Eberbacher Saurier lebte auf großem Fuß

30.07.10

Spektakulärer Urzeitfund präsentiert

Die Eberbacher Saurierspur. (Foto: M. Hahl)

Autor: M. Hahl

Eigentlich ist es nur ein unscheinbarer Sandsteinbrocken mit einigen merkwürdigen Eindrücken. Etliche Wanderer sind am Eberbacher Scheuerberg sicherlich schon achtlos an dem Stein vorbei gelaufen. Mit Michael Krauth kam der richtige Mann an den richtigen Ort: Der aus Eberbach stammende Künstler, der Skulpturen aus Naturmaterialien erschafft, hat den speziellen Blick für die Formen der Natur. Der Sandsteinbrocken fiel ihm sofort auf; gleichwohl rätselte er lange, welchen Fund er da in sein Atelier getragen hatte.

Mit dieser Frage kam er zu Hans Klinge vom Eberbacher Hotel-Restaurant Neckarblick, seinerseits seit Jahrzehnten als Sandsteinsammler aktiv, und auch eine Vortragsreihe mit Gastdozenten zur regionalen Geologie wurde schon organisiert. Klinge war es, der den Kontakt zum Mosbacher Geologen Dr. Marco Lichtenberger herstellte und schließlich Finder, Saurierkenner und den rätselhaften Sandsteinbrocken zusammenbrachte.

So kam es zu einer ersten fachlichen Untersuchung des Fährtensteins vom Scheuerberg. Denn dass es sich bei der etwa 28 cm langen Aushöhlung um eine Fährte, einen uralten Fußabdruck handelte, das war bald klar. Nun begann eine systematische Recherche, welches Tier denn hier sein Trittsiegel an den sandigen Ufern eines Buntsandstein-zeitichen Flusses hinterlassen haben könnte. – Am 23. Juli 2010 wurde im „Neckarblick“ das respektable Resultat präsentiert. Wir befragten Dr. Marco Lichtenberger zu einem ganz besonderen Urzeitzeugnis aus dem Odenwald.

Michael Hahl: Marco, am Eberbacher Scheuerberg wurde eine etwa 250 Millionen Jahre alte Fährte eines frühen Sauriers, eines Archosauriers, im Buntsandstein entdeckt. Als Paläontologe und Geologe, der 2007 bereits ein Buch über „Saurier aus dem Odenwald“ vorgelegt hat, hast du eine erste Klassifizierung des Fundes vorgenommen. Um welches Urzeittier handelt es sich bei dem Eberbacher Fund?

Dr. Marco Lichtenberger: Es handelt sich um den rechten Hinterfußabdruck eines für die Zeit der unteren Trias sehr großen Sauriers. Aufgrund der Längen der Zehen und Mittelfußknochen, sowie ihrer Anordnung und Größe ist es wahrscheinlich, dass der Erzeuger des Fußabdrucks der Gruppe der Erythrosuchier zuzuordnen ist. Die Erythrosuchier waren die größten Landwirbeltiere ihrer Zeit, sie bewegten sich vierbeinig fort und waren Fleischfresser. Knochenfunde dieser Saurierfamilie stammen aus Südafrika, Osteuropa und China, also aus Gebieten, die in der Triaszeit, als alle heutigen Kontinente noch in einem Superkontinent („Pangäa“, Anm. d. Red.) vereinigt waren, in den gemäßigten Breiten lagen. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass sie auch Lebensräume im heutigen Westeuropa bewohnten, auch wenn hier die Erhaltungsbedingungen für Knochen und auch die heutige Aufschlusssituation schlechter sind und daher keine Knochenfunde bekannt sind. Die nächsten Funde von riesigen Fußspuren, die man Erythrosuchiern zuordnen kann, stammen aus dem Buntsandstein Polens, also einem sehr ähnlichen geologischen Setting, und sind nur wenig jünger als der Fund aus Eberbach.

Michael Hahl: Wird der Erythrosuchier-Fund aus dem Neckartal vielleicht einmal als „Erythrosuchus eberbachensis“ in die wissenschaftliche Fachliteratur eingehen?

Dr. Marco Lichtenberger: Den Namen *Erythrosuchus eberbachensis* wird der Fund mit Sicherheit nicht bekommen, da formell der Gattungsname *Erythrosuchus* Knochenfunden vorbehalten ist und Spurenfossilien eigene Gattungsnamen wie z.B. *Chirotherium* erhalten. Es ist aber durchaus möglich, dass im Falle einer wissenschaftlichen Beschreibung des Fundes ein neuer Gattungs- und Artname definiert wird, eine Option ist hier auch die Mitverwendung eines Ortsnamens in der Form *eberbachensis* o.ä..

Michael Hahl: Welche Bedeutung hat die Fährte denn für die weltweite Geowissenschaft?

Dr. Marco Lichtenberger: Fossilfunde großer Reptilien, auch ihre Fußabdrücke sind aus der Zeit, der unserem unteren Buntsandstein entspricht, bestenfalls selten. Der Ursprung der Reptiliengruppe der so genannten Archosaurier und ihrer Verwandten liegt noch weitestgehend im Dunkeln. Diese Tiere bilden vereinfacht ausgedrückt den Ahnenkreis der späteren Dinosaurier, aber auch unserer heutigen Krokodile und Vögel. Ende Perm hatte eine weltweite Katastrophe fast gänzlich das Leben auf der Erde ausgelöscht und damit „tabula rasa“ für die Entwicklung neuer Lebensformen geschaffen. Das in Kombination mit den durch das extreme Klima eines Superkontinentes harten Umweltbedingungen, schuf ein für die Evolution äußerst interessantes Szenario, aus dem die Archosaurier als sehr anpassungsfähige, hoch entwickelte und diverse Gruppe hervorgingen, die über fast 190 Millionen Jahre wesentlich das Gesicht unseres Planeten bestimmte. Damit helfen uns Funde aus der unteren Trias, wie der Fußabdruck aus Eberbach, die Entwicklung des Lebens zu verstehen, unser Bild der Erdgeschichte zu vervollständigen und damit auch positiv auf unser eigenes Umweltverständnis einzuwirken. Auch regional wird der Blick auf unsere Gesteine wie den Buntsandstein geschärft, die vielfach als Ursprung unserer Böden, Speicher und Filter unseres Trinkwassers, sowie als Baugrund und Baumaterial unser Leben mitgestalten.

Michael Hahl: Mit deinem Saurier-Buch hast du ja bereits wichtige Vorarbeit geleistet und beispielsweise eine Zusammenfassung der versprengten Saurierfunde aus dem Odenwald vorgenommen. Welche Forschungen müssten nach deiner ersten Einschätzung nun durchgeführt werden, um den Eberbacher Erythrosuchier genauer einordnen zu können?

Dr. Marco Lichtenberger: Wichtig wäre hier vor allem eine detaillierte Untersuchung des Stückes selbst, z.B. der verschiedenen Muskeleindrücke, die man erkennen kann.

Nicht weniger bedeutend ist ein Vergleich des Fossils mit anderem Fossilmaterial weltweit, dazu gehören dann die bereits erwähnten Abdrücke aus Polen, sowie gegebenenfalls eine Recherche bezüglich möglicher Abdrücke von Erythrosuchiern aus Südafrika und Osteuropa. Auch die bisher gefundenen Skelette der Gruppe müssen miteinbezogen werden. Schlussendlich sollten die Ergebnisse all dieser Arbeiten international veröffentlicht und damit der Allgemeinheit zur Verfügung gestellt werden.

Michael Hahl: Wurde hierzu bereits irgendein Etat angekündigt oder werden Forschungsgelder zur Verfügung gestellt? Aus purem Idealismus kann man eine so aufwändige Forschungsarbeit ja sicher nicht betreiben.

Dr. Marco Lichtenberger: Bisher gab es weder für den Fund aus Eberbach, noch für andere Saurierspuren aus dem Odenwald einen Etat für echte wissenschaftliche Arbeit. Bisher wurden die durchgeführten Untersuchungen tatsächlich eher mit Idealismus umgesetzt als mit einer Finanzierung. Dabei sind in Bezug auf das Eberbacher Stück auch besonders Herr Hans Klinge vom Café Neckarblick in Eberbach, der Finder Michael Krauth und Prof. G.A. Wagner zu erwähnen. Ich selbst bestreite meinen Lebensunterhalt als selbständiger Gutachter und Berater hauptsächlich mit Baugrunduntersuchungen und der Planung von Erdwärmeanlagen. Zwar habe ich großes Interesse an möglichen Bearbeitungen, aber im Rahmen der selbständigen Tätigkeit ist die Investition von Dutzenden Arbeitsstunden aus „good will“ für mich finanziell nicht möglich. Ich sehe hier auch eine gewisse Verantwortung für staatliche Stellen wie Gemeinde, Kreis, Land und Universitäten für die Erforschung und Pflege ihres geologischen Erbes. Auch der UNESCO-Geo-Naturpark Bergstraße-Odenwald als überregional bedeutende geotouristische Einrichtung sollte per se ein großes Interesse an einer Bearbeitung von Odenwälder Funden haben.

Michael Hahl: Marco, wie kamst du überhaupt zu den Odenwälder Saurierspuren? Was interessiert dich daran?

Dr. Marco Lichtenberger: Ich bin selbst Odenwälder und habe mich seit frühester Kindheit für Saurier, Steine und Geologie interessiert, somit ist das Thema nahe liegend. Viele meiner eigenen Fossilfunde aus dem Odenwald stammen aus meiner Grundschulzeit. Ein großes Interesse an unserer Geologie und auch an den Odenwälder Saurierspuren als einem sehr öffentlichkeitswirksamen geologischen Teilbereich ist daher für mich eine Selbstverständlichkeit und nichts Besonderes. Der Untergrund auf dem man lebt und seine Geschichte sind meiner Ansicht nach wesentliche Bestandteile unserer Umwelt, die mehr oder weniger bewusst wahrgenommen werden und uns durch das ganze Leben begleiten. Auch wenn unser Buntsandstein gut 250 Millionen Jahre alt ist, bringt doch jeder Aufschluss, jede Bohrung etwas Neues zu Tage, manchmal auch etwas Spektakuläres wie den Eberbacher Fußabdruck. Geologie wird eben nie langweilig.

Michael Hahl: Danke, Marco, für das Gespräch und „Glück auf“!

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Bürgermeister Bernhard Martin und der Paläontologe Dr. Marco Lichtenberger enthüllen die Vitrine mit der Saurierspur vom Breitenstein. (Foto: M. Hahl)

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