Ein Leben ohne Billa ist unvorstellbar

Begleitetes Wohnen: Johannes-Diakonie unterstützt wie bei Familie Martin Menschen mit Behinderung und deren Gastfamilien
 

  Großeicholzheim. (mw) Auf die Fahrradtour am Abend legt Sylvia Frey großen Wert. Ihre Schwester Margot Martin auch. Dann setzen sich beide auf ihr dreirädriges Tandem und radeln los. Seit einigen Wochen haben sie sogar einen Elektromotor an ihrem Rad. Über 400 Kilometer haben sie seitdem schon abgestrampelt. „Mehr als andere mit dem Auto“, scherzt Margot Martin.
 
 Die Radtouren gehören fest zu Margot Martins Alltag. Aufgrund einer Behinderung ist ihre Schwester seit ihrer Kindheit auf Unterstützung angewiesen. Die 67 Jahre alte Frau versteht zwar fast alles, kann aber kaum sprechen, benötigt Hilfe beim Anziehen, Waschen und anderen Verrichtungen des Alltags.
 
 Dass Margot Martin einmal ihre Schwester betreuen würde, war so nicht geplant. Zuvor lebte Sylvia Frey bei ihrer Mutter, die aber irgendwann mit der Betreuung überfordert war. Die Martins bauten die kleine Wohnung im Erdgeschoss ihres Hauses behindertengerecht um und holten Sylvia Frey 2005 zu sich. Seitdem lebt sie bei Margot Martin und ihrem Mann Otto in Großeicholzheim bei Seckach. „Billa“, wie sie liebevoll genannt wird, ist dort bei vielen bekannt und beliebt. Die Frau mit dem ansteckenden Lachen begleitet Margot Martin zum Einkaufen und zur Gymnastik. Der Alltag funktioniert gut.
 
 Dennoch ist Margot Martin froh, dass sie bei der Betreuung ihrer Schwester Unterstützung hat. Bei Behördengängen, Kostenerstattung und anderen Fragen, die für pflegende Angehörige zum Alltag gehören, steht Bärbel Dörge von den Offenen Hilfen der Johannes-Diakonie Mosbach als Ansprechpartnerin zur Verfügung. Sie unterstützt die Martins und andere Klienten im sogenannten begleiteten Wohnen in Familien. „Unsere Aufgabe ist es, Familien beratend beizustehen, wenn sie einen Menschen mit Behinderung bei sich aufgenommen haben“, erklärt Bärbel Dörge. Die Mitarbeiter der Offenen Hilfen besuchen die Familien etwa einmal pro Woche, helfen bei Behördengängen, vermitteln bei Bedarf Kurzzeitunterbringung und beraten in Alltagsfragen.
 
 Das begleitete Wohnen in Familien wird auch im Neckar-Odenwald-Kreis immer stärker nachgefragt. So stellt sich etwa bei vielen älteren Menschen mit Behinderung, die zwischenzeitlich selbstständig gewohnt haben, mit zunehmendem Alter die Frage nach einer Betreuung. Viele möchten lieber in einer Familie leben als in einer stationären Einrichtung, weil diese Veränderung als weniger einschneidend empfunden wird. „Auch für psychisch erkrankte Menschen ist begleitetes Wohnen in Familien gut geeignet“, sagt Bärbel Dörge. Dabei muss die Familie nicht unbedingt mit dem betreuten Menschen verwandt sein. Im Prinzip kann sich jede Familie für eine Betreuung entscheiden und hat damit nach Prüfung des zuständigen Landkreises auch Anspruch auf finanzielle Unterstützung durch die Eingliederungshilfe. Für Klienten mit eigenem Einkommen oder Vermögen ist die Unterbringung in deiner Familie zudem kostengünstiger als eine stationäre Unterbringung.
 
 Für die Martins ist das begleitete Wohnen ebenso wie die Hilfe von Freunden und Verwandten eine wichtige Stütze. Sie gewinnen dadurch Freiräume, die ab und zu nötig sind, um sich dann wieder auf die Nähe zur betreuten Person einzulassen. So hat sich das Leben zu dritt sehr gut eingespielt. Ob es nun gemeinsame Urlaube sind, Besuche bei der Verwandtschaft, Filzen im Handarbeitsszimmer oder Fußball schauen: Ein Leben ohne „Billa“ im Hause? Für Margot Martin nicht mehr vorstellbar.
 


Gemeinsames Hobby: Margot Martin und ihre Schwester Sylvia Frey lieben Fahrradtouren. (Foto: Andreas Lang)
 
 

Begleitetes Wohnen in Familien
 Beim begleiteten Wohnen in Familien werden Menschen mit Behinderung und deren Gastfamilien in vielen Fragen des Alltags von einem sozialen Dienstleister unterstützt. Qualifizierte Fachkräfte helfen zum Beispiel bei Behördengängen, vermitteln Plätze zur Kurzzeit- oder Verhinderungspflege und beraten in vielen weiteren Fragen des Alltags, etwa zu Unterbringung, Bekleidung oder medizinischen Themen. Für die Betreuung können die Familien auch eine finanzielle Unterstützung erhalten – nach Prüfung des zuständigen Landkreises. Ansprechpartnerin für begleitetes Wohnen in Familien ist in der Johannes-Diakonie Bärbel Dörge, Offene Hilfen, Telefon: 06281 325687, E-Mail: baerbel.doerge@johannes-diakonie.de.

 
 Infos im Internet:
 www.johannes-diakonie.de

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