Mülbener präsentiert Vision von Kunst

Mülben/Hamburg. Sascha Höfer, Jahrgang 1976, zog 2001 aus dem Badischen nach Hamburg, um sich dort intensiv der Musik zu widmen. Leider bekamen bisher nur wenige seiner Freunde Kostproben seiner Musik zu hören, oder seiner Gedichte zu lesen.

Das semi-cineastische Kunst- und Theaterprojekt in vier Akten mit dem Titel „Bar-Do – Im Zwischenstand der Dinge“ wurde ganz im Stile Höfers so gut wie gar nicht beworben. Dennoch fanden sich knapp 70 Besucher in dem kleinen Hamburger „Lichtmess“-Kino ein und füllten es fast vollständig aus. Gefilmt und ausgeformt wurden die Filme sowie das erweiterte Vorhaben von Höfer mit Hilfe seines guten Freundes Christan Häusler. Neben der Musikgruppe „Halma“ waren Hanna Maiken Zamel, sowie Alina Semenova und Yulia Averina von der Schnittke-Akademie Hamburg als Teil der Inszenierung zu bestaunen. „Bar-Do“ kommt aus dem Tibetischen und bedeutet so viel wie dazwischen aufgehängt oder geworfen. Der Begriff beschreibt verschiedene Realitätszustände, die sich überlappen bzw. ineinander übergehen. Diese Übergänge tragen eine besondere Möglichkeit der Wahrnehmung in sich. Zwischen einem alten und einem neuen Gedanken klafft eine kurze Lücke; in diesem Spalt steckt das Potential einer feinen Erkenntnis.


Der erste Akt war ein 12-minütiger Experimentalfilm mit dem Titel „Prolog der Wahrnehmung“. Dieser Film basierte auf den ersten neun Strophen des Gedichtes „Alle Jahre wieder“, die er in den Jahren 2010 und 2011 geschrieben hatte. Begleitet von schwarzweiß gehaltenen und oft unscharfen und verfremdeten Filmsequenzen von Hochhäusern bei Nacht, Tänzerinnen, Bahngleisen und der sich jeder Kategorisierung entziehenden Minimalmusik von „_A_“ alias Höfer, rezitierte Höfers weiteres Alter Ego „Rotwang“ die neun Strophen des Gedichtes.

„Über die Permutation der Zeit“ war der Titel des zweiten Aktes, einem fast 10-minütigen Musikstück, das auf dem Kammerton a basierte und von _A_ zusammen mit der Band Halma und der Sängerin Hanna Maiken Zamel dargeboten wurde. Die monotone, in der Lautstärke variierende und zum Schluss hin fast brachiale Minimalmusik, war in dem kleinen Kinosaal körperlich wahrnehmbar. Gekoppelt mit den Eindrücken aus dem zuvor gesehen Film wussten die Zuschauer spätestens jetzt, dass sie hier Zeugen von etwas Großem werden würden. Man hätte in der Stille nach dem zweiten Akt eine Stecknadel fallen hören können.

Stiller, aber nicht minder anspruchsvoll ging es im dritten Akt mit dem Titel „Hinter dem ersten Grund“ zu. Der ruhige Fluss der minimalistischen Musik von _A_ zusammen mit den ebenfalls in schwarzweiß gehaltenen stimmungsvollen Tanzszenen, den Naturaufnahmen, den langen, fast meditativen Kameraeinstellungen von verschiedenen Personen und den Strophen 10 bis 25 des Gedichtes „Alle Jahre wieder“, die in den Jahren 2011/12 entstanden, ließen den Anwesenden keine Zeit zum Durchatmen. Wenn man verstehen wollte, worum es ging, musste man aufmerksam sein. Die Zuschauer wurden während der guten Viertelstunde in jeder Hinsicht gefordert.

Den vierten Akt mit dem Titel „Aus dem Konvolut einer Wirklichkeit“ umrahmten die vier Musiker von Halma musikalisch mit minimalistischen aber zeitweise sehr aufwallenden Soundscapes. Höfers weiteres Alter Ego „pers.denk.“ sowie Alina Semenova und Yulia Averina von der Schnittke-Akademie Hamburg sorgten durch avantgardistische Tanz- und Darstellungsdarbietungen für die visuelle Umsetzung von Höfers  Konzept.


Nach knapp 50 Minuten war „Bar-Do“ zu Ende. Die Zuschauer waren begeistert von dem was sie soeben erlebt hatten, was man an dem lang anhaltenden Applaus messen konnte. Viele der Anwesenden sagten beim Gespräch mit Höfer und Häusler an der kinoeigenen Bar, dass sie die Eindrücke jetzt erst einmal sacken lassen müssten, aber wüssten, dass sie soeben etwas ganz Besonderes gesehen hätten. Es half sehr, dass auf jedem Sitzplatz eine Kopie des gesamten Gedichtes lag, damit man sich mit den komplizierten Gedankengängen Höfers noch weiter beschäftigen konnte.

Es war Höfer klar, dass kaum einer der Anwesenden auf Anhieb verstehen konnte, was er da gerade erlebt hatte. Wichtig sei es, so Höfer, dass es sie auf emotionaler Ebene bewegt hätte. Er war sehr glücklich darüber, dass sich so viele Interessierte eingefunden hatten, um seine Aufführung zu erleben. Er sah diese Aufführung als Einladung an die Anwesenden, sich mit seinem künstlerischen Schaffen auseinanderzusetzen. Damit dies auch jederzeit nach der Aufführung noch möglich ist, gibt es unter www.sascha-r-hoefer.de das gesamte Gedicht mit Ausschnitten aus den Filmen und viele weitere Beispiele von Höfers Kunstschaffen zu bewundern.

Vier Stills aus den Filmen

Der gebürtige Mülbener Sascha Höfer lebt seit elf Jahren in Hamburg und hat nach vielen Jahren des künstlerischen Schaffens im Stillen den Schritt an die Öffentlichkeit gewagt. Sein Kunstprojekt „Bar-Do“ wurde bei der Uraufführung durchweg positiv aufgenommen. (Fotos: privat)

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