Kinderschreck und Gartenpate

Zum 150. Todestag von Moritz Schreber

(Foto: Technoseum)

Mannheim. (pm) Er ist der Namensgeber der „Schrebergärten“, doch mit Kleingartenidylle hat er sich zeitlebens nicht abgegeben – dafür widmete er sich umso mehr rabiaten Erziehungsmethoden: Moritz Schreber, dessen Todestag sich am 10. November zum 150. Mal jährt. Als Vertreter der „schwarzen Pädagogik“ sah er Liebesentzug und Einschüchterungen als geeignete Mittel an, um Kinder auf den rechten Lebensweg zu geleiten. Sein Schwiegersohn hingegen ist für die Entstehung der Laubenkolonien verantwortlich, die er nach Schreber benannte. Im Technoseum ist ein solcher Kleingarten zu sehen – genau so, wie er um 1900 ausgesehen hat und in vielen städtischen Randlagen bis heute zu sehen ist.


Moritz Schreber war fest davon überzeugt, dass sich der Mensch durch Erziehung in jedwede Form bringen ließe. Er konstruierte Kinnbänder, um Fehlstellungen der Kiefer vorzubeugen oder „Geradhalter“ für Kinder, die am Tisch nicht still sitzen konnten – Methoden, die seinerzeit überaus populär waren. Schrebers  Erziehungsratgeber wurden bis zu 40 Mal aufgelegt und in mehrere Sprachen übersetzt – schon bei den eigenen Kindern scheiterte er indes an der Erschaffung des „Idealmenschen“: Der eine Sohn beging Selbstmord, der andere kämpfte mit einer psychischen Erkrankung – ob als Folge der heimischen Erziehungsmethoden, ist umstritten.

Und noch etwas trieb Schreber um: Die mittellose Stadtjugend sollte mit Arbeit im Grünen ertüchtigt werden, etwa in eigens dafür geschaffenen Gärten. Dies war der Grund dafür, dass der Leipziger Schuldirektor Ernst Innozenz Hauschild, der mit einer von Schrebers Töchtern verheiratet war, drei Jahre nach Schrebers Tod im Jahr 1864 einen kindgerechten Turnplatz einrichtete, auf dem die Jugend auch gärtnern sollte. Diese spielte allerdings lieber, derweil ihre Eltern zu Spaten und Schubkarre griffen – der Schrebergarten war geboren.
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Im Technoseum können die Besucherinnen und Besucher einen Schrebergarten als Teil der Dauerausstellung erleben – Kartoffelbeete, Kaninchenställe und Gartenlaube inklusive. Die Erträge sicherten der städtischen Arbeiterschaft das Überleben, denn viele konnten ihre Familien allein mit dem Lohn, den sie in den Fabriken verdienten, nicht satt bekommen. Dass die Lebensverhältnisse der meisten Arbeiter um 1900 höchst bescheiden und oft von Mangel geprägt waren, zeigt nicht zuletzt auch die Sonderausstellung „Unser täglich Brot …

Die Industrialisierung der Ernährung“, die bis zum 29. April 2012 im Technoseum zu sehen ist. Passenderweise liegt der Schrebergarten genau neben dem Eingang zur Sonderschau. Heute hat sich der Kleingarten in erster Linie zu einem persönlichen Naherholungsgebiet für gestresste Städter entwickelt – und auch die Kinder dürfen sich austoben, wie sie es schon zu Schrebers Zeiten gerne getan hätten.

Infos im Internet:
www.technoseum.de

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