Billigheimer beim härteste Radrennen Europas

Michael Kochendörfer bereits zum beim Mal beim „Race Around Austria“


Nach 106 Stunden fährt Michael Kochendörfer unter dem Jubel der Zuschauer ins Ziel. (Foto: Felix Roittner)

Bereits zum dritten Mal nach 2014 und 2015 nahm der Extrembiker Michael Kochendörfer aus Billigheim das „Race Around Austria„, also das Rennen rund um unser Nachbarland Österreich unter die Reifen seines Rennrads. Dabei absolvierte der Ausdauersportler insgesamt 2.200 Kilometer und 30.000 Höhenmeter.

Michael Kochendörfer umrundete bei dem Rennen die Außengrenzen der Alpenrepublik entlang der Nachbarländer Deutschland, Tschechien, Slowakei, Ungarn, Slowenien, Italien, Lichtenstein als sogenannter „Einzelstarter Nonstop“. Dabei kam er nach und kam nach 106 Stunden als insgesamt Viertplatzierter ins Ziel. Er verpasste den Podestplatz nur um wenige Minuten.

Die Vorbereitungen auf diese extreme körperliche und mentale, aber auch logistische Herausforderung, begannen für den Odenwälder bereits im November 2016. Die Vorbereitung bestand überwiegend aus den Trainingseinheiten mit Radfahren Kraft und Athletik! aber auch mentalen Einheiten. Dabei wurde zwei Trainingslager in Südtirol absolviert, um speziell lange Bergeinheiten einbauen zu können.

Bei der Siegerehrung wurde nicht nur der Fahrer, sondern auch dessen Team von Veranstaltern und Zuschauern gefeiert. (Foto: Heiko Mandl
Kochendörfers Saisonplanung war auf zwei Höhepunkte ausgerichtet. Zum einen auf die Ultraweltmeisterschaft im Juni, die der Ausdauerathlet als Weltmeister beenden konnte, und zum andern auf das Race Around Austria. Neben dem Training musste auch die Organisation gestemmt und ein siebenköpfiges Betreuerteam mit Ehefrau Anja, Tochter Chantal, Bruder Heiko und den Sportskameraden Heiko Dengel, Armin Lenz, Günter Hägele und Torsten Noe gewonnen und koordiniert werden. Dazu galt es, jede Menge Material, darunter zwei Rennräder mit unterschiedlichen Übersetzungen, Ersatzteile, Lautsprecher, Blinklichter, Funkgeräte, Navigationsgeräte, Akkulampen für die Räder, mehrere Kisten Kleidung, spezielle Ernährung, Begleitfahrzeuge und ein Wohnmobil zu beschaffen und nach Österreich zu transportieren.

Bei der Beschaffung wurde der Billigheimer unter anderem vom Mosbacher Autohaus Käsmann unterstützt, das das sogenannte Pace Car (Begleitfahrzeug) bereitstellte. Außerdem fanden sich viele Radfreunde, die dem Ausdauersportler Navigationsgeräte, Ersatzlaufräder und vieles mehr bereitstellten.

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In mehreren Teamtreffen wurden die Aufgaben verteilt, bevor man sich auf den Weg machte, um rechtzeitig im Startort St. Georgien im Attergau einzutreffen. Dort angekommen mussten weitere Vorbereitungen erledigt werden. So galt es die Startunterlagen zu beschaffen und Autos sowie Rennmaschinen zu präparieren. Das Begleitfahrzeug musste mit Aufklebern, Warnlichtern und Lautsprechern ausgerüstet werden. Kochendörfers Rennmaschinen erhielten spezielle Leuchtaufklebern, sodass auch die Sicherheit in den Nachtstunden gewährleistet war. Denn im Gegensatz zu vielen anderen Rennen, ist beim Race around Austria kein Rennkurs abgesteckt, sodass jederzeit mit Straßenverkehr zu rechnen ist.
Außerdem musste ein Buch mit Regelwerk und Formularen, Haftungsausschlüssen gesichtet werden, weshalb das ganze Team schon vor dem Startschuss sehr beschäftigt war. Am Ende erfolgte noch die offizielle Abnahme durch die Rennjury.

Dienstagmorgens um 10:48 Uhr ging Michael Kochendörfer von der Startrampe und nahm die Herausforderung unter die Räder. Die Starter gingen wie bei einem Einzelzeitfahren mit drei Minuten Abstand auf die Strecke. Außerdem darf man weder in Gruppen bzw. im Windschatten seiner Konkurrenten fahren.

Da der Radsportler ununterbrochen vom Begleitfahrzeug anhand des Routebooks navigiert werden musste, teilten sich die Unterstützer in zwei Teams, die abwechselnd verschiedene Aufgaben übernahmen, die Strecke abstimmten, Kochendörfer verpflegten, Kleidung reichten, Räder tauschten und vieles andere mehr.

Der Billigheimer Ausdauersportler in den Bergen. Foto: Heiko Mandl
Der Sportler kam sehr gut ins Rennen. Zunächst ging es für die Teilnehmer in Richtung Mühlenviertel, ein Streckenabschnitt der für die Verhältnisse der Alpenrepublik als flacher Abschnitt galt. Gut versorgt von seiner Crew ging es bei gutem Wetter mit angenehmen 29°C in Richtung Slowakei. Kochendörfer wollte bis zur zweiten Nacht komplett durchfahren und erst dann beim ersten PowerNapping etwas Kraft zu tanken. Nach den ersten 24 Stunden hatte der Billigheimer bereits 630 Kilometer in den Beinen.

Weiter ging durch die Südsteirische Weinstraße in Richtung Lavamünd Soboth bis zur Passhöhe auf 1.361 Metern. Für die steilen Rampen hatte Kochendörfer ein spezielles Bergrad dabei, damit er die Anstiege mit einer anderen Übersetzung fahren konnte, während für die langen, steilen Abfahrten Scheibenbremsen installiert waren. Nach ca. 36 Stunden und 980 gefahrenen Kilometer bereits in der zweiten Nacht, war es dann soweit, die erste kurze Schlafpause von 40 min wurde eingelegt. Das Team hatte alles vorbereitet. Kleiderwechsel, kurz abwaschen, hinlegen. „Während ich meine 40 Minuten schlief hatte das Team alle Hände voll zu tun. So mussten die Räder einer Untersuchung unterzogen werden, Reifen aufgepumpt, Lampenakkus gefüllt bzw. erneuert werden. Nach dem Wecken wurde ich erfrischt wieder aufs Rad gesetzt“, erzählt Kochendörfer später.

Um den Sportler bei Laune zu halten, gab das Team über Lautsprecher Botschaften an Kochendörfer weiter, die über dessen Facebookseite aus der Heimat eingegangen waren. Weiter ging es Richtung Kötschach, Obertilliach. Nach 1.208 Kilometern und 51 Stunden im Sattel war man in Lienz angekommen. Nun ging es in die „richtigen Berge“. Das Wetter kippte auch, erste Gewitter zogen auf und nun war des Betreuer Team noch mehr gefordert. Bei starkem Gewitter mit Sturm und Regen musste der Billigheimer mit zusätzlicher Kleidung warmgehalten werden. Auch in Bein- und Armmuskulatur machten sich nun die Strapazen bemerkbar. Über den Iselsberg (1.201m) und Heiligenblut galt es den Großglockner zu bewältigen. Im Aufstieg dort hin wurde das Wetter immer schlechter. Die Temperaturen fielen auf 8°C Regen und vor allen Dingen starker Sturm machten den Aufstieg zur Tortur. „Oben angekommen am Hochtor auf 2.500 Meter war ich dermaßen durchnässt, dass mich das Team komplett mit warmer schützender Kleidung versorgen musste“, berichtete Kochendörfer. Nun ging es ein paar Höhenmeter bergab, bevor der Anstieg zum nächsten Pass auf dem Fuschertörl anstand. Dann wartete eine gefährliche Abfahrt auf die Fahrer, die bei Sturm und Regen mit der entsprechenden Konzentration gefahren werden musste.

Kaum unten angekommen ging es weiter Richtung Mittersill. Es ging bereits in die dritte Nacht und der nächste Pass auf den Gerloßpass (1.626m) folgte. Oben angekommen wurde die nächste kurze Schlafpause eingelegt. Dieses Mal gönnte sich Michael Kochendörfer aber nur 20 Minuten PowerNapping. Weiter ging es im Dauerregen durch Innsbruck weiter zum Kühtai, wo nach 22,3 Kilometer Anstieg auf 2.020 Höhenmetern, der Kühtaisattel überquert werden musste. Hier hatte Kochendörfer auf den letzten Kilometern zu kämpfen, war die Strecke in diesem Abschnitt doch sehr steil. Motiviert aus dem Begleitfahrzeug heraus und durch Sprints der Unterstützer neben her, wurde diese Herausforderung bewältigt. Nach 1.500 gefahrenen Kilometern war die Passhöhe erreicht.

Nach einer kurzen Stärkung und neuer Kleidung ging es mit gelockerten Beinen weiter in Richtung Bregenz auf der Silvretta-Hochalpenstraße. Im Anstieg zur Passhöhe setzte erneut starker Regen ein. Dieses Mal blieb zum Glück der gefürchtete Gegenwind aus. Die Passhöhe auf 2.041m wurde erreicht. Erneut zog der Ausdauersportler wärmere Kleidung an und es weiter ging es Richtung Faschinajoch auf 1.483m.


Nachdem es zu Beginn des Rennen sommerlich war war, setzten später Regen, Hagel und herbstliche Temperaturen ein. (Foto: privat)

„Nach der Passage des Hochtannbergs (1.418m) waren ich bereits in der vierten Nacht und nach den vielen Bergpässen war ich mit den Kräften am Ende. Zusätzlich zehrten Regen und Kälte an mir und meiner Moral. Die dritte und letzte Schlafpause sollte mich erfrischen, die Akkus wieder laden und für den »Endspurt« stärken.“ Nach 20 Minuten Schlaf ging es frisch versorgt weiter. Nun musste der Fernpass absolviert werden. Hier hatte Michael Kochendörfer nicht nur mit der Müdigkeit, sondern auch mit dichtem Autoverkehr zu kämpfen. Die vielen Fahrzeuge führten auch dazu, dass es mit der Abschirmung durch das Teamfahrzeug nicht immer klappte. Dennoch waren nach diesem Abschnitt 1.800 Kilometer geschafft. „Es war eine sehr schlimme Rennphase noch halber im Schlaf, Dunkel, Regen und dichter Autoverkehr. Mein Team musste alles geben um mich im Rennen zu halten und durch diese schwierige Situation zu begleiten“ resümierte Michael Kochendörfer nach dem Rennen.

Nun wurden Sitzprobleme, und Schmerzen in Händen und Armen immer stärker bemerkbar. Doch noch immer lagen 400 Kilometer vor dem Athleten. Nun waren die Begleiter noch mehr gefragt, um den Sportler zu motivieren und bei Laune zu halten. Da dieser Streckenabschnitt relativ monoton war, drohte erneut der Sekundenschlaf. Doch weitere aufmunternde Facebook-Kommentare und Freunde und Bekannte aus der Heimat, die nun immer häufiger am Streckenrand auftauchten, machten die Strapazen leichter und sorgten für Aufmunterung.

Mittlerweile war es Samstagmorgen. Dank der aus der Heimat angereiste Unterstützung schöpfte Kochendörfer neue Kräfte und machte sich nach 2.000 Kilometern daran, noch einmal zwei sehr steile Pässe zu bewältigen. „Meine Muskulatur und vor allen Dingen mein Knie schmerzten nun doch schon ziemlich heftig. Doch auch wegen meiner Betreuer und Unterstützer, die am Straßenrand alles haben, war aufgeben keine Option, vielmehr puschten mich die Rufe an der Strecke die Berge hoch, freute sich der Billigheimer über die Hilfe.

Nach der letzten Abfahrt, setzten wieder Regen und starker Gegenwin ein. Die letzten Kilometer wurden daher zur Qual. Mittlerweile war es Samstagabend. Um 20.58 erreichte der Billigheimer überglücklich St. Georgen und stieg nach 106 Stunden – und damit zwei Stunden schneller als im Vorjahr und das bei wesentlich schlechterer Bedingungen – vor Rennrad. Zuvor war er von jubelnden Menschenmassen, die an diesem Samstagabend den Marktplatz bevölkerten zur Ziellinie eskortiert worden. Dort gab es einen tollen Empfang mit der obligatorischer Sektdusche.

Nachdem alle Fahrer im Ziel waren, durfte sich Michael Kochendörfer über einen vierten Platz freuen – das Siegertreppchen hatte er nur um wenige Minuten verpasst. „Klar ist der Podestplatz immer was Besonderes, aber wir waren voll und ganz zufrieden. Wir hatten uns ja sowohl in der Fahrzeit als auch in der Platzierung verbessert“, steckte Kochendörfer die erste Enttäuschung als fairer Sportskamerad weg. Sieger wurde der Vorjahresdritte Markus Hager aus Oberammergau.

Trotz aller Strapazen vergaß Michael Kochendörfer nicht, seinem Team zu danken, das sich ganz für das gemeinsame Ziel aufgeopfert hatte. Alle Betreuer mussten auf jeglichen Komfort verzichten, konnten nur stundenweise im Auto schlafen, sich nur sporadisch waschen, wenig essen.

In einem Fazit hob Kochendörfer darüber hinaus hervor, dass ihm besonders die Gewitter und der Schlafentzug zu schaffen gemacht hätten. Nachts erkenne man die einfachen Dinge nicht mehr am Straßenrand oder habe mit dem Sekundenschlaf zu kämpfen. Um die Strapazen zu meistern war eine ausgeglichene Energiebilanz entscheidend. So mussten pro Tag ca. 10.000 Kalorien aufgenommen werden. Hierfür hatte Michael Kochendörfer eine spezielle Flüssignahrung dabei. Auch Bananen, Äpfel, selbst gemachten Energieriegel sorgten ebenfalls für Kohlenhydratzufuhr. Hier verließ sich der Billigheimer auf spezielle Mischungen der Mühle Geßmann.

Da der Extrem-Radsport als Randsportart keine großen Sponsorengelder akquiriert, galt ein Dank des Athleten vielen Unterstützern, die Material beigesteuert hatte. Das Team Storck Bicycle, der Heimatverein VfR Waldkatzenbach, Armins Radhaus in Aglasterhausen unterstützen das Projekt tatkräftig, das Autohaus Käsmann steuerte das Pace Car bei. Storck Bicycle stellte die Räder bereit, während Schwalbe die Reifen spendierten. Supernova machte mit Akkulampen die Nacht auf dem Rad zum Tag, und Sinner Optik half mit speziellen Kontaktlinsen aus. Die Team-Shirts wurden von der Firma CSP produziert.

Nach einer ausgiebigen Dusche und einigen Stunden Schlaf ging es nach einem gemeinsamen Abendessen in Österreich nach Hause nach Billigheim, wo der Extrembiker und sein Team begeistert empfangen und gefeiert wurde.

Infos im Internet:
www.mkochendoerfer.com

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