Opernkunst hinter Gefängnismauern

„Freundschaft trotzt der Tyrannei!“ – Landesjugendorchester und JVA-Jugendliche beleben Schubert und Schiller

Knastoper

(Foto: Klaus Brauch-Dylla)

Adelsheim. (bd) Was für manche der gut 100 Gäste in der Schulzeit teilweise Qual war – Anstaltsleiter Rainer Goderbauer zählte sich in seiner Begrüßung selbst dazu – wurde am Sonntag zum Beifall umtosten Genuss. – Schillers „Bürgschaft“. Als Operninszenierung begeisterte sie Zuschauer und -Hörer im Adelsheimer Jugendgefängnis.

Nichts war gewöhnlich an dieser Aufführung; Robert Schuberts Opernfragment, vor 200 Jahren vom damals gerade 19-jährigen Beethoven-Verehrer verfasst, schlummerte in den Archiven, nur zwei Mal wurde es überhaupt auf Bühnen gespielt. Für Dirigentin Anna-Sophie Brüning liegt das am ungenügenden Text der Oper, der nicht an Schillers-Epos heranreichte. Erstmals erklang Schuberts „gottvolle Musik“ (AS. Brüning) am Sonntag mit dem neu verfassten Libretto von Autorin und Regisseurin Paula Fünfeck, die mit Brüning schon im Dezember in Adelsheim die Oper „Himmelsgeigen und Höllenfeuer“ inszenierte.


Der neue Text für Darsteller, Solisten und Chor überträgt Schillers Werk mit kleinen aktuellen Details in die Moderne, für die Illustrierung der ewig gültigen Moral von Freundschaft und Treue ein passgenaues Mittel. Das Werk überzeugte spürbar seine Interpreten; ein 15-köpfiges Kammerorchester aus Mitgliedern des Landesjugendorchesters, Paula Fünfeck und Carolin Wyneken als Solistinnen und ca. 30 Jugendliche aus der JVA, die nicht nur als Darsteller, Chor-  und Solo-Sänger fungierten, sondern mit ihren Betreuern für Bühnenbild und -Mobiliar, Kostüme, Requisiten, Licht, Verpflegung und das Programmheft verantwortlich zeichneten.

Seit Montag vergangener Woche war der Gottesdienstsaal der JVA-Schule in einen Opernsaal umgestaltet worden, das Vollzugliche Arbeitswessen (VAW) hatte Zuschauertribünen errichtet, um allen der geladenen Gäste, darunter etwa ein Drittel Angehörige von Akteuren, gute Plätze bieten zu können.

Das Geschehen wurde in acht Szenen entwickelt, begonnen mit dem nieder kartätschen einer Demonstrantin durch ein Todesschwadron des Gewaltherrschers Dionysios (Pascal J.), danach die Überzeugung des Damon als Attentäter wider Willen. Dessen Darsteller, der 16-jährige D. Braun, hatte gerade zwei Tage Zeit sich diese Rolle anzueignen, am Freitag früh teilte der dafür engagierte professionelle Bariton seinen Ausfall wegen Erkrankung mit.


Es schien, als machte dieses vermeintliche Unglück die Wirkung des Stücks noch intensiver und authentischer, denn „Damon“ brillierte von Beginn an und trieb das Geschehen voran. Das Attentat missglückt, der Despot findet Vergnügen daran statt Damon dessen Bürgen Theages (K. Vogel) als Geisel zu nehmen. Damon gelingt es im dreitägigen Hinrichtungs-Aufschub seine Tochter Sofia zu verheiraten – eine besondere Szene, die Ali C. als Darsteller der Braut viel Applaus einbrachte, erfordert es doch ungewöhnliche Courage in der Jungmännerwelt Knast eine Frau zu spielen – und kämpft auf dem Rückweg mit allerlei Hindernissen. Den Einfallsreichtum Fünfecks zeigte auch die darstellerische Umsetzung dieser Szene; mit einer einfühlsamen filigranen Puppenpantomime lies Dennis P. Damon alle Abenteuer erfolgreich bestehen, ein Detail des Stückes, in dem Barbies „Ken“ sich um Schiller verdient machte. Während dessen ist Theages schwangere Frau Anna (P. Fünfeck) immer verzweifelter und legt sich schon den Sprengstoffgürtel zum Selbstmordattentat auf Dionysios um. Mit dem letzten Atemzug löst Damon sein Rückkehr-Versprechen ein und stößt den treuen Theages mit den Worten „Mich, Henker, erwürget! Hier bin ich, für den er gebürget!“ vom Richtblock. Es folgt Schillers berühmter Schlussreim: „Es ist euch gelungen, ihr habt das Herz mir bezwungen und die Treue ist doch kein leerer Wahn. So nehmt auch mich zum Genossen an. Ich sei, gewährt mir die Bitte, in eurem Bunde der Dritte!“ Doch die Blitzläuterung des Potentaten zieht das Stück in Zweifel – so kindlich unverdorben will Fünfeck die Assads, Gaddafis und Lukaschenkos des Planeten nicht durchkommen lassen – aus dem Publikum trat die rührende achtjährige Leontine und sprach die Worte für den König.

Im Epilog tritt der Damon-Darsteller dann erstmals aus seiner Rolle und hinterfragt die Alleinverantwortung des Schurken – auch der Staatsverbrecher bleibt ein Mensch „Hat er ein Herz? Er muss ein Herz haben. Jeder hat ein Herz!“.

Ovationen für Darsteller, Musiker und die zahlreichen Ehren- und hauptamtlichen Projektmitarbeiter folgten, Kunst- und Kooperations-Pädagogik überzeugten erneut.

Anstaltsleiter Rainer Goderbauer vergaß nicht den unverzichtbaren Sponsoren zu danken, vorrangig dem Verein Jugendhilfe Mosbach, dem Bezirksverein für soziale Rechtspflege, der anthroposophischen GLS-Stiftung sowie dem hauseigenen VAW. Auch Justizminister Stickelberger hatte aus eigener Tasche einen Beitrag geleistet.
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(Foto: Klaus Brauch-Dylla)

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