„Man wurde einfach zum Giftpilz“

Holocaust – Überlebender Dr. Kurt Salomon Maier besucht nach 2009 zum zweiten Mal das Ganztagsgymnasium Osterburken

(pm) Zum zweiten Mal nach 2009 besuchte der heute 87-jährige deutsch-amerikanische Autor und Historiker Dr. Kurt Salomon Maier, ein Überlebender seiner 1940 zusammen mit seiner Familie erfolgten Deportation in das nationalsozialistische Internierungslagers Gurs in Südwest-Frankreich, die heutigen zehnten Klassen des GTO, um den Schülerinnen und Schülern aus erster Hand von den damaligen Ereignissen, zu berichten. Studiendirektor Joachim Bommer begrüßte Maier im Namen der Schulgemeinschaft.

Anhand zahlreicher geretteter privater Fotografien bringt Maier, der am 4. Mai 1930 im kleinen badischen Ort Kippenheim im Schwarzwald geboren wurde, in allen Schularten Schülerinnen und Schülern, die sich durch die große vergangene Zeitspanne von den damaligen Umständen kaum ein Bild machen können, die Folgen des Nationalsozialismus anhand seiner eigenen Lebensgeschichte näher.

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Die bis zur Nacht vom 09. auf den 10. November 1938 deutsche Kindheit als Sohn eines Gemischtwarenhändlers und einer Ladenbesitzerin in weitgehend gutem Miteinander wurde von Ereignissen ausgelöscht, die ihm noch heute so präsent sind, als wären sie erst gestern geschehen. Noch heute hört er die Steine, die durch die Scheiben flogen, hört das Gebrüll des durch die ständige Nazihetze fanatisierten Mobs auf der Straße und dem Zusehen von großen Teilen der Bevölkerung, die hinterher von nichts gewusst haben will.

Nach dieser Nacht im November 1938 aber begann das Leiden der Familie Maier erst richtig. Die NS-Gauleiter von Baden und der Pfalz beschlossen 1940, ihre Gaue „judenfrei“ zu machen. Keine zwei Stunden Zeit gab man nicht nur den Maiers, um zu packen. Lastwagen und Züge brachten insgesamt 6500 Menschen aus alleine 137 badischen Orten in das Pyrenäenlager Gurs, wo sie Stacheldraht, dünne Rübensuppe in Dosen, Diphtherie, Durchfall, Regen, Schlamm, Ratten und das Sterben erwarteten. Maiers Großvater überlebte nur wenige Tage. Nur das vor der Deportation beantragte US-Visum rettete – wie bei sonst nur sehr wenigen – Maiers Leben.

Kurt Maier wurde amerikanischer Staatsbürger und Soldat. Während seines Militärdienstes in der US-Armee kam er 1953 zum ersten Mal wieder nach Kippenheim und stand er vor seinem Elternhaus. Aber er betrat es nie wieder
Nach seinem Militärdienst studierte Maier in New York und in Berlin. Er promovierte 1969 mit einer Arbeit über die jüdische Geschichte und das jüdische Leben in Baden und unterrichtete danach Deutsch an mehreren Colleges, wurde Bibliothekar am Leo Baeck Institut in New York und arbeitete später in der Abteilung für deutsche Geschichte und Literatur der Kongressbibliothek in Washington. Er hielt zahlreiche Vorträge über die Shoa und unterstützte das Projekt „Mahnmal für die deportierten badischen Jüdinnen und Juden“. Für seine unermüdliche Arbeit erhielt Maier 2010 den Verdienstorden des Landes Baden-Württemberg.

Der zwangsweise in die USA emigrierte Kippenheimer zog abschließend Parallelen zu der Situation der Flüchtlinge heute. „Viele haben leider noch nichts verstanden!“, resümierte Maier, der trotz seines schlimmen Schicksals seinen Humor nicht verloren hat.

Joachim Bommer dankte Maier Kurt Maier für seinen authentischen und sehr persönlichen Vortrag, der bei den Schülerinnen und Schülern sicher seine Spuren hinterlassen hat.

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