Alter am eigenen Leib erfahren

Im Simulationsanzug die Beschwernisse des Alters spüren – Pflege-Azubis in Mosbach staunten, was alte Menschen zu ertragen haben


 Was im ersten Moment skurril und lustig wirkt, zeigt sich schnell als hinderlich: Der Alterssimulationsanzug lässt körperliche Leistungsdefizite deutlich spüren. (Foto: pm

Mosbach. (pm) Hochsommerliche Temperaturen trugen ihren Anteil dazu bei, dass kürzlich im Bildungsinstitut für Gesundheits- und Krankenpflege an den Neckar-Odenwald-Kliniken in Mosbach ein kollektives Ächzen und Seufzen zu hören war.

Aber die Hitze war nicht die Ursache für das allgemeine Wehklagen. Und keine der angehenden Pflegerinnen übertrieb bei Aussagen, wie „Das ist ja schlimm!“ oder „So übel habe ich mir das nicht vorgestellt“. Dabei ging es auch nicht um die Ausgabe von Zeugnissen, sondern um eine sehr praxisnahe Übung.

Durch das Anziehen eines sogenannten Alterssimulationsabzuges sollten die jugendlichen Frauen im Rahmen eines Workshops am eigenen Körper spüren, welche Effekte der menschliche Alterungsprozess mit sich bringt. Zwar ist das Altern ein Prozess, der von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich verläuft, aber bestimmte Abbauprozesse und damit verbundene Leistungseinschränkungen verbinden sich mit dem Alter unweigerlich.

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Dazu zählen die Eintrübung der Augenlinse, eine Verengung des Gesichtsfeldes, Hochtonschwerhörigkeit, Einschränkung der Kopfbeweglichkeit, Gelenkversteifung, Kraftverlust sowie die Einschränkung des Koordinationsvermögens.

Der Alterssimulationsanzug „GERT“, der zu Ausbildungszwecken zunehmend eingesetzt wird, ist so ausgestattet, dass seine Träger die aufgeführten Einschränkungen deutlich wahrnehmen. Spezielle Kopfhörer, Sicht erschwerende Brillen, Tremor-Simulationshandschuhe, Gewichte und eingebaute Bewegungssperren lassen junge Trägern deutlich spüren, mit welch drastischen Veränderungen der alternde Mensch zurechtkommen muss.

Wie die Auszubildenden am Bildungsinstitut für Gesundheits- und Krankenpflege an den Neckar-Odenwald-Kliniken dieses Hineinschlüpfen in das Alter erlebt haben, und was ihnen dabei durch den Kopf ging, haben sie nach dem Experiment erzählt.

Alle Workshop-Teilnehmerinnen trugen den Simulationsanzug nur etwa zehn Minuten, was genügte, um feststellen zu können, dass „… Tremor das selbständige Handeln total einschränkt. Mit den Simulationshandschuhen war ich plötzlich nicht mehr in der Lage, ein Glas in die Hand zu nehmen, ein Besteck in der Hand zu halten, oder Tabletten aus einem Becher zu holen.“ Eine andere Kursteilnehmerin war „… total verunsichert, dass ich aufgrund meiner eingeschränkten Kopfbeweglichkeit beim Treppenlaufen meine eigenen Füße nicht mehr sehen konnte.“

Da zehn Minuten ja schnell vorüber sind, die Einschränkungen bei alten Menschen aber von morgens bis abends anhalten, wurden die Probandinnen gefragt, was sie empfänden, wenn sie solche Beschwernisse schon morgens spüren würden. Dazu kamen spontan Antworten wie diese: „Hilflosigkeit“, „nachlassender Lebenswille“, „Keine Lust mehr aufzustehen“ oder „Keine Lust mehr, mich zu bewegen“.

Mit dem „Handicap“ des Alters im Stadtverkehr

Wie fühlen sich bewegungs- und wahrnehmungseingeschränkte Menschen als Fußgänger beim Überqueren einer verkehrsreichen Straße? Wie erleben sie die Dauer der Grünphase einer Ampel am Fußgängerüberweg? – Sichere Antworten konnten die künftigen Pflegerinnen auf diese Fragen nicht geben, aber ihre Einschätzungen dazu waren nach dem Tragen des Simulationsanzugs klar: „Für Menschen, die bewegungseingeschränkt sind, muss das Grün an Fußgängerampeln ja fast Panik auslösen. Die fühlen sich bestimmt total gehetzt. Wenn sie dann noch einen Rollator brauchen, und die Straße hat Pflastersteine, dann wird die Überquerung zur Qual.“

Dazu fielen den Azubis noch andere Situationen im Stadtverkehr ein, die für alte Menschen problematisch sind: „Bei vielen Bussen und Zügen sind die Einstiegsstufen so hoch, dass man sich als alter Mensch mit oder ohne Koffer unweigerlich schwertut“.

Ü 70 und städtische Infrastruktur

Die kaum zehn Minuten dauernde Simulation von altersbedingter Eingeschränktheit und Gebrechlichkeit wirkte auf die Sensibilität und den Gedankenreichtum der jungen Frauen wie ein Impulsgeber. Plötzlich hatten die jungen Frauen ein Auge auf Dinge, die man sonst kaum
oder gar nicht beachtet.

So wurde zu Beispiel erwähnt, dass es „… in den Innenstädten zu wenig Bänke gibt, um Pause zu machen. In der Mosbacher Hauptstraße sind es drei Sitzgelegenheiten auf mehr als einen Kilometer.“
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Eine andere Kursteilnehmerin fasste die Schriftgrößen an Hinweistafeln von Bushaltestellen und Fahrkartenautomaten ins Auge. Ihr Fazit: „viel zu klein!“. Dazu kommt das Thema der „Selbstbedienung per Mausklick“ an allen möglichen Automaten. Hierzu wurde festgestellt: „Wer zu alt ist, um die Touchscreen-Technik zu beherrschen, hat Pech gehabt. Kurze und verständliche Erklärungen zur Bedienung sind meist nicht vorhanden.“

Alter als Lust oder Last?

Da man im Pflegeberuf sehr intensiv mit Fragen von Krankheit und Alter in Berührung kommt, war es nach dem Workshop „Alterssimulation“ auch interessant zu hören, mit welcher Perspektive die Auszubildenden auf das Alter als Lebensphase schauen: Genussvoll und zufrieden den Sonnenuntergang auf dem Kreuzschiff genießen? Oder mit Einsamkeit, Hilflosigkeit und Krankheit kämpfen? Lust oder Last, oder von beidem etwas?

Die Antworten waren vom Eindruck des Simulationserlebnisses geprägt und ließen eine realistische Sichtweise erkennen. Dabei hielten sich Optimismus und ein nüchterner Blick auf das alltägliche Leben die Waage. Eine junge Frau sagte: „Als Pflegekraft sehe ich jeden Tag, wie das Altern abläuft und was das Alter mit dem Menschen macht. Ich sehe, wie schlecht es alten Menschen oft geht.

Mein Lebensziel ist es nicht, 90 Jahre alt zu werden, dafür sehe ich zu viel Negatives!“ – Man hört aber auch „Ich stelle es mir schön vor, im Alter mehr Zeit zu haben.“ Beachtenswert war auch folgender Hinweis „Ich habe erlebt, dass viele Menschen Dinge aufschieben, bis sie alt sind. Dann sind sie enttäuscht, dass sie plötzlich keine Lebenszeit mehr haben, um diese Dinge zu tun.“

Fazit: Nachempfinden schärft die Sinne

Der Workshop, der unter Leitung von Klaus Dorda vom Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben, Beratungsteam Altenpflegeausbildung, stattfand, hat Wirkung gezeigt.

Alle Teilnehmerinnen staunten nicht nur über die unmittelbare Erfahrung einer Alterssimulation, die man am eigenen Körper spürt. Sie erlebten dieses Projekt auch als hilfreich für ihren künftigen Beruf und sie sehen die Welt nach diesem Experiment mit etwas anderen Augen. Hilfe für alte Menschen wollen sie nun nicht nur im direkten Umgang, sondern auch in mehr Achtsamkeit bei der Einrichtung von Lebensräumen.

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