angebot“, so Nitschke
abschließend.

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