Heidelberg: „Sie haben Krebs!“

Medizinstudierende werden ab sofort intensiver auf das Gespräch mit Patienten

Heidelberg. (pm) Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe begrüßte Vertreter aller 37 deutschen Medizinischen Fakultäten am 29. Februar in Heidelberg: Erstes Mustercurriculum für Arzt-Patient-Kommunikation steht für die bundesweite Umsetzung bereit / Bundesministerium für Gesundheit förderte Erarbeitung des Kommunikations-Lehrplans unter Federführung des Universitätsklinikums Heidelberg im Rahmen des Nationalen Krebsplans.

Von einem gelungenen Gespräch zwischen Arzt und Patient hängt es ab, wie gut sich der Patient behandelt fühlt und ob er den ärztlichen Empfehlungen folgt. Gerade bei niederschmetternden Diagnosen wie einer Krebserkrankung benötigen Ärzte nicht nur Fingerspitzengefühl, sondern einiges an kommunikativer Kompetenz. Der erste Kommunikations-Lehrplan für das Medizinstudium soll zukünftig deutschlandweit angehende Ärzte umfassend auf diese Aufgaben vorbereiten. Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe begrüßte Vertreter aller 37 deutschen Medizinischen Fakultäten und Medizinischer Fachgesellschaften am 29. Februar 2016 zu einem Kommunikationssymposium in Heidelberg. Das Bundesministerium für Gesundheit förderte die Erarbeitung des ersten Mustercurriculums für Arzt-Patient-Kommunikation sowie das Symposium unter Federführung des Universitätsklinikums Heidelberg im Rahmen des Nationalen Krebsplans.

Dazu erklärte Herr Bundesgesundheitsminister Herrmann Gröhe: „Die Diagnose „Krebs“ ist für die betroffenen Menschen zumeist ein Schock. Vieles von dem, was bisher als sicher galt, gerät ins Wanken – Angst und Hilflosigkeit machen sich breit. Ärztinnen und Ärzte spielen eine entscheidende Rolle dabei, ihre Patienten in dieser Situation zu begleiten und über ihre Krankheit sowie mögliche Therapien aufzuklären. Dabei sind Fachkenntnisse, aber auch Menschlichkeit gefragt. Je besser das Arzt-Patienten-Gespräch gelingt, umso eher sind Patienten in der Lage, aktiv am Genesungsprozess mitzuarbeiten. Deshalb ist es wichtig, Ärztinnen und Ärzte schon im Medizinstudium besser auf die Gespräche mit ihren Patientinnen und Patienten vorzubereiten. Ein einfühlsames und verständliches Arzt-Patienten-Gespräch kann dazu beitragen die Behandlung bei einer Krebserkrankung, aber auch bei vielen anderen Erkrankungen zu verbessern.“

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Professor Dr. Jana Jünger, Oberärztin an der Klinik für Allgemeine Innere Medizin und Psychosomatik am Universitätsklinikum Heidelberg, und Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe auf dem Kommunikationssymposium in Heidelberg. (Foto: Universitätsklinikum Heidelberg)

Professor Dr. Jana Jünger, Oberärztin an der Klinik für Allgemeine Innere Medizin und Psychosomatik am Universitätsklinikum Heidelberg, stellte die wesentlichen Inhalte und Ziele des „Nationalen longitudinalen Mustercurriculum Kommunikation in der Medizin – ein Projekt des Nationalen Krebsplans“ beim Abschluss-Symposium in Heidelberg vor. Dieses sieht vom ersten Semester an ein ausführliches Gesprächstraining zu Themen aus möglichst allen medizinischen Disziplinen vor. „Der Stand der Ausbildung in ärztlicher Gesprächsführung ist an den medizinischen Fakultäten bisher sehr heterogen – was sich auch in den kommunikativen Kompetenzen der Ärzte in Deutschland widerspiegelt. Daher gilt es, möglichst einheitliche Standards zu etablieren und die medizinischen Fakultäten dabei zu unterstützen, die gemeinsam erarbeiten Lernziele mit Hilfe von Best Practice-Beispielen in Lehre und Prüfung ihrer Curricula einzubinden“, erklärte Professor Jünger. „Dieses Symposium ist der offizielle Auftakt zur Implementierung des Mustercurriculums.“

Vertreter der Institutionen, die an der ärztlichen Aus-, Weiter- und Fortbildung teilhaben, verabschiedeten im Rahmen der Veranstaltung die „Heidelberger Erklärung“. Sie bekunden damit ihre Absicht, sich bundesweit für eine Förderung der kommunikativen Kompetenzen in der ärztlichen Ausbildung einzusetzen. Professor Dr. Wolfgang Herzog, Dekan der Medizinischen Fakultät Heidelberg: „In der Krebsmedizin – das sehen wir im Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen (NCT) in Heidelberg jeden Tag – brauchen Patienten Ärztinnen und Ärzte die gut kommunizieren können, gerade in Zeiten großer Arbeitsverdichtung.“
Nicht nur zwischen Arzt und Patient verbessert eine klare und wertschätzende Gesprächsführung die Behandlung. Sie ist darüber hinaus das Fundament der Zusammenarbeit zwischen Berufsgruppen und Disziplinen sowie Garant für die im Behandlungsteam zu erbringende Qualität der Patientenversorgung. „Eine funktionierende Kommunikation auf Augenhöhe ist in der Zusammenarbeit von Ärzten und Pflegefachpersonen für den Behandlungserfolg unerlässlich. Bei Krebs erkrankten Menschen ist die Perspektive der Pflege einzubinden“ sagte Gertrud Stöcker in ihrer Funktion als Vorsitzende des Deutschen Bildungsrates für Pflegeberufe (DBR).



Das Gespräch mit Patienten gehört für Ärzte zum Tagesgeschäft. Trotzdem wird es an den Medizinischen Fakultäten bisher zu theoretisch und meist zu wenig klinisch integriert gelehrt. „Die besonderen Herausforderungen in den einzelnen Fächern mit ihren sehr unterschiedlichen Patientengruppen kommen dabei zu kurz“, sagte Professor Jünger. Vom Verlauf dieser Gespräche hängt allerdings viel ab, wie Studien zeigen: Hat der Patient das Gefühl, der Arzt hört ihm zu, geht auf seine Sorgen ein und informiert ihn umfassend und verständlich, ist er eher bereit, dem Arzt zu vertrauen und die Therapieempfehlungen einzuhalten. Das erhöht den Behandlungserfolg und die Zufriedenheit der Patienten. Darüber hinaus zeigen aktuelle Arbeiten, dass sich die Qualität der Interaktionen mit dem behandelnden Arzt auch positiv auf den Gesundheitszustand von Patienten – wie etwa eine Verringerung von Schmerzen – auswirken kann. Um angehende Ärzte auf die besonderen Herausforderungen im Bereich der Onkologie vorzubereiten, erarbeite das Projektteam um Professor Jünger hierfür spezielle Empfehlungen für die Lehre kommunikativer Kompetenzen. Sie sind in das Nationale longitudinale Mustercurriculum Kommunikation integriert. „Eine Krebsdiagnose versetzt vielen Patienten und ihren Angehörigen einen Schock. Der Arzt muss wissen, was er ihnen jetzt noch zumuten kann und einfühlsam nachfragen, ob der Patient alle wichtigen Informationen verstanden hat“, sagt Jünger. „Diese Empathie kann man lernen – dazu gehört aber das Üben in allen klinischen Fächern.“

Das Team sammelte bundesweit die besten Übungen und Trainingsmöglichkeiten und stellt diese nun in einer „Toolbox“ auf einer Online-Plattform zusammen. „Mit Hilfe dieser praxistauglichen Vorschläge können die Fakultäten ihre eigenen Lehrpläne ressourcensparend und entsprechend der vorhandenen Möglichkeiten ausbauen. Keiner muss das Rad neu erfinden“, so Jünger, die am Heidelberger Universitätsklinikum das Kompetenzzentrum Prüfungen Baden-Württemberg leitet. In Zukunft soll das Kommunikationstraining mit speziell geschulten Schauspielern und am Patientenbett die angehenden Mediziner während ihres gesamten Studiums begleiten. „Das Gespräch mit dem Patienten wird so von Anfang an zur Selbstverständlichkeit“, sagt Jünger. Insgesamt sind 300 Unterrichtseinheiten für das Gesprächstraining vorgesehen.
Seit 2012 ist die Arzt-Patient-Kommunikation offiziell Gegenstand der Lehre und der abschließenden Staatsprüfung. Im Juni 2015 hat der Medizinische Fakultätentag einen Nationalen Kompetenzbasierten Lernzielkatalog Medizin (NKLM) verabschiedet, in dem explizit Lernziele für die ärztliche Gesprächsführung formuliert sind. An diesem Katalog sowie den gesammelten Best Practice Beispielen orientiert sich das Mustercurriculum Kommunikation in der Medizin.

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Mit Experten im Gespräch: Vertreter von Selbsthilfegruppen beteiligen sich aktiv am Kommunikationsunterricht. Foto: Universitätsklinikum Heidelberg

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