Buchen: „Menge der Menschlichkeit“

Wohnungen für Flüchtlinge

(pm) Wohnen ist eines der elementaren Grundbedürfnisse jedes Menschen, auch der Flüchtlinge. Wenn diese Menschen aus den Gemeinschaftsunterkünften kommen, brauchen sie eine Wohnung. Und genau hier fangen nicht nur in Buchen die Probleme an. „Wir finden nichts“, klagen Janet Hemberger-Sanns und Franziska Hahn vom AK Asyl und teilen damit die Erfahrung von vielen, die sich um Mietwohnungen für Flüchtlinge bemühen. Was dann letztlich auch zum Problem für die Stadtverwaltung wird.

Froh wäre man im Rathaus, wenn möglichst viele Menschen auf dem freien Wohnungsmarkt fündig würden. „Viele wollen aber grundsätzlich nicht vermieten“, erklärt Beigeordneter Thorsten Weber: „ Nicht an Einheimische und erst recht nicht an Flüchtlinge.“ Dass es Vorbehalte gibt, ist nicht von der Hand zu weisen. Hier will die Stadt anknüpfen und Hilfestellung leisten. Potentiellen Vermietern, die sich eine Vermietung an Flüchtlinge vorstellen könnten, denen aber der letzte „Ruck“ fehlt, wird von der Stadtverwaltung folgendes angeboten: Sie schlüpft für ein Jahr in die Rolle des Mieters, um so eine gewisse Sicherheit zu vermitteln. Konkret heißt das, dass die Stadt Miete vereinnahmt, die als Teil der staatlichen Leistungen gezahlt wird, und sie direkt an den Vermieter weiterleitet. Damit ist die Mietzahlung sicher gestellt. Läuft alles gut, zieht sich die Verwaltung nach einem Jahr zurück und das Mietverhältnis wird ganz regulär fortgesetzt zwischen Vermieter und Mieter.

Bei Oliver Schüßler aus Hainstadt läuft auch ohne Hilfe alles gut. Vor über einem Jahr haben er und seine Lebensgefährtin gleich drei syrische Brüder nicht in einer separaten Wohnung, sondern sogar im eigenen Haus aufgenommen – Küche, Bad und Toilette werden gemeinsam genutzt. Hisham, Zakarya und Nizar leben und schlafen in zwei Zimmern, dort steht auch der eigene Fernseher. „Wir leben wie in einer WG und das klappt gut“, sagt Schüssler, der bewusst auf die ihm zustehende Miete verzichtet. Warum er und seine Lebensgefährtin sich darauf eingelassen haben? „Wir haben gesehen, dass der Staat und vor allem die Leute ein Problem haben. Und da wollten wir helfen.“ Das Landratsamt habe ihm unbürokratisch den Kontakt mit den drei Brüdern, deren Eltern noch in der IS-Hochburg Rakka leben, vermittelt. Nach dem Einzug wurden ein paar Regeln abgesprochen. Daran halten sich alle, obwohl sie ansonsten sehr unterschiedlich sind. Gerade am Anfang hat Schüsslers Lebensgefährtin Ute sie vor allem bei den Behördengängen unterstützt.

Mittlerweile haben alle ihre Anerkennung und Zakariya, der in seiner Heimat Telekommunikationstechnik studiert hat, sieht seine Zukunft ganz klar in Deutschland. In Kürze starten ihre Integrationskurse, dann will Zakariya eine Ausbildung beginnen. In einem selbst verfassten Text schreibt er: „Wir verließen meine Mama und Papa in Syrien und wir Olli und Ute lieben wie meine Mutter und Vater. Wir fühlen uns wohl und ruhig in diesem Haus und mit dieser Familie (…) Sie haben eine Menge der Menschlichkeit.“


(Foto: pm)

„Eine Menge der Menschlichkeit“ hat auch Kassar Bani AlMarjeh aus Syriens Hauptstadt Damaskus erfahren. Der Elektriker, der nach knapp einem Jahr in Deutschland seine Anerkennung erhalten hat, konnte seine Frau und die beiden kleinen Töchter aus einem jordanischen Flüchtlingslager im Rahmen des Familiennachzugs zu sich holen. Jetzt haben sie ebenfalls in Hainstadt ein kleines, altes Häuschen mieten können. Einfach, aber blitzsauber präsentiert sich die spärlich möblierte Wohnung. AlMarjeh und seine Frau werden im September einen Integrationskurs beginnen, die Kinder besuchen seit kurzem den Kindergarten und ihre Augen leuchten, wenn der Übersetzer sie danach fragt. Vermieter ist das Ehepaar Zich aus Hainstadt. „Jeweils ein Elternteil von uns war heimatvertrieben. Aus deren Erzählungen wissen wir, wie schlimm die Vertreibung und auch die erste Zeit hier waren“, erklärt Dieter Zich: „Da hat man dann schon ein gewisses Verständnis für die Leute, die Krieg und Elend aus dem Land getrieben haben. Das trifft vielleicht nicht für alle zu, aber aus meiner Überzeugung doch für die meisten.“ Bisher hat er nur gute Erfahrungen gemacht. Und die Familie Al Marjeh wird nicht müde, ihre Dankbarkeit zu betonen. „Wir werden dem deutschen Volk und der Familie Zich immer dankbar sein für die große Hilfe. Wir wollen arbeiten und alles zurückgeben und wir entschuldigen uns für das, was andere Flüchtlinge vielleicht Unrechtes tun“, übersetzt der Dolmetscher. Zich selber hat bisher keine schlechten Erfahrungen gemacht, auch nicht mit den türkischen Mietern, die nebenan wohnen. Im Schatten der katholischen Kirche übrigens. „Das ist echte Integration“, lacht dann auch der junge türkischstämmige Mann auf dem Balkon mit freundlichem Blick auf das christliche Gotteshaus.

Wer sich über das städtische Angebot genauer informieren möchte, der wendet sich an Andreas Schölch bei der Stadtverwaltung, Tel. 06281 31 106, E-Mail andreas.schoelch@buchen.de

Mit der Anerkennung eines Asylantrages bzw. der Erteilung einer Aufenthaltsgenehmigung für meist drei Jahre endet die Zuständigkeit des Landratsamtes für die Flüchtlinge und zumindest in Fragen der Unterbringung kommt die Kommune ins Spiel. Gelingt es den Menschen nämlich nicht, auf dem freien Wohnungsmarkt eine Bleibe zu finden, dann muss die Wohnsitzgemeinde eingreifen, um „Obdachlosigkeit zu vermeiden“. Im Buchener Rathaus versucht man seit Monaten, sich durch die Herrichtung städtischer Immobilien darauf einzustellen – so gut das eben geht bei völlig unsicheren Prognosen über die Zahl der vielleicht gebrauchten Wohnungen und den genauen Zeitpunkt des Bedarfes. Denn niemand kann genau vorher sagen, wie viele Flüchtlinge auf Dauer hier bleiben und ob, wann und wie viel Familiennachzug kommen wird.


(Foto : pm)

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