Völkerkunde hinter Gittern

02.08.10

Cem Özdemir stellte in JVA Adelsheim sein Jugendbuch „Die Türkei“ vor

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Anstaltsleiter Goderbauers (re.) mit Cem Özdemir. (Foto: Brauch-Dylla)

Adelsheim. (bd) Als großer Kommunikator erwies sich Cem Özdemir, Bundesvorsitzender der Grünen, am vergangenen Freitag im Adelsheimer Jugendgefängnis. Schon vor fast zwei Jahren hatte er mit der Anstaltsleitung vereinbart bei Gelegenheit – in wahlkampffreier Zeit – den baden-württembergischen Jugendstrafgefangenen und den Mitarbeitern der JVA sein Jugendbuch „Die Türkei: Politik, Religion, Kultur“ vorzustellen. Nun nutzte er den Familienurlaub bei den Eltern in Bad Urach, wo er mit Frau und Kindern eine Woche verbrachte, um sein Versprechen wahr zu machen.

Bei der Begrüßung durch Anstaltsleiter Rainer Goderbauer hatte er eine Bücherspende seines Verlages an die Anstaltsschule im Gepäck und ohne große Vorrede bot er Schülern und Lehrern einen Beispiel, wie spannend und vergnüglich man Völker- und Gemeinschaftskundeunterricht gestalten kann. Besonders die türkisch stämmigen unter den ca. 60 Zuhörern beteiligten sich aktiv an der Beantwortung der Fragen, die der ausgebildete Erzieher und studierte Sozialpädagoge in die Vorstellung seines Buches einflocht.

Dieses war im Herbst 2008 im Jugendbuchverlag Beltz und Gelberg erschienen und hatte bundesweit Beachtung gefunden. Für Leser ab 14 Jahren setzt sich Cem Özdemir im Buch aus der Sicht eines politisch handelnden Menschen und eines Deutsch-Türken mit der Türkei auseinander. Entstanden ist ein durchaus persönliches Buch, das dazu beitragen will, dass deutsche und türkisch stämmige Jugendliche das Land und seine Menschen, aber auch einander besser verstehen.

Cem Özdemir, geboren in Bad Urach, ist einer von etwa 2,5 Millionen Menschen türkischer Herkunft, von denen viele in der zweiten oder dritten Generation in Deutschland leben. Doch viele Jugendliche kennen die Türkei kaum. Für Özdemir heißt, die Türkei zu verstehen, auch die Deutsch-Türken zu verstehen, daher stellt er kritische Fragen und spürt den bohrenden Fragen von türkischen und deutschen Jugendlichen nach. Er erzählt von dem Land, aus dem seine Eltern kommen, von einer multikulturellen und multireligiösen Gesellschaft, von historischen und politischen Ereignissen und ergänzt das Buch mit vielen persönlichen Geschichten. Er lädt dazu ein, die Türkei, und die Deutsch-Türken, mit den Augen der anderen zu betrachten. So gab er vergnügliche selbsterlebte Anekdoten, beispielsweise über den ganz unterschiedlichen Be- und Entkleidungskodex in der Sauna, zum Besten. Oder unterhielt mit den Riten zur Eheanbahnung und den Besonderheiten der Namensgebung Neugeborener, die von politischem Bekenntnis bis zur poetischen Liebeserklärung reichen kann.

Auf sein Lesebuch neugierig zu machen ist Özdemir in der JVA zweifelsfrei gelungen, denn viele der Zuhörer fragten nach Kauf- oder Ausleihmöglichkeiten seines Werks.

Aber auch sein Angebot außerhalb der Buchthematik zu diskutieren und Fragen und Kritik anzubringen wurde reichlich genutzt. So hatte er Fragen zur Funktion und Aufgabe von Parteivorsitzenden und parlamentarischer Demokratie zu beantworten sowie seine Haltung zum Strafvollzug oder zur Freigabe sogenannter „weicher Drogen“ zu erläutern. Mehrfach wurde er auch als „Kummerkasten“ für häufige Gefangenenbeschwerden wie zu wenige Freizeitmöglichkeiten oder die nicht allen Geschmäckern gerecht werdende Anstaltskost herangezogen. Özdemir empfahl in solchen Fällen seine Beschwerden an die dafür geschaffenen Gremien wie Anstaltsleitung, Strafvollzugsbeauftragte der Parteien etc. zu richten und für die eigenen Anliegen die demokratischen Mitwirkungsmöglichkeiten zu nutzen.

Einigkeit dann zwischen JVA-Verantwortlichen und Insassen und donnernder Applaus bei Anstaltsleiter Goderbauers Dank an den prominenten Gast. Für das Dankgeschenk, eine mit Gitterstruktur gestaltete Uhr aus den Metallwerkstätten, versprach Özdemir einen Ehrenplatz in seinem Büro.

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