„Amerika“ wurde in Baden erfunden

Ausstellung „Badische Auswanderung nach Brasilien“ in Mudau

von Liane Merkle

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Unser Bild zeigt von links: Bürgermeister Dr. Norbert Rippberger, Bankdirektor Rainer Kehl, Dr. Lothar Wieser, Hans Slama und Prokurist Willi Müller. (Foto: Liane Merkle)

Mudau. Mit der doch etwas überraschenden Frage „Wussten sie, dass –America- von einem Badener erfunden wurde?“ knüpfte Dr. Lothar Wieser als Vorsitzender der noch relativ jungen Badisch-Südbrasilianischen Gesellschaft den Faden zum Inhalt der Ausstellung „Badische Auswanderung nach Brasilien“. Dass es sich dabei um eine fundierte Anekdote mit geschichtsträchtigem Inhalt handelt wurde im Rahmen der Ausstellungseröffnung in den Geschäftsräumen der Volksbank Franken in Mudau deutlich.

Für einen stimmungsvollen Einstieg sorgte dabei das Saxophonensemble des Musikverein Harmonie Mudau mit Theresa Link, Pia Dambach, Julia Pittner und Dirigent Ralph Müller, ehe Bankdirektor Rainer Kehl die zahlreichen Gäste willkommen hieß. Darunter o.a. Dr. Lothar Wieser als einer der Initiatoren dieser Wanderausstellung zusammen mit dem Ressortleiter für das Thema „Auswandererforschung“, Alois Riffel. Ein weiterer Willkommensgruß galt dem Vorsitzenden des Heimat- und Verkehrsverein Mudau Hans Slama mit seinen Ausführungen über Auswanderer der Region Mudau, Gerhard Kohler vom Fachdienst Landwirtschaft im Landratsamt Buchen, Bürgermeister Dr. Norbert Rippberger und Vertreter der Schulen, der Kommunalpolitik sowie aus den Geschäftsbereichen der Volksbank Franken.




Für die Volksbank Franken sei es eine selbstverständliche Verpflichtung, Ausstellungen in ihren Räumlichkeiten zu präsentieren und so der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, betonte Kehl. Bürgermeister Dr. Rippberger zeigte sich in seinem Grußwort dankbar über die Möglichkeit, zu einem wenig bekannten, aber wichtigen historischen Geschehen, das auch in den Lehrbüchern der Schulen fehle, etwas zu erfahren. Zum Kernpunkt seiner Aussage, dass ein Badener „America“ erfunden habe, führte Dr. Lothar Wieser aus, dass Anfang Juli über die Wiederentdeckung einer Weltkarte aus dem Jahre 1507 in der Universitätsbibliothek München berichtet wurde. Bekanntlich seien die ersten Weltkarten mit der Bezeichnung „America“ von Martin Waldseemüller gezeichnet worden, der aus Schallstadt-Wolfenweiler bei Freiburg im Breisgau stammt. Dieser Waldseemüller hielt fälschlicherweise den florentinischen Seefahrer Amerigo Vespucci für den Entdecker des neuen Kontinents und nannte ihn nach dessen Vornamen: America. Man wisse heute, das Christoph Columbus den neuen Kontinent entdeckte, aber der Name America blieb und so könne man als Badener wenigstens den Erfinder Amerikas für sich beanspruchen.

Der abgelegene Odenwald mit seinen kargen Einkommen und einer notleidenden Bevölkerung gehörte damals zu den Regionen mit den bedeutendsten Zahlen an Auswanderern. Für die Massenverelendung dieser Jahre wurde der Begriff „Pauperismus“ geprägt, und zu dessen Abhilfe u.a. die staatlich unterstützte Auswanderung empfohlen. Wie Dr. Wieser weiter ausführte, seien Odenwälder bereits um 1822 unter den ersten Auswanderern gewesen, also in der Zeit, als sich Brasilien als unabhängiges Reich von Portugal lossagte. Die höchste Zahl badischer Auswanderer im 19. Jahrhundert sei nach den beiden Revolutionsjahren 1848/49 zu verzeichnen. Allein in den Jahren 1850-55 wanderten offiziell 62.444 Personen aus. Insgesamt sollen im 19. Jahrhundert 500.000 Badener ihrer Heimat den Rücken gekehrt haben, sagte Wieser.


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Badische Brasilienauswanderer unter den Teilnehmern der Revolution seien bislang nur sehr wenige bekannt. Einer davon war Seifensieder Adam Stoll aus Mudau, der 1858 Baden mit seiner Familie den Rücken zukehrte. Aber die Empfehlungen des Staates fielen etwas später auf fruchtbaren Boden, denn 1858 verzeichnete man schon 60 Auswanderungen nach Brasilien. In Brasilien erhielt dadurch der Großgrundbesitz ein Gegengewicht von Kleinbauern. Durch die selbständigen Handwerker erlangte Handarbeit in Brasilien eine andere und bessere Wertigkeit.

Heute seien zwischen den Ländern einige Paten- und Partnerschaften geschlossen worden und ein Resultat des wieder erwachten Interesses auf beiden Seiten des Ozeans sei letztendlich auch die Ausstellung „Badische Auswanderung nach Brasilien“, die in den Geschäftsräumen der Mudauer Volksbank Franken noch bis zum 12. Oktober während der üblichen Öffnungszeiten für die Öffentlichkeit zu sehen ist.

Hans Slama ergänzte die regionale Note und fand die Ursachen zur Auswanderungswelle u.a. in der Überbevölkerung, der Agrarkrise, Hungersnöten und der besonderen Form der Odenwälder Erbfolge. Die ersten Auswanderer zog es nach Ungarn, die zweite Welle schwappte nach Osteuropa, dann kam Brasilien und schließlich Nordamerika, wobei die illegalen Auswandungszahlen deutlich über den legalen lagen, bei letzterem Land schätzt man sie auf sieben Mio. Menschen.

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