Altes Bergwerk wird untersucht

Die Bohrkerne, die von den Spezialisten aus der Tiefe geholt wurden, lagern in peinlich genau beschrifteten Kisten, um später von Geologen untersucht zu werden. Auch daraus lassen sich Rückschlüsse über den Zustand der des Gipsbergwerkes tief unter der Erde ziehen. (Foto: LRA)

Seckach. (lra) „Vielleicht finden wir ja Mineralwasser und Seckach kann seinen eigenen Sprudel abfüllen“, scherzt Bohrmeister Jürgen Pröhl. Mit seinem Sohn arbeitet er bei der Spezialfirma Angers Söhne aus Hessisch-Lichtenau. Und in dieser Funktion bohren beide mit Spezialgerät seit August in Seckach – allerdings nicht nach Mineralwasser. Ihre Aufgabe ist es, Licht ins Dunkel des alten Gipsbergwerks in Seckach zu bringen. Im Auftrag des Landesamtes für Geologie, Rohstoffe und Bergbau beim Regierungspräsidium Freiburg und gemeinsam mit dem Geologen Arnold Pettera vom Ingenieurbüro CDM Consult GmbH aus Stuttgart untersuchen sie die Standfestigkeit der alten Stollen 20 Meter und mehr unter der Seckacher Erde.


Bernhard Kugler vom Fachdienst Wasserwirtschaft und Bodenschutz des Landratsamtes begleitet das Verfahren, soweit wasserrechtliche Belange berührt sind. Er ist allerdings auch derjenige, der das aufwändige Verfahren – das Freiburger Landesamt hat bis dato immerhin schon rund 320.000 Euro investiert – in Gang gesetzt hat. Denn Kugler ist bei einer Untersuchung des Wassers in der Seckach aufgefallen, dass die Leitfähigkeit erhöht war. Sofort eingeleitete Recherchen ergaben, dass eine unterirdische Quelle im Bach große Mengen von Gips in die Seckach transportiert. Das wiederum warf die Frage auf: Wo genau kommt dieser Gips her? Denn damit verbunden ist letztendlich auch die Frage nach dem Zustand der Schachtanlage.

Fakt ist: Der ausgeschwemmte Gips „fehlt“ in der Statik der Anlage. Was der Geologe mit Hilfe der von der Bohrfirma hergestellten Grundwassermessstellen nun ergründen will, ist also die genaue Herkunft des in der Seckach zu Tage tretenden Gipses. Stammt er aus einem eng umgrenzten Gebiet, einem ganz bestimmten Schacht oder vielleicht doch annähernd gleichmäßig aus der gesamten Anlage? Dazu beschäftigt sich Pettera intensiv mit den „Bohrkernen“, die Bohrmeister Pröhl und sein Sohn an drei exakt berechneten Bohrpunkten aus genau definierten Tiefen ans Licht holen und entsprechend beschriftet abgelegt haben. Dank der beim Landesamt archivierten detaillierten Lagepläne des alten Bergwerks und sorgfältiger Planungen hat bisher jede einzelne der aufwändigen Bohrungen „gesessen“.

ImmobilienScout24 - Immobilie suchen, Wohnung, Haus, Grundstück mieten

In einem nächsten Schritt untersucht Pettera die Wasserströmungen in den Gruben. Das macht er unter anderem durch Farbe, die er in die Hohlräume einbringt. Je nachdem, wo dieses gefärbte Wasser wieder zu Tage tritt, kann auf die Fließrichtung geschlossen werden.

„Panik ist auf jeden Fall völlig fehl am Platz“, erklärt Arnold Pettera vom Ingenieurbüro. Damit trifft er auch die Stimmung in Seckach. Die Untersuchungen werden durchaus ernst genommen, in heller Aufregung ob der Standfestigkeit der einzelnen, über der Anlage stehenden Gebäude befindet sich aber niemand – auch nicht im Rathaus. Dass Risse oder sonstige Schäden in dem nur vereinzelt bis in die 70-er Jahre bebauten Gebiet – später wurde eine Bebauung untersagt –  bis dato überhaupt nicht aufgetreten sind, bestätigt den Bürgermeister und die Grundstücksbesitzer in ihrer abwartenden Haltung.  Tatsächlich sorgt die mindestens 20 Meter, an vielen Stellen aber auch  bis zu 60 Meter dicke Gesteinsschicht zwischen Stollen und Erdoberfläche durchaus für Stabilität. Auch dann, wenn der Untergrund dank rund 300.000 Kubikmeter Hohlräumen stellenweise aussieht wie ein Schweizer Käse.

Die Bohrungen sind nun seit wenigen Tagen abgeschlossen, Jürgen Pröhl und sein Sohn, die über Monate im Wohnwagen gelebt haben, sind wieder zuhause bzw. unterwegs zur nächsten Baustelle. Wasserrechtlich hat es von Bernhard Kugler nichts zu beanstanden gegeben. „Trotzdem war und ist es natürlich auch für mich hochinteressant, so nah an einer derartigen Untersuchung dran zu sein. Das hat man nicht alle Tage“, erklärt der Fachmann.  Und auch dem Naturschutz – die Fläche liegt im FFH-Gebiet und genießt daher einen erhöhten Schutz als wertvoller Naturraum – wurde bei allen Arbeiten Rechnung getragen.

Bis wann die Auswertung der sehr aufwändigen Untersuchungen und Testreihen vorliegt, welches Ergebnis sie bringt, kann laut Arnold Pettera noch nicht abgesehen werden: „Das ist eine echt spannende Sache.“  Das sieht auch Bürgermeister Thomas Ludwig so: „Wir müssen die Ergebnisse abwarten und dann werden wir sehen, ob überhaupt bzw. was zu veranlassen ist. In jedem Fall werden wir eventuell betroffene Grundstückseigentümer nach besten Kräften unterstützen.“

468Altes Bergwerk wird untersucht

Lagebesprechung an der dritten Bohrstelle über dem ehemaligen Gipsbergwerk; Bohrmeister Jürgen Pröhl und sein Sohn (rechts) von einer Bohrfirma in Hessisch-Lichtenau besprechen die anstehenden Arbeiten mit Bernhard Kugler (links) und Axel Krahl (Mitte) vom Landratsamt und mit Geologe Arnold Pettera. Vor kurzem wurden die Bohrungen abgeschlossen, umfangreiche Auswertungen und Untersuchungen schließen sich jetzt an. (Foto: LRA)

Zum Hintergrund: Von 1906 bis 1965 wurde auf einer Fläche von insgesamt 12,5 Hektar unter der Erde Gips in hoher Qualität von der Firma Seidenstricker abgebaut (die von 1964 bis 1975 an anderer Stelle betriebene „Grube Emil“ bleibt hier außer Betracht). In systematisch angelegten Richtstrecken wurde der schneeweiße Dünger- und auch Putzgips unter Tage gebrochen und mit Rollenwagen zur Förderanlage gebracht. Durch den jahrzehntelangen Abbau entstand eine sehr weitläufige, wabenförmige Schachtanlage mindestens 20 Meter und mehr tief im Untergrund. Nach der Aufgabe der Nutzung haben sich die Gruben mit Grundwasser gefüllt. Ein Zugang über die Schächte ist nicht mehr möglich. Über der Anlage befindet sich eine nur sehr lockere Bebauung; seit den 70-er Jahren darf über den Stollen überhaupt nicht mehr gebaut werden.

Unsere News jetzt auch einmal täglich per Mail

© www.NOKZEIT.de


Artikel empfehlen: