Im Kreis wird nicht unnötig operiert

Schwarze Schafe bringen Ärzteschaft in Misskredit

Wirbelsaeulen op

Dr. Andreas Zeugner, Chefarzt an der Klinik für Wirbelsäulenchirurgie an den Neckar-Odenwald-Kliniken in Buchen, operiert mit seinen Kollegen rund 400 Patienten pro Jahr, Tendenz gleichbleibend. Die Vorwürfe der AOK, nach der speziell die Wirbelsäule oft nur aus Profitgründen operiert würde, lässt er für sich und seine Kollegen nicht gelten. (Foto: LRA)

Mosbach/Buchen. (lra) Das Thema ist zweifellos ein „heißes Eisen“: Der von der AOK pauschal gegen die Krankenhäuser erhobene Vorwurf, dass in Deutschland zu viel operiert würde. Anfang Dezember ging bundesweit durch die Presse, dass Ärzte in Deutschland wohl mehr aus Profit-  denn aus medizinischen Gründen immer öfter Eingriffe vornähmen. Besonders auffällig sei die Zunahme gut dotierter Operationen. Genannt wurden in diesem Zusammenhang Wirbelsäulen-OP. Die steigenden Zahlen – von 2005 bis 2010 wurde eine Verdoppelung festgestellt – lasse sich nur zu einem kleinen Teil mit einer älter werdenden Gesellschaft und mit dem medizinischen Fortschritt begründen. Der größere Teil, so die Unterstellung von Uwe Deh vom AOK-Bundesverband, „werde nur gemacht, damit Krankenhäuser Geld verdienen“.




Dr. Andreas Zeugner, Chefarzt an der Klinik für Wirbelsäulenchirurgie an den Neckar-Odenwald-Kliniken in Buchen, gehört kraft Amtes zu den Ärzten, gegen die sich dieser pauschale Vorwurf richtete. Genau gegen diese Pauschalisierung aber wehrt er sich: „Unabhängig von den nach meiner Meinung nicht seriös erhobenen Fakten kann die AOK den „schwarzen Peter“ hinsichtlich tatsächlich bundesweit steigender Zahlen nicht einfach den Krankenhäusern und den Ärzten zuschieben. Die Zusammenhänge und Ursachen sind viel komplexer. Und wenn das jemand wissen kann und auch dagegen steuern könnte, dann in allererster Linie die Krankenkassen. Denn die sind über ihre Mitgliederdaten bestens informiert über die Krankengeschichten, über Verhaltensweisen von Ärzten und Krankenhäusern und über die Erfolge oder Misserfolge von Operationen, die sich ja ganz leicht ablesen lassen am weiteren Lebenslauf und dem Behandlungsbedarf der Patienten.“

Dr. Zeugner operiert seit Anfang 2007 in Buchen und hat mit dem Neurochirurgen Ralph Ringeisen das Wirbelsäulenzentrum aufgebaut. Mittlerweile können dank der Zug um Zug geschaffenen Infrastruktur alle Wirbelsäulenbehandlungen auf hohem Niveau durchgeführt werden. „Hier gab es einen Bedarf, eine „Marktlücke“, wenn man so will,  und die haben wir gefüllt“, erklärt der Mediziner. Denn natürlich müsse sich ein Krankenhaus zum einen nach dem richten, was vor Ort gebraucht würde, zum anderen aber auch die Wirtschaftlichkeit im Auge behalten. Dass dieses Wirtschaftlichkeitsdenken aber so weit geht, dass „auf Teufel komm raus“ operiert würde, nur damit die Kasse stimmt – hier widerspricht der Arzt: „Die Patienten kommen schließlich zu uns, weil sie Schmerzen haben. Unsere Aufgabe ist zunächst die Diagnose. Denn Rückenschmerzen können viele Ursachen haben. Wir operieren ausschließlich Erkrankungen der Wirbelsäule. Leute mit Fehlhaltungen oder mit Übergewicht oder Menschen mit psychosomatischen Problemen, deren Schmerzen auch sehr heftig sein können, sind definitiv kein Fall für einen operativen Eingriff. Weil eben keine Erkrankung der Wirbelsäule vorliegt.“

Nicht immer würden diese Diagnosen positiv aufgenommen. Manche Patienten „möchten“ operiert werden:  „Das bestärkt sie in ihrem Krankheitsgefühl. Mit dem Rat, Krankengymnastik zu machen oder sich um ihre psychische Befindlichkeit zu kümmern, fühlen sie sich nicht ernst genommen.“ Operiert wird in diesen Fällen trotzdem nicht: „Das bringt ja nichts und käme letztendlich einer Körperverletzung des Patienten gleich.“ Auch dem Arzt selber brächte es keine finanziellen Vorteile; er hat keine Boni-Vereinbarung in seinem Arbeitsvertrag unterschrieben. Diese Vereinbarungen garantieren Ärzten eine finanzielle Beteiligung pro Eingriff und setzen so natürlich einen ganz eigenen Anreiz. Dass es hier schwarze Schafe unter der Ärzteschaft gibt, will Dr. Zeugner gar nicht bestreiten: „Die gibt es überall. Aber sie sind nicht die Regel, wie es der AOK-Bericht glauben macht.“ Der Mediziner ärgert sich auch über andere Aussagen in der AOK-Studie. Zum Beispiel über die immer wieder fallende Bemerkung „medizinisch nicht notwendig“: „Wer will das so einfach entscheiden? Man kann auch mit einem kaputten Meniskus das Nötigste laufen. Und mit einer Wirbelsäulenerkrankung im Sessel sitzen. Aber die Menschen möchten heute aktiv sein. Und der medizinische Fortschritt macht das möglich.“

Die Aussage, nach der in Buchen nicht „unnötig“ operiert wird, bestätigen die Zahlen. Seit 2009 behandeln die Ärzte in Buchen jährlich rund 700 Patienten mit Rückenproblemen – Tendenz gleichbleibend. Davon werden gut 400 operiert – Tendenz ebenfalls gleichbleibend. Die Zahlen steigen unter anderem deshalb nicht, weil die Kapazitäten in Buchen ausgelastet sind. Und weil viele Mediziner Wirbelsäulenchirurgie als Marktlücke erkannt und sich darauf spezialisiert haben. Der Konkurrenzdruck steigt. „Das macht uns aber keine Sorgen“, so Dr. Zeugner: „Wir sind hier bestens ausgestattet, haben viel Erfahrung und leisten sehr gute und vor allem seriöse Arbeit. Und das spricht sich herum.“  Eine Aussage, die sich mit der Einstellung Prof. Dr. Kocks, des neuen Chefarztes an der Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie an den Neckar-Odenwald-Kliniken, deckt. Er betonte kürzlich bei einer Vortragsveranstaltung über Hüft- und Knieprothesen: „Wir  definieren unsere Ziele niemals über die Mengen der implantierten Prothesen, sondern einzig über die Qualität.“

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