Frauenfußball als Botschaft

MdEP Dr. Franziska Brantner und MdL Charlotte Schneidewind-Hartnagel mit Migrantinnen in der Rhein-Neckar-Arena

von Kirsten Baumbusch

MdL Charlotte Schneidewind-Hartnagel  auf dem Rückweg in der überfüllten S-Bahn. (Foto: Hofherr)

Sinsheim. Die Fußballweltmeisterschaft machte es offensichtlich. Deutschland ist weiblich, fröhlich, bunt, international und ganz schön jung. Den Eindruck konnte zumindest gewinnen, wer den Fanbus zu Gesicht bekam, der von Tübingen aus zum kleinen Finale um den dritten Platz zwischen Schweden und Frankreich in der Rhein-Neckar-Arena in Sinsheim unterwegs war. Mit an Bord des Gefährts, das von der Frauenrechtsbewegung „Terre des Femmes“ sowie dem interkulturellen Mehrgenerationenhaus InFö gemietete wurde, war auch die Europaabgeordnete von Bündnis90/Grünen Franziska Brantner. Die 31-Jährige, die neben Wohnsitzen in Brüssel, Heidelberg und Freiburg auch in Tübingen zuhause ist, freute sich über die Mitfahrgelegenheit.

Gemeinsam mit der örtlichen grünen Landtagsabgeordneten Charlotte Schneidewind-Hartnagel, die neben ihrem Amt im Fraktionsvorstand auch noch frauenpolitische Sprecherin ihrer Fraktion ist, begleitete sie 50 Mädchen und Frauen aus Schwaben zum Spiel um Bronze.

Hintergrund war die „Terre des Femmes“-Aktion „Frau in Bewegung – Farbe bekennen und Beine machen“. Damit, so die Geschäftsführerin Christa Stolle, solle nicht nur gewürdigt werden, dass „Fußballerinnen Frauenrechtlerinnen per se“ seien und „Botschafterinnen
der Emanzipation und Selbstbestimmtheit, sondern auch das Augenmerk auf die wichtige Rolle gelenkt werden, die Sport in Sachen Integration von Migrantinnen spielt.

„Bewegungsfreiheit ist ein Menschenrecht“, so die Vertreterin von „Terre des Femmes“. Eine Erfahrung, die auch SC-Freiburg-Fan Franziska Brantner bestätigen kann. Die Abgeordnete mit
Sitz im Frauenrechts-, Haushalts- und Auswärtigen-Ausschuss des Europa-Parlaments hat den „Arabischen Frühling“ der letzten Monate intensiv politisch begleitet und immer wieder auf die Rolle der Frauen und ihre Bedürfnisse aufmerksam gemacht. Die Politikerin Brantner und
die Menschenrechtsaktivistin Stolle wissen, dass beispielsweise Frauen im Iran nicht in die Stadien dürfen und dass Fußballspielen für Mädchen und Frauen in Saudi Arabien, ein
Ding der Unmöglichkeit ist. Aber auch in Deutschland ist längst nicht alles Gold was glänzt, unterstrichen beide Vertreterinnen am Rande des Spiels in Sinsheim.

Viele junge Migrantinnen dürfen auf Druck ihrer Familien nicht am Schulsport teilnehmen. Außerdem halten die Sportvereine wenig Angebote bereit, die auf die speziellen Bedürfnisse der Mädchen vor deren kulturellen Hintergrund eingehen.

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Die beiden Abgeordneten Dr. Franziska Brantner (li.) und Charlotte Schneidewind-Hartnagel (2.v.re.) mit Christa Stolle (re.), Geschäftsführerin „Terre des Femmes“ und Margarete Lanig-Herold, Geschäftsführerin InFö Tübingen. (Foto: Hofherr)

Darüber hinaus ist der Deutsche Fußballbund (DFB) auch noch nicht lange so aufgeschlossen gegenüber Frauenfußball, wie er sich zwischenzeitlich präsentiert. Zwar begann mit dem Gewinn des Weltmeistertitels durch die Frauenteams auch in der Bundesrepublik die Diskussion um Frauenfußball, merkt MdL Charlotte Schneidewind-Hartnagel an. Damals argumentierte man mit dem Verlust der weiblichen Anmut beim Kampf um den Ball, zitierte die Landtagsabgeordnete den DFB. Körper und Seele würden Schaden erleiden und die Zurschaustellung des Körpers die Schicklichkeit verletzen, so der Verband damals weiter. Die Frauen ließen sich jedoch nicht kleinkriegen, so die Landespolitikerin weiter, worauf das Verbot 1970 aufgehoben wurde. Dennoch haben Frauenspiel früher nur 70 Minuten gedauert, während Männern zugetraut wurde, mehr Ausdauer zu haben, um 90 Minuten gegen das runde Leder zu treten. Noch 18 Jahre sollte es dauern, bevor die gleiche Spieldauer eingeführt wurde, so Schneidewind-Hartnagel.
Auch heute würden Frauen im Fußballsport stark benachteiligt, verdiene doch die mehrfache Weltfußballerin Birgit Prinz nur ein Zehntel im Vergleich zu männlichen Kickern wie Miroslav Klose.

Dennoch hat sich in den letzten Jahren viel getan, wussten die Frauenpolitikerinnen Brantner und Schneidewind-Hartnagel zu berichten. So seien in Baden-Württemberg derzeit 585 Frauen und 1394 Mädchenmannschaften gemeldet. Die Zuwachszahlen beweisen, dass hier brillanter Sport geboten wird.

Auf dem Platz und im Spiel zählt die sportliche Leistung. Herkunft und sozialer Status spielen dabei keine Rolle. Dies bestätigt auch Gissela Yovera aus Peru, die nach den Sprachkursen bei InFö nachmittags in der Mannschaft des Tübinger Bildungsprojekts kickt. „Ich fühle mich
dann einfach frei, kann mich nach Herzenslust bewegen und eine Powerfrau
sein“, berichtet die Kickerin aus Südamerika. Genau das haben sich Margarete Lanig-Herold und ihr Team des gemeinnützigen Bildungsträgers immer gewünscht. In Sabine Schönweiß,
die bei den „Alten Herren“ der TSG Tübingen mitspielt, hat man sogar eine versierte Trainerin gefunden.
Zwischenzeitlich ist das auch beim Fußballbund aufgefallen und „Gol“, das Fußballprojekt des Vereins wurde mit dem Integrationspreis des DFB ausgezeichnet.

Keinesfalls zufällig gewählt war auch der Ort, wo sich die Mädchen und Frauen auf Einladung der grünen Europaabgeordneten im Vorfeld des Spiels stärken konnten. Das Café am Burgplatz, direkt an der Fanmeile in Sinsheim gelegen, ist ein sogenannten integratives Projekt, in dem sowohl Menschen mit, als auch ohne Behinderung ihren Arbeitsplatz finden.

Viel zu jubeln gab es beim kleinen Finale um den dritten Platz bei der Frauen-WM 2011.
Insgesamt sahen die Besucherinnen aus Tübingen mit den beiden Abgeordneten drei Tore und eine rote Karte. Nach der Führung durch Lotta Schellin in der 29. Minute gelang den Kickerinnen aus Frankreich in der 58. Minute durch Elodie Thomis der Ausgleich. Trotz Unterzahl trafen die Skandinavierinnen in der 82. Minute durch Marie Hammarström der Treffer, der letztlich die Bronzemedaille brachte. Aber auch „Les Bleues“ dürfte nach der ersten Enttäuschung zufrieden nach Hause fahren, erreichte man doch mit Rang 4 die beste Platzierung in der eigenen WM-Geschichte.

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