Franziska Brantner blickt über Tellerrand

Frauentag Brantner

MdEP Franziska Brantner (am Rednerpult) wagte am Internationalen Frauentag einen Blick über den europäischen Tellerrand nach Nordafrika. (Foto: lin)

Mosbach. (lin) „Weil sie alle Ketten gesprengt haben, haben die Frauen am meisten zu verlieren“, fürchtete Franziska Brantner und scheint Recht zu behalten. Gut zwei Jahre nach der arabischen Revolution, sind die Frauen die eigentlichen Verlierer. Während der Proteste auf dem Kairoer Tahrir-Platz demonstrierten sie Seite an Seite mit den Männern für Demokratie. Heute sind Unterdrückung und Sexismus wieder erstarkt, müssen Frauen mit An- und Übergriffen, mit Vergewaltigung rechnen und die Rechte der Frauen werden mit Füßen getreten. „Nach dem Sturz der nordafrikanischen Diktatoren sind Frauen schlechter dran als vorher“, sagt Europapolitikerin Brantner, die zum Internationalen Frauentag nach Mosbach gekommen war.

„Zum Frauenfrühling“ eingeladen hatte ein offenes Bündnis aus AL Mosbach, ASF (Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratische Frauen), Bündnis 90/Die Grünen, Ver.di und Kreisrätinnen verschiedener Fraktionen. Kein leichtes Thema hatten sie sich vorgenommen, ging es hier doch keineswegs um einen Strauß Heiter-Buntes, sondern darum, was aus den Frauen der „Arabellion“ geworden ist und wie viel Hilfe sie von ihren westlichen Schwestern erwarten dürfen. Diese waren zahlreich – Moderatorin Dorothee Roos nahm es angenehm überrascht zur Kenntnis – ins Restaurant der Mälzerei gekommen und hatten auch „ein paar mutige Männer mitgebracht“.




Angelika Bronner-Blatz, seit Jahresbeginn neue Kreis-Frauenbeauftragte, nutzte ihr Grußwort, um einen Moment auf die Anfänge des Internationalen Frauentags 1910 zurückzublicken, als es noch neun Jahre dauern sollte, „bis Frauen in Deutschland wählen durften“. Gefühlte 100 Jahre außer Kraft wähnte sie „Gehorsamsparagraph“ und „Zölibatsklausel“, erinnerte, dass beide erst 1957 abgeschafft wurden. „Aber wenn auch bei uns nicht alles rosig ist“ (Franziska Brantner) und „zu wenig Frauen in Führungsebenen sind, Vereinbarkeit von Familie und Beruf eine Herausforderung bleibt und Altersarmut weiblich ist“ (Bronner-Blatz), wollte die Fachfrau für die Rechte der Frau und Gleichstellung der Geschlechter im Europäischen Parlament Brantner, Frauen in den Mittelpunkt stellen, „die es noch härter haben“.

Also jene Frauen, die nach der arabischen Revolution schlechter dastehen als vorher, die in Tunesien als „Ergänzung zum Mann“ gesehen werden, die in Parlament und verfassungsgebender Versammlung in Ägypten unterrepräsentiert sind. Und die unter Muslimbruder Mohammed Mursi weiter zurück sind, als sie unter Husni Mubarak gewesen sind.

Aus erster Hand berichtete die promovierte Politikwissenschaftlerin Brantner über Einzelschicksale arabischer Frauen, blickte auf die Ausgangslage der nordafrikanischen Diktaturen zurück. Im Machtkampf unter die Räder gekommen seien die Frauen in Ägypten, hätten furchtbare Erfahrungen in staatlichen Gefängnissen machen und erleben müssen, dass „ein echter Muslim Frauen eben unterdrückt“. Moslembrüder, Safafisten und zersplitterte demokratische Kräfte trügen gesellschaftliche und wirtschaftliche Veränderungen auf dem Rücken der Frauen aus, so Brantner. „Also wird es mit der gemeinsamen Revolution nichts werden“, folgert sie enttäuscht und fordert, dass die Frauen sich organisieren „und ihre Rechte selber auf die Fahne schreiben müssen“.

Und was tut die Europäische Union dabei? „Zu wenig“, sagt Brantner und vermisst klare Postionen. Nicht genug nachgefragt worden sei beispielsweise bei dem im Gaza- Konflikt vermittelnden ägyptischen Präsidenten Mursi, „weil Muslimbrüder offensichtlich das geringere Übel sind“. Von EU und vor allem von EU-Politikerinnen wünscht sich die „Fachfrau für Frauenpolitik“ (Roos) mehr Rückenwind für Nordafrikas Frauen.

Und was tut Franziska Brantner? Was können wir anderen tun? Mit nur einer Hand voll parteiübergreifender Politikerinnen unterstützt die Grünen Bundestagskandidatin (Wahlkreis Heidelberg) die Frauen dort, bestärkt sie in ihrem Aufbegehren, lädt sie ins Parlament nach Brüssel ein, damit sie die politische Arbeit – auch mühevolle Oppositionsarbeit – lernen. Und sie versucht für diese Frauen (und ihre Kinder) Auszeiten zu organisieren, „damit sie Luft holen können“. Nicht einfach, denn die Frauen müssen gegebenenfalls Restriktionen befürchten. „Aber wenn diese Frauen die Hoffnung nicht aufgeben, dürfen wir es auch nicht“, sagt Franziska Brantner überzeugt und will anstelle von Sonntagsreden den Frauenproblemen so mehr Öffentlichkeit schaffen. Unterstützung und Kontaktaufnahme via Facebook und Skype seien eine Möglichkeit, die wenigen verbliebenen Hilfsorganisationen „Terre des Femmes“ und „Amica“ (Freiburg) eine zweite. Wenig genug, weiß auch Franziska Brantner, aber immerhin ein erster Schritt.

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