Vor 200 Jahren – Kosaken im Odenwald

„Woran die Franzosen schuldig sind“

von Hans Slama

Odenwald. Der französischen Revolution im Jahre 1789 folgte eine Reihe von Kriegen, welche mit einigen Unterbrechungen von 1792 bis 1816 dauerten. Die französische Kriegserklärung an Österreich am 20. April 1792 eröffnete ein 23 Jahre dauerndes Ringen, das Freund und Feind, Russen, Franzosen, Polen, Österreicher, Preußen, Bayern und Sachsen in unserem Gebiet sah. Im Sommer 1792 kamen zahllose österreichische Truppen hier durch. Kriegslasten waren zu zahlen, Nahrungs- und Futtermittel zu liefern, ebenso Fronfuhren zu leisten,  der Viehbestand sank und Schanzarbeiten mussten geleistet werden. Die Landmiliz, der mainzische Landsturm aus 16-60 jährigen bestehend wurde einberufen, hatte aber keinen Erfolg. Im Jahre 1795 und 1796 überschritten die Franzosen abermals den Rhein, 1796 drangen sie bis nach Bayern vor, konnten aber zurückgeworfen werden. Das 12 000 Mann starke Landsturmaufgebot half bei der Befreiung mit, wobei die Odenwälder Bauern wohl nicht zimperlich mit den besiegten Franzosen umgingen. Einquartierungen von kaiserlichen, pfälzischen und darmstädtischen Truppen folgten. In Amorbach wurde ein kaiserliches Lazarett eingerichtet und ab 1798 folgten wieder Einquartierungen. Von 1799 bis 1801 kämpften England, Rußland und Österreich gegen Frankreich. Beim Gefecht einer mainzischen Landsturmabteilung im Jahre 1799 fielen viele Odenwälder. Die Franzosen begannen 1800 mit einer Großoffensive. In Amorbach wurde das französische Hauptquartier eingerichtet, Abt und Konvent flüchteten. Im ganzen Necker-Odenwald-Kreis kam es zu französischen Einquartierungen. Die Forderungen der Franzosen belasteten die Gemeinden, Darlehensaufnahmen waren die Folge. Ausschreitungen und Grausamkeiten der feindlichen Soldaten waren zu verzeichnen. Mudau berichtet, dass „alle Bagage von Mannheim – Heidelberg – Hirschhorn – Eberbach durch Mudau nach Schweinberg – Würzburg“ gezogen ist. Schon beim Abschluss des Friedens von Luneville im Jahre 1801 steckten die Gemeinden tief in den Schulden, teilweise hielten die Einquartierungen an. Die von Napoleon erzwungene Abtretung des linken Rheinufers hatte die territoriale Neuordnung des Reiches zur Folge. Die Kurpfalz, Kurmainz und Würzburg verschwanden als Staaten von der Landkarte. Auf dem Boden der aufgelösten Territorien wurden die Fürstentümer Leiningen und Krautheim als Staaten aus der Taufe gehoben. Die Besitzübergabe geschah nicht überall reibungslos, im Taubergrund entsandte der Kurfürst Truppen. Im Jahre 1805 schlossen England, Österreich und Rußland ein Bündnis gegen Frankreich. Napoleon verhängte gegen England die Festlandsperre.

In der Dreikaiserschlacht bei Austerlitz siegte der Korse und Österreich verlor seine Gebiete von Passau bis zum Rhein. Im Jahre 1806 schloss Napolen mit 16 deutschen Fürsten den Rheinbund, Kaiser Franz II. legte die Krone nieder und wir wurden von „Napoleons Gnaden“ badisch. Französisches Militär befahl dem leiningenschen die Räumung. Die leiningensche Umfrage „Zur Hebung des Landes“ mit 152 Fragen offenbarte die Not auch offiziell. Der Bericht der Mudauer Orte besagt, „nur der zehnde Theil von Handwerkern, Taglöhnern und Bauern kann ordentlich leben und sich ernähren“. „………woran die Franzosen schultig sind“. Im gleichen Jahr erklärte Preußen an Frankreich den Krieg und wurde besiegt. Unaufhörliche Truppendurchmärsche mit Einquartierungen, Fouragelieferungen, Requisitionen und Kontributionen wechselten einander ab. Nunmehr standen Badener, Hessen, Württemberger und Bayern auch in Spanien künftig an französischer Seite. Desserteure gab es überall, Fangprämien wurden ausgesetzt.  Im Jahre 1808 müssen die Franzosen massenhaft durchgekommen sein, ganz Preußen wurde besetzt. Besonders betroffen waren die Siedlungen entlang der Marschstraßen welche alle vom Neckarraum ausgingen und sich wieder bei Würzburg vereinten. So war es die alte aus fränkischer Zeit stammende Heerstraße vom Rhein über den kleinen Odenwald, Mosbach, Oberschefflenz, Adelsheim, Boxberg, Mergentheim nach Würzburg, oder 1811 nach Fertigstellung der Strecke von Oberschefflenz über Waldhausen, Buchen und die heutige B 27 nach Würzburg, bzw. von Waldhausen über Mudau, Amorbach und Miltenberg über Wertheim, Wenkheim nach Würzburg. Auch war eine wichtige Strecke von Mannheim, Heidelberg, Waldwimmersbach, Eberbach, Mudau, Miltenberg, Hundheim, Tauberbischofsheim, nach Würzburg. In diese Zeit fielen Grenzstreitigkeiten zwischen Baden und Württemberg im Taubertal und der Code Napoleon wurde 1810 in Baden eingeführt. Auf ihm basiert auch unser heutiges BGB und der Rechtsverkehr. Die Not machte sich nun  offensichtlich und immer mehr bemerkbar. Es herrschte große Holzknappheit. In Buchen wurde 1812 für fünf Jahre  ein Frucht- und Brotmarkt eingeführt und in Mudau 1813 ein Leinwandmarkt der sich bis 1845 hielt.




 Für die hiesigen Bewohner begann der russische Feldzug bereits durch Pferdebereitstellung im März 1812. Sechs Wochen dauerte der Durchzug der „Großen Armee“ mit kaum vorstellbaren Belastungen. Napoleon unternahm jetzt mit einem Heer von 600 000 Mann den Feldzug gegen Rußland. Unter den 6000 bis 7000 Badenern, von den nur etwa 500 die Strapazen und Typhus überlebten, waren auch Odenwälder zu beklagen. Schon im April 1813 füllte sich das Mosbacher Lazarett mit Franzosen. Neue Truppen wurden ausgehoben und in der Völkerschlacht bei Leipzig, welche vom 16. bis 19. Oktober dauerte siegten die Preußen, Russen und Österreicher über die Truppen Napoleons. Den flüchtenden Franzosen folgten die russischen Kosaken auf den Fersen und erreichten schon am 15. November Neckarelz. Die russische Armee folgte. Die Hainstadter waren samt Vieh in den Wald geflüchtet. Unser Gebiet wurde Aufmarschzone. Sie hatten es nicht eilig und legten sich ins Quartier. Der Generalstab kam aus Richtung Mudau und ließ sich in Dallau nieder. Der Großherzog von Baden löste erst am 20. November 1813 das Bündnis mit Napoleon und am 12. Dezember 1813 kam Großfürst Konstantin persönlich ins Hauptquartier. Wieder waren Kriegsdienste zu leisten. Ein Problem war die Sprache, Rückkehrer vom Rußlandfeldzug leisteten wertvolle Dolmetscherdienste. Wenn die Russen nichts verstanden schlugen sie Krawall. Es wird von zügellosem Verhalten berichtet, auch von rohen Misshandlungen. Somit wurden die Befürchtungen bestätigt. Unterschefflenz wollte man anzünden. Wenn sie ein Kruzifix sahen oder die Worte Jesus, Maria hörten wurden sie besänftigt. Pfarrer Braun aus Strümpfelbrunn berichtet, dass man ihnen einfach geben musste was sie wollten. Eine badische Landwehr war aufzustellen. Die russische rechte Kolonne zog über Wertheim nach Eberbach, die linke mit 120 000 Mann und 40 000 Pferden von Nürnberg über Bad Mergentheim an den Neckar. Obwohl unser Gebiet in den letzten Jahren viele Truppen gesehen hatten prägten sich die Russen, die auch Kamele mit sich führten, tief in das kollektive Bewusstsein der Bevölkerung ein. Die Bezeichnungen „Russenkreuz“, „Russenbrunnen“ und „Straße von Napoleon“ haben sich bis heute erhalten. Dies führte auch zu mannigfacher Sagenbildung. Die feierfreudigen und trinkfesten Gesellen durchzechten ganze Nächte und sangen schwermütige Lieder am Lagerfeuer, veranstalteten Schießübungen im Zimmer und zerschlugen manches Möbelstück. In der Neujahrsnacht 1813/14 überschritten die Russen bei Mannheim den Rhein. Mit den vereinten Österreichern und Preußen eroberten sie am 31 März Paris. Napoleon wurde auf die Insel Elba verbannt. Doch damit war noch keine Ruhe. Auf ihrem Rückzug passierten im Sommer 1814 allein 179 000 Preußen, Russen und Polen nur die Stadt Mosbach. Auch auf der Heerstraße Eberbach – Mudau – Buchen – Wertheim zogen die Truppen heimwärts. Wieder gab es Einquartierungen, Kriegsfuhren, Requisitionen und Kontributionen, Vorspanndienste waren zu leisten, Schmiede und Schuhmacher hatten alle Hände voll zu tun, Wagen und Pferde mussten abgegeben werden.

 Doch der Friede dauerte nicht lange. Napoleon kehrte zurück. Die auf dem Heimweg befindlichen Truppen drehten um. Der badische Landsturm stellte sich auf und wieder waren Geld-, Natural- und Futterlieferungen zu erbringen. Mitte Juni  1815 überschwemmte eine neue Welle russischer Truppen unseren Raum. Zar Alexander soll mit großer Sicherheit in Zwischenstation in Buchen gemacht haben. Auch Goethe kam auf seiner Reise durch unseren Kreis. Napoleon wurde bei Waterloo besiegt, Paris ein zweites Mal eingenommen und Napoleon auf die Insel Sankt Helena verbannt. Die Alliierten ließen sich nun mit dem Rückmarsch Zeit. Wieder durchzog russisches Militär ab Oktober 1815 unser Gebiet. Natürlich mussten wieder die Pferde beschlagen und Verpflegung für Menschen und Tiere gestellt werden. Erst im Dezember 1818 passierten die letzten Einheiten der russischen Armee unsern Raum. Im Jahre 1819 konnten auch die Landwehrmänner endlich ihre Waffen und Kleidung abgeben. An Krankheiten werden während dieser Zeit Blattern, und Typhusepedemien erwähnt, Kranke wie Offiziere wurden auch in Gasthäusern gepflegt welche in besondere Mitleidenschaft gezogen wurden.

An Besonderheiten ist zu vermerken, dass sowohl einzelne französische als auch russische Offiziere ihre Frauen mitführten, es ist sogar ein Überfall auf eine Französin vermerkt. In diesen trostlosen Jahren trieb auch die Odenwälder Räuberbande bis 1811/12 ihr Unwesen. Eine unerträgliche Schuldenlast blieb mit einer verarmten Bevölkerung zurück. Während dieser Zeit als sich russische, bayrische, polnische und sächsische Truppen auf ihrem Rückmarsch befanden gab es, bedingt durch einen Vulkanausbruch im Jahre 1816, eine Missernte mit Regen, Hagelschauer. Getreide, Kartoffel und Rüben verdarben durch Nässe und Fäulnis auf den Feldern, das Vieh magerte ab und im Jahre 1817 erreichte die Not ihren Höhepunkt. Die Preise stiegen ins Unermessliche. Die Bauern hatten den Truppen alles abgegeben und verfügten über keine Vorräte mehr. Eine verschuldete Bevölkerung blieb zurück und zudem setzte schon ein paar Jahre später 1821 eine Agrarkrise ein welche die Bevölkerung noch tiefer in die Not stürzte. Das Fürstentum Leiningen jedoch retteten die hohen Preise durch den Verkauf ihrer Produkte und es konnte ebenso wie die Ev. Stiftschaffnei bei den sich nun häufenden Zwangsversteigerungen große Zugewinne erzielen. Pfarrer Braun aus Strümpfelbrunn äußerte noch 80 Jahre später, dass Gott die Menschen durch die Not und Leiden wieder zum Glauben hingeführt und dies bislang angehalten habe.

 

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