Landesjugendorchester hinter Gittern

Begeisterndes Konzert in der JVA Adelsheim

von Klaus Brauch-Dylla

Adelsheim. Am Vorabend hatten sie bei der von einem Feuerwerk umrahmten „Italienischen Nacht“ beim Festival Schloss Kapfenburg brilliert, am Samstag gastierten sie hinter Schloss und Riegel – das Landesjugendorchester Baden Württemberg. Über 80 junge Musikerinnen und Musiker, sämtlich musikalische Spitzentalente des Landes, bereicherten die Jugendstrafanstalt Adelsheim mit einem außergewöhnlichen Konzert. Die Idee zu dieser Begegnung von Jugendlichen aus ganz unterschiedlichen Lebenswelten hatte Dekan i. R. Dr. Fritz Sperle, der mit der Konzertgemeinde Adelsheim die jungen Symphoniker schon mehrfach zu Gast hatte. Der ehemalige Anstaltsgeistliche fand in Orchesterdirektor Detlef Hartmann einen engagierten Verbündeten, der mit dem Auftritt auch einen menschlich bereichernden Höhepunkt für die Sommertournee seiner jungen Künstlerinnen und Künstler setzen wollte. Beiden dankte Maida Dietlein als stellvertretende Anstaltsleiterin bei ihrer Begrüßung für das Angebot, auf das man trotz schwieriger baulicher Umstände – in der seit vergangenem Herbst in Umbau befindlichen Turnhalle war noch am Vortag gearbeitet worden – nicht verzichten wollte.
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(Foto: Brauch-Dylla)


Zunächst war man im Adelsheimer Jugendgefängnis gespannt gewesen, ob das Angebot eines klassischen Konzertes unter den Insassen, bei deren durchweg gänzlich anderen Hörgewohnheiten, Anklang finden würde. Dass am Samstag dann fast 60 junge Männer gemeinsam mit gut 50 Gästen und Mitarbeitern das Orchester begrüßten war als erster Erfolg zu werten, wie schnell dann der Funke übersprang für die Macher begeisternd. Dazu trug das Einfühlungsvermögen von Dirigentin Anna-Sophie Brüning und Detlef Hartmann entscheidend bei. Ihre Techniker hatten ihnen berichtet, dass die Aufbauhelfer aus der Knastband mitgeteilt hatten, dass nur wenige Insassen von unverstärkten Musikinstrumenten oder klassischer Instrumentierung wüssten. Woraufhin Brüning das Programm – Ausschnitte aus dem Tourneeprogramm der Frühjahrs- und Sommerarbeitsphase 2011 „Aus Italien“ – spontan umstellte und zunächst ihr Blechbläserensemble mit Giovanni Gabrielis Sonata Pian’e Forte vor das Publikum treten lies. Nach dem Eingangsstück stellten ihre Musiker in Zwiesprache mit den Zuhörern die Instrumente vor. Und die Kostproben mit populären Klangbeispielen, wie beispielsweise der „Fluch der Karibik“ – Hymne als Hornsolo, trafen auf offenen Ohren, mucksmäuschenstill war es bei der Demonstration der beiden Harfistinnen.
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(Foto: Brauch-Dylla)

Die durchdringende Energie der Orchestermusik wurde erstmals bei Verdis Don Carlos-Ouvertüre „die Macht des Schicksals“ deutlich. Sodann brachte die junge, mehrfach preisgekrönte Sopranistin Sophie Klußmann ihr Instrument, die unverstärkte menschliche Stimme zum klingen und gab die Arie der Lauretta „O mio babbino caro“ von Giacomo Puccini zum Besten. Es folgte Felix Mendelssohn Bartholdy, der unter den Eindrücken seiner Italien-Reise in den Jahren 1830 bis 1833 seine „Italienische Sinfonie“ Nr. 4 komponiert hatte (4. Satz). Den Abschluß bildete Peter Tschaikowsky. In seinem „Capriccio Italien op. 45“, das er während eines Romaufenthaltes 1878/79 komponierte, verarbeitete er italienische Volksmusik zu einem mitreißend klangvollen Orchesterwerk.
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(Foto: Brauch-Dylla)
Stehende Ovationen waren die Folge, der Nachmittag ein über den Musikgenuss hinausgehendes beeindruckendes Erlebnis. Aus dem Experiment war ein voller Erfolg geworden, der auch die virtuose und leidenschaftliche Dirigentin Anna-Sophie Brüning und die Solistin Sophie Klußmann tief berührt hatte.

Zum Ausklang gab es einen Kaffeklatsch für das Gastorchester in der Gefangenkantine, zu dem auch 16 Jugendliche aus Freizeitgruppen der Anstalt eingeladen waren. In gelöster Atmosphäre entstanden intensive Tischgespräche, klassische Musik war zum Katalysator für persönliche Begegnung Gleichaltriger geworden, deren Lebensalltag wohl unterschiedlicher kaum sein könnte.

Info:

Das Landesjugendorchester Baden-Württemberg (LJO) setzt sich aus ausgewählten Spielern und Preisträger des Wettbewerbs „Jugend Musiziert“ im Alter von 15 – 22 Jahren zusammen, die aus allen Teilen Baden-Württembergs zusammenkommen um an den zweimal jährlich stattfindenden Arbeitsphasen teilzunehmen. Durch jugendliche Spielfreude, intensives Erleben gemeinsamen Musizierens ebenso wie mit stilistisch ausgefeilten Interpretationen erspielte sich das LJO schnell einen festen Platz im Konzertleben des Landes Baden-Württemberg und darüber hinaus.

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