Ärzte entscheiden, nicht der Kassenstand

Gesundheitsdialog in Waldbrunn – Reges Zuhörer Interesse – Kritische Nachfragen


Geschäftsführer Norbert Mischer (li.) lässt die zahlreichen Zuhörer wissen, dass an den Neckar-Odenwald-Kliniken die Ärzte darüber entscheiden, was notwendig ist, nicht er als Kaufmann. (Foto: Hofherr) 

Schollbrunn. Der sicherste Ort aus medizinischer Sicht, war am vergangenen Mittwoch der Bürgersaal im Waldbrunner Ortsteil Schollbrunn. Dort waren in einem bisher einmaligen Format nahezu alle aktuellen bzw. künftigen Chefärzte der Neckar-Odenwald-Kliniken zusammen mit dem Aufsichtsratsvorsitzende Landrat Dr. Achim Brötel und Klinik-Geschäftsführer Norbert Mischer zum Gesundheitsdialog anwesend, um ihre jeweiligen Fachgebiete sowie die Kliniken und deren Abteilungen vorzustellen und anschließend die Fragen der anwesenden Bürger, darunter auch Bürgermeister Markus Haas, zu beantworten.

Nachdem Auftakt der Veranstaltungsreihe Anfang der Monats in Adelsheim, war die „geballte Kompetenz“ mit den Chefärzten Dr. Thomas Hüttenhain (Allgemein- und Viszeralchirurgie), Dr. Fritz-Karl Matzkies (Innere Medizin, Standort Mosbach), Dr. Bernd Gritzbach (Orthopädie, Unfallchirurgie und Wirbelsäulenchirurgie), Dr. Klaus Hahnfeldt (Gynäkologie und Geburtshilfe), Dr. Rüdiger Mahler (Innere Medizin, Standort Buchen), Ltd. Arzt Tobias Link (Psychiatrie) und Dr. Wilfried Munz, der die Nachfolge von Dr. Hahnfeldt antritt, der sich in wenigen Wochen in den Ruhestand verabschiedet. in Waldbrunn zum Dialog bereit und etwa 80 Zuhörer waren der Einladung gefolgt.

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Vonseiten der Kliniken fehlten lediglich Dipl. med. Petra Flohr (Leitende Ärztin, Akutgeriatrie und Geriatrische Rehabilitation) und der Ärztliche Leiter PD Dr. Harald Genzwürker (Anästhesiologie und Intensivmedizin), der aufgrund einer Hüft-OP, die er wohlgemerkt von den Kollegen der Neckar-Odenwald-Kliniken durchführen ließ, in Reha weilt.

Nach der Begrüßung ging der Aufsichtsratsvorsitzenden Landrat Dr. Achim Brötel kurz auf die Schwierigkeiten der wohnortnahen Krankenhäuser in Mosbach und Buchen sowie Hardheim ein, die effizient und auf höchstem medizinischen Niveau rund um die Uhr für die Bürger offen seien. Der Gesetzgeber tue derzeit alles, so Brötel, um es den „kleinen Häusern“ schwer zu machen. Während es aktuell noch 1.700 Kliniken in Deutschland gebe, sollen davon 75 Prozent ersatzlos gestrichen und in 330 Groß- bzw. Uni-Kliniken zusammengefasst werden, sodass Bürger künftig 200-300 Kilometer lange Anfahrtswege in Kauf nehmen müssten. Wie sich der Kahlschlag im ländlichen Raum bemerkbar mache, sehe man beim Blick über die Landesgrenzen hinaus. Dort seit das Krankenhaus in Miltenberg im Jahr 2005 an einen privaten Betreiber verkauft worden. Danach sei es zum Zusammenschluss mit dem Krankenhaus in Lindenfeld gekommen, heute stehe die Klinik vor der Schließung. Auch in Möckmühl und evtl. in Künzelsau stehen kommunale Gesundheitsversorger vor dem Aus. Immer zu Lasten des ländlichen Raums, betonte Brötel. Abschließend hob Brötel hervor, dass man um den Erhalt der Neckar-Odenwald-Kliniken kämpfen würde, auch wenn man sich weiterhin auf Zuschussbetriebe einstellen müsse. Es gehe nicht, dass man schwarze Zahlen schreibe und dabei die Menschlichkeit im Klinikbetrieb auf der Strecke bleibe. Er appellierte daher an alle Anwesenden, künftig die hervorragende medizinische Arbeit der Kreis-Kliniken bei eigenen Erkrankungen ins Kalkül einzubeziehen.

Geschäftsführer Norbert Mischer, erläuterte anschließend kurz die Zahlen der beiden Häuser in Mosbach und Buchen. In Mosbach verfüge man über 182 Betten, die im vergangenen Jahr von 9.167 Patienten genutzt wurden. Außerdem habe das Personal 20.477 Patienten ambulant behandelt. In Buchen (195 Betten) seien 9.308 Patienten auf den Stationen gezählt worden; ambulant habe man 22.892 Personen erfasst. Mit 1.000 Mitarbeitern, darunter 65 Azubis, sei man einer der größten Arbeitgeber im Landkreis, darunter sind 133 Ärzte, 701 medizinisches Fachpersonal wie Krankenschwestern, -pfleger, Labormitarbeiter etc. und 238 Beschäftigte in sonstigen Bereichen (Küche, Reinigung, Hausmeister etc.). Die Neckar-Odenwald-Kliniken seien damit ein bedeutender Wirtschaftsfaktor, der neben dem eigenen Personal auch Handwerkern, Dienstleistern und sonstigen Unternehmen mit Aufträgen versorge. Für die sogenannte Generation Y – also die 20- bis 30-Jährigen – sei eine gute medizinische Versorgung in Wohnortnähe ein wichtige „weicher“ Standortfaktor, der beim evtl. Zuzug den Ausschlag für oder gegen eine Region geben könne, so Mischer, der anschließend auch noch das Fachgebiet der abwesenden Dipl. med. Petra Flohr als Leitende Ärztin für Akutgeriatrie und Geriatrische Rehabilitation vorstellte. Im Hinblick auf eine alternde Gesellschaft komme gerade dieser Fachrichtung eine große Bedeutung zu. Dass man dabei abteilungsübergreifend in den Neckar-Odenwald-Kliniken kurze Wege schätze und auch nutze, zeige sich auch daran, dass man im Bereich der Traumatologie (Verletzungen, Brüche, Wunden usw.) inzwischen gemeinsam mit den Kollegen aus dem Fachgebiet Orthopädie, Unfallchirurgie und Wirbelsäulenchirurgie sehr eng zusammenarbeite, zeige sich doch, dass die Wundversorgung und Pflege „des älteren Menschen“ ganz andere Anforderungen an die Kliniken stellt. So holen die Chirurgen nun frühzeitig die Altersmediziner mit ins Boot, sodass den Senioren die richtige Behandlung zuteil wird, ergänzte Chefarzt Dr. Bernd Gritzbach. Viele der Operationen könne man inzwischen minimalinvasiv anbieten, hob Gritzbach außerdem hervor. Hier biete man in Buchen und Mosbach die gleiche Qualität wie die Unikliniken. Auch in der Endoprothetik biete man hervorragende Leistungen, zeigte sich Gritzbach überzeugt. Man scheue sich aber auch nicht, führte er weiter aus, Patienten weiterzuleiten, wenn diese woanders besser behandelt werden können. Dieser Aussage schlossen sich auch die anwesenden Kollegen an.

Dr. Thomas Hüttenhain (Allgemein- und Viszeralchirurgie) ging neben der Vorstellung der Leistungen seiner Abteilung insbesondere auf die Kooperation mit den Internisten im Rahmen des „Bauchzentrums“ ein, während sein Kollege Dr. Rüdiger Mahler (Innere Medizin, Standort Buchen) u.a. die sechs Betten im Bereich der Palliativmedizin vorstellte. Hier erhalten Patienten, die nicht mehr geheilt werden können, eine menschenwürdige Begleitung im Kreise ihrer Angehörigen.
Dr. Fritz-Karl Matzkies (Innere Medizin, Standort Mosbach) hob sein besonderes Interesse für alles die Niere betreffende hervor (Nephrologie). Außerdem ließ es die Anwesenden wissen, dass man bei den Neckar-Odenwald-Kliniken über eine zertifizierte Schlaganfall-Ambulanz verfüge, sodass auch Menschen im ländlichen Raum hervorragende behandelt werden. Intensivmedizinische Betten runden das Angebot ab.

Der scheidende Chefarzt für Gynäkologie und Geburtshilfe Dr. Klaus Hahnfeldt, an dessen Stelle ab April Dr. Winfried Munz tritt, ließ die Zuhörer wissen, dass an den Kreiskliniken im vergangenen Jahr mit 1.117 Entbindungen wieder steigende Geburtenzahlen vermeldet werden. Aber auch bei der Behandlung von Krebserkrankungen sei man in Mosbach und Buchen gut aufgehoben, stellte Hahnfeldt fest. So würden an Brustkrebs erkrankte Frauen medizinisch auf dem gleichen Niveau behandelt, wie an Unikliniken, was die menschliche Atmosphäre betrifft, sei man an kleinen Häusern aber viel besser aufgehoben. Dr. Munz teilte dem Plenum mit, dass er die minimalinvasiven OP-Methoden weiter verbessern will.
Abschließend stellte der Leitende Arzt Tobias Link vom Zentrum für Psychiatrie Wiesloch – Außenstelle Mosbach – die Schwerpunkte seiner Tätigkeit vor. Neben allen Formen von Depressionen, Burn-Out, Angststörungen, Psychosen, Neurosen etc. sei eine psychiatrische Tagesklinik an den Neckar-Odenwald-Kliniken in Mosbach besonders erwähnenswert. Man könne also auch bei Erkrankungen der Seele wohnortnah behandelt werden.

Geschäftsführer Mischer ging dann noch kurz auf Belegärzte für Augenheilkunde und Urologie ein, bevor die Fragerunde eröffnet wurde.

Dabei ließen die Zuhörer auch kritische Anmerkungen nicht aus. Insbesondere im Zusammenhang mit den berühmt-berüchtigten Fallpauschalen, die je Erkrankung – unabhängig vom Verlauf einer Heilbehandlung – lediglich mit einem festgelegten Pauschalbetrag vergütet werden. Egal wie lange jemand in der Klinik verbleibe, erhalte die Klinik immer den gleichen Betrag, was sicher dazu führe, so der Verdacht, dass der Kaufmann und nicht der Arzt den Zeitpunkt der Entlassung festlege.
Bei dieser Bemerkung ließen es sich die anwesenden Ärzte nicht nehmen, ihrem Geschäftsführer beizuspringen. Trotz der Millionendefizite in den vergangenen Jahren, habe es nie diesbezügliche Überlegungen oder Anweisungen gegeben. Womit sich die Neckar-Odenwald-Klinik durchaus positiv von Häusern privater Betreiber abhebe, wie einer der Ärzte zu berichten wusste.
Auch die immer wieder aufkommenden Sorgen, dass unnötige, aber lukrative Operationen vorgenommen werden, obwohl es medizinisch nicht notwendig ist, könne den Patienten für die Kliniken in Mosbach und Buchen genommen werden, betonten die Mediziner.
Geschäftsführer Mischer stellte darüber hinaus klar, dass man vor über drei Jahren vereinbart habe, dass der Arzt im Sinne des Patienten entscheide. Er könne garantieren, dass es keinerlei Einmischung von kaufmännischer Seite gebe. Mischer schloss die Veranstaltung mit dem Versprechen: „Sie werden in den Neckar-Odenwald-Kliniken nur operiert, wenn es für sie gut ist.“

Die letzte Veranstaltung dieser Reihe findet am 21. Februar in Buchen (Konferenzraum unter der ZPA in der Klinik) um 19.00 Uhr statt. Außerdem bieten Tage der offenen Tür weitere Einblicke in den Betrieb und die Versorgung.

Infos im Internet:

www.neckar-odenwald-kliniken.de

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