Wenn das Leben nur noch düster erscheint

Jugendfilmtage nahmen zwei brennende Problemthemen auf

500 Teichmann Umbreit

Ein kleiner Dank von Gabriele Teichmann dankte Bernd Umbreit. (Foto: pm)

Neckarzimmern. (pm) Was bringt junge Menschen dazu, an Selbstmord zu denken oder sogar einen Selbstmordversuch zu unternehmen? Warum sind Essstörungen gerade bei jungen Frauen ein Thema? Und wie kann man jungen Menschen helfen, die mit solchen lebensbedrohlichen Verhaltensweisen auf Krisen reagieren? Diese schwierigen Themen griffen die Jugendfilmtage 2012 im Neckar-Odenwald-Kreis auf. Etwa 360 junge Menschen aus verschiedenen Schulen des Kreises kamen am 27. und 28. Juni 2012 in die Sport- und Festhalle Neckarzimmern, um sich zwei Dokumentationen zum Thema Suizid und Bulimie bei Jugendlichen anzuschauen.

Die Jugendfilmtage fanden zum dritten Mal auf Einladung der AWO Neckar-Odenwald in Kooperation mit dem Fachdienst Gesundheitswesen im Landratsamt und mit dem Kinderschutzbund Neckar-Odenwald-Kreis statt. Die Initiatoren der Filmtage konnten den Autoren und Produzenten der Dokumentarfilme Bernd Umbreit als Referenten gewinnen. Er führte an beiden Filmtagen in die Themen ein und war für die Fragen des Publikums da.


„Essstörungen bei Prominenten werden in der Presse genussvoll ausgebreitet“, sagte Martin Wuttke, Erster Landesbeamter des Neckar-Odenwald-Kreises, bei seiner Begrüßung. „Dies ist aber kein Hollywoodthema, sondern findet überall statt.“ Die Bedeutung der Filme von Bernd Umbreit lägen in ihrem Potential, junge Menschen aus der Isolierung zu holen und ihre Umwelt für das Auftreten von Krisen zu sensibilisieren, so der Erste Landesbeamte.

„Wo andere wegschauen, schauen Sie hin“, lobte Neckarzimmerns Bürgermeister Christian Stuber den Filmemacher. Gabriele Teichmann, Aufsichtsratsvorsitzende der AWO Neckar-Odenwald, beglückwünschte Bernd Umbreit zu seinem Konzept, Krisenfälle des Lebens einfühlsam zu zeigen, das Verhalten der Betroffenen aber nicht zu werten.

Die Statistiken zeigen ein deutliches Bild der Lage: Im Jahr 2010 waren mehr als 10.000 Selbstmorde in Deutschland zu beklagen, 1383 davon in Baden-Württemberg. Etwa 16 Prozent dieser Menschen waren Jugendliche und junge Erwachsene von 15 bis 24 Jahren, also jeden Tag etwa 3 junge Menschen. Viel größer noch ist die Zahl derer, die ernsthaft an Selbstmord denken. „Alle 47 Minuten versucht ein junger Mensch in Deutschland, seinem Leben ein Ende zu setzen“, sagte Bernd Umbreit. Er wollte die Welt der Betroffenen jenseits der Statistiken zeigen und drehte deshalb mit finanzieller Unterstützung des WDR einen Film über die Einsamkeit und Verlassenheit junger Menschen mit Selbstmordplänen.

„Ich bin das Nichts. Keiner hört mich, sieht mich und versteht mich, weil ich das Nichts bin“, schreibt die suizidgefährdete Anna im Film „Hallo Jule, ich lebe noch“ ihrer Beraterin. Fast zwei Jahre lang steht sie in engem E-Mail-Kontakt mit Jule, um dann langsame Schritte in Richtung Heilung zu gehen. Diese sehr private Lebensgeschichte wird im Film dokumentiert, ohne die Identität der tief verzweifelten Jugendlichen preiszugeben. Am Ende sieht man, wie Anna barfuß auf einer Wiese läuft – sie hat sich fürs Leben entschieden.


Im Gespräch nach dem Film wurde deutlich, dass Suizidgefährdete den Weg aus der Hoffnungslosigkeit heraus finden können, wenn sie zum offenen Sprechen eingeladen werden. „Es ist gut zu fragen: Was ist los? Geht es dir schlecht?“, regte Bernd Umbreit in der Diskussion nach dem Film an. „Noch viel besser ist es, nicht nachzulassen, sondern immer wieder zu kommen und nachzufragen.“

Bernd Umbreit bittet auch die Angehörigen verzweifelter junger Menschen um Verständnis: „Die Jugendlichen ahnen gar nicht, wie sie mit ihrem Selbstmord die ganze Familie und ihre Freunde kaputt machen. Wenn sie es wüssten, würden sie es nicht tun.“ Der Film „Hallo Jule, ich lebe noch“, der im Jahr 2010 den Deutschen Sozialpreis gewann, hat Erstaunliches bewirkt: Reaktionen aus ganz Deutschland, zahlreiche Einladungen zu Vorträgen und die Bewilligung neuer Fördermittel für die anonyme Beratungsstelle, in der Anna Hilfe fand.

Der zweite Film „Sarahs Weg aus der Bulimie“ am 28. Juni war komplett ausgebucht – vielleicht, weil Bulimie (Ess-Brech-Sucht) und Anorexie (Magersucht) eher akzeptiert werden als das Thema Selbstmord. Sarah erzählt in der Dokumentation jedoch, dass ihr Leidensdruck sie ebenfalls anfällig für suizidale Gedanken machte. Ihre Geschichte klingt zunächst banal: Eine Freundin klebte ihr in der 7. Klasse ein Schild mit der Aufschrift „fat and ugly“, „dick und hässlich“ auf den Rücken. Im Zusammenhang mit einer lebensbedrohlichen Erkrankung des Bruders reagierte Sarah auf diese Krise mit einer Essstörung.


Auf 10.000-Kalorien-Fressattacken folgte unweigerlich das Erbrechen, danach der Zusammenbruch und der Hass auf sich selbst – ein ewiger Kreislauf. Ein Klinikaufenthalt brachte nach neun Jahren des Leidens endlich den Durchbruch und die Hinwendung Sarahs zu den Menschen und zu selbst gestellten Aufgaben. „Ist Bulimie eine Sucht?“, fragte ein Zuschauer. Bernd Umbreit erklärte, dass es in dramatischen Situationen durchaus eine hohe Rückfallgefahr in dieses selbstzerstörerische Verhalten gibt. Er nannte den Zuschauern geeignete Maßnahmen bei psychischen Problemen: „Für Betroffene heißt es, sich Hilfe zu suchen bzw. Hilfe anzunehmen, so schwer es auch fällt. Das Umfeld sollte nicht müde werden, Hilfe anzubieten.“

Die Reaktionen der Besucher zeigten, dass die Filme von Bernd und Heidi Umbreit junge Menschen ansprechen und fesseln. „In die Filmtage Zeit und Geld zu investieren, zahlt sich unbedingt aus“, sagt AWO-Vorsitzende Gabriele Teichmann. „Deshalb wird die Veranstaltung 2013 fortgesetzt und ausgeweitet: Wir werden jeweils einen Film für die Mittelstufe und einen für die Oberstufe zeigen.“

Info für Betroffene und ihre Eltern und Freunde:

Junge Menschen mit psychischen Problemen können sich beispielsweise an die Beratungsstelle des Gesundheitsamtes Neckar-Odenwald-Kreis wenden: Tel.: (06261) 84-2446. Das kostenlose und anonyme Kinder- und Jugendtelefon hat die Nummer (0800) 111 0 333.

Mehr zu den Filmen von Heidi und Bernd Umbreit im Internet unter www.umbreit-film.de

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