Mudau: Auf Spuren des Hölzerlips

 Mudau. (lm) „Der Hölzerlips und seine Bande“ wurden wegen ihrer Greueltaten im Juli 1812 in Heidelberg hingerichtet, doch ihr Revival vom HVV Mudau erfreut sich in Sachen „unterhaltungs- und wissenswert“ größter Beliebtheit. So z. B. im Rahmen der vierstündigen geführten „Mudau aktiv“-Wanderung zum einst zwangsaufgelösten Ferdinandsdorf im Reisenbacher Grund, wo man am imposanten „Felsenhaus ihren Planungen zum Überfall bei Hemsbach an der Bergstraße gebannt lauschen konnte. Denn sie verständigten sich in den „Räubersprachen“ Jenisch oder Rotwelch und auch mit Zeichen, den sogenannten „Zinken“.

Einige Ausdrücke dieser „Sprachen“ haben sich bis heut in unserem Alltag erhalten – wie zum Beispiel „malochen“. Dass sich die Hölzerlips-Bande aus bitterer Armut heraus gebildet hat wurde bei dem „Schauspiel“ von Hans Slama und seinen „Mannen“ ebenso deutlich wie einige Episoden zum Schmunzeln lebendig geblieben sind. Der Aufenthalt am Felsenhaus unterstrich außerdem die Ausführungen des Geopark-vor-Ort-Begleiters Slama über die Besiedlung und Zwangsauflösung von Ferdinandsdorf. Die Wanderung begann im Reisenbacher Grund, dessen drei Wohngebäude erst im Rahmen der Gebietsreform in den 1970er Jahren zur Gemeinde Mudau und dem Neckar-Odenwald-Kreis kamen. Zuvor gehörten die Einwohner, aus der Geschichte herrührend, zu drei Gemeinden in drei verschiedenen Kreisen.

Ehemals, vor 1803 war rechts des Reisenbaches Kurmainz und linksseits die Kurpfalz. Während der mainzische Teil des Reisenbacher Grundes bereits im 15. Jh. gerodet und mit einer lebensnotwendigen Mühle besiedelt wurde, entstand die Mühle links des Bachs auf Waldgemarkung Zwingenberg etwa um 1600 und wurde etwa 100 Jahre später an die Grafen von Wiser belehnt. Ferdinand von Wiser siedelte recht schnell auf der Höhe bei der heutigen „Max Wilhelms Höhe“ vier Bauern an und vergab weitere Waldparzellen bis in den Reisenbacher Grund hinunter zur Rodung. Er benannte diesen für etwa 20 Familien gedachten Doppelweiler nach seinem Vornamen Ober- und Unterferdinandsdorf. Doch mangels Viehweiden, Holz, dafür mit schlechtem Boden an steilem Nordhang liegend war das von vorneherein als Fehlkonzeption anzusehen.

Um 1780 ahmte die kurpfälzische Hofkammer auf der Eberbacher Gemarkung „Braunklinge“ dies nach und legte ebenfalls einige Häuser an, „pfälzisch Unterferdinandsdorf“. Ab 1803 kamen die linksrheinisch entschädigten Fürsten von Leiningen als Landesherren in den Besitz, und schon drei Jahre später wurde durch Napoleons Diktat Baden Landesherr. Als Leiningen in finanzielle Not geraten den Zwingenberger Teil nicht übernehmen konnte, kam dieser an eine Seitenlinie der Markgrafen von Baden. Dies komplizierten Rechtsverhältnisse führten unter zwei Standesherren zu einer kommunalrechtlichen Zersplitterung Ferdinandsdorfs. Erschwerend kam hinzu, dass das Haus Zwingenberg wohl schon recht früh auf eine Absiedelung setzte während Leiningen dies aus der finanziellen Not heraus vermutlich aussitzen wollte. Not, Hunger und Tod bedrohten zwar nicht nur den Odenwald, doch waren die Dörfer hier zusätzlich stark belastet durch die Einquartierungen von Soldaten, insbesondere Russen und Kroaten, die auch nach dem Sieg über Napoleon im Lande blieben. Der Druck auf die Bewohner ließ nicht nach, so sperrte man ihnen z. B schon früh den Viehtrieb, verweigerte ihnen den Betrieb einer Gaststätte und machte Probleme bei der Wasserversorgung und der Schule, der Lehrer musste zeitweise im „Hinkelstall“ übernachten, nur um einige Beispiele zu nennen.

Kein Wunder, dass die Bewohner in ihrer Not Holzfrevel oder Wilderei begehen mussten. Und obwohl der Fürst zu Leiningen meinte, die „Bewohner  seien nur durch Freiheitsstrafen und Schanzarbeit zu verbessern“, war ihm klar, dass in Unterferdinandsdorf keine Tagwachen aufgestellt werden mussten, denn es war so arm, dass es hier nichts zu stehlen gab – eben eine „Bettelmanns Umkehr“. Ein zudem einsetzendes Bevölkerungswachstum auf etwa 250 Personen und mehr, mit weiteren Missernten und Notjahren während der Agrarkrise ließ die Bevölkerung verarmen. 1846 wanderten 39 noch etwas vermögenden Ferdinandsdörfer über den „Texasverein“ der Fürsten aus, fanden aber vermutlich den Tod.

Wie Hans Slama weiter ausführte, war vor allem die von den Ferdinandsdörfern illegal herbeigeführte Gemeindevereinigung ein Problem. Am 28.12.1850 kam es zur Auflösung des Dorfes und im März 1851 wanderten 47 Ferdinandsdörfer zusammen mit Tolnayshöfern und weiteren 226 Armen der Gegend auf Staatskosten nach Amerika aus, wo es ihnen vermutlich besser ging. Die restlichen Bewohner kamen in umliegenden badischen Gemeinden unter, einige davon in der Nähe. Die Absiedelung zog sich bis in die 1870er Jahre hin. Geblieben sind als Zeugen der Geschichte die noch bestehenden Häuser im Grund, die Gebäudereste, Lesesteinhaufen und der Brunnen.

Es handelt sich also um keine Zwangsauswanderung sondern um eine Zwangsauflösung. Hans Slama ging in diesem Zusammenhang auch auf das nach der Auflösung angelegte Wildgehege und den Leiningenschen Wildpark ein, dem weitere Dörfer durch Auflösung zum Opfer fielen, ebenso auf das Wildern in den Parks der Erbacher und Leininger. Hier musste sogar während der Agrarrevolte von 1848/49 Militär eingesetzt werden.

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Die Hölzerlips-BAnde des HVV Mudau. (Foto: Liane Merkle)

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