Weniger Kinder – Mehr Pflegekinder

18.08.10

Jede Akte ein Schicksal. Trotz zurückgehender Kinderzahlen wächst auch im Neckar-Odenwald-Kreis die Zahl der Kinder, die ganz oder teilweise an Pflegeeltern vermittelt werden müssen. (Foto: LRA)

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Neckar-Odenwald-Kreis. „Ich kann mich noch gut daran erinnern, als wir einen Pool an Pflegeeltern hatten, auf die wir  zurückgreifen konnten.“ Elisabeth Gerhauser ist Sozialarbeiterin und seit 17 Jahren beim Pflegekinderdienst des Landratsamtes in Mosbach. Sie ist die Frau, die gemeinsam mit zwei Kollegen für Kinder, die aus unterschiedlichen Gründen teilweise oder auch ganz aus ihrer Herkunftsfamilie genommen werden müssen, Pflegeeltern sucht – genau in dieser Reihenfolge. Ein verantwortungsvoller Job, bei dem Fachwissen erforderlich, aber auch Erfahrung und viel „Bauchgefühl“ mitentscheidend ist. Denn Fehlentscheidungen bedeuten immer zusätzliche menschliche Enttäuschungen – bei den Kindern wie bei den Pflegeeltern.

„Einfach mal „Ausprobieren“ kann deshalb nie eine Lösung sein“, erklärt die Fachfrau, die zunehmend ein Problem damit hat, für die kontinuierlich ansteigende Zahl von unterzubringenden Kindern „passende“ Pflegeeltern zu finden. Derzeit sind rund 90 Kinder aus dem Kreis in Vollzeitpflege, sehen ihre leiblichen Eltern also nur zu festgelegten Besuchszeiten. Dazu kommen rund 15 Kinder, für die eine „erzieherische Tagespflege“ organisiert wurde. Das heißt, dass die Kinder nach Schule oder Kindergarten zu den Pflegeeltern gehen, dort essen, Hausaufgaben machen und spielen, bevor sie am Abend zur leiblichen Familie zurückkehren.

Diese Unterbringungen geschehen oft im Einvernehmen mit den Eltern, manchmal aber muss auch das Familiengericht die Pflege gerichtlich anordnen. Vorgeschaltet sind regelmäßig ambulante Hilfsangebote, wenn offensichtlich wird, dass eine Familie Schwierigkeiten hat. Wenn die nicht greifen, kommen Elisabeth Gerhauser und ihre Kollegen auf den Plan. Sie machen sich ein Bild von der Situation und beurteilen auch das Kind mit seinen Fähigkeiten und mit seinen Defiziten. „Die Kinder wollen trotz negativer Erfahrungen immer erst mal zuhause bleiben“, erklärt die Sozialarbeiterin. Ein schwieriger Start für Pflegeeltern, die keine „eigentliche Qualifikation“ mitbringen müssen. Einfach ist es trotzdem nicht. Einer Bewerbung beim Jugendamt folgen ein Erstgespräch und ein Hausbesuch „vom Amt“, außerdem ein Vorbereitungsseminar. „Während der Vorbereitung sollen die Bewerber Sicherheit gewinnen, ob sie sich der Aufgabe gewachsen fühlen und die Familie die Aufnahme einer „kleinen Persönlichkeit mit eigener Lebensgeschichte“ verkraften kann“, erklärt Elisabeth Gerhauser: „ Schwierig wird es immer dann, wenn ein Paar mit konkreten Vorstellungen kommt. Wenn das Pflegekind als Spielkamerad für das leibliche Einzelkind gedacht ist, wenn es ein Ersatz für eigene Kinder sein soll, wenn man darauf hofft, dass es eine gewisse „Leere“ im Tagesablauf füllt oder wenn ein zusätzlicher Verdienst in die Haushaltskasse kommen soll.“ Diese Pflegeverhältnisse scheitern oft, weil das Pflegekind den Erwartungen nicht entsprechen kann.

Stattdessen sollten Pflegeeltern nach der Erfahrung Elisabeth Gerhausers einfach offen sein für das, was kommt. Verständnis ist das Zauberwort, auch für die Herkunft des Kindes und für die leiblichen Eltern, die es vorbehaltlos zu akzeptieren gilt und mit denen zusammengearbeitet werden muss.  Keine einfache Aufgabe: denn oft sorgt und liebt die Pflegemutter vorbildlich, die unverrückbare Liebe des Kindes gilt aber der leiblichen Mutter. „Das muss man aushalten können.  Die richtige Mischung zwischen „Herz und Hirn“ ist hier gefragt. Denn bei aller Herzlichkeit ist eine gewisse Distanz immer hilfreich“, rät die Sozialarbeiterin, die dankbar ist für jede Bewerbung von Pflegeeltern. Auch wenn ihr bewusst ist, dass sie mit der Aufzählung der Anforderungen oft abschreckend wirkt. Aber sie weiß auch, dass sie sich und vor allem den Kindern keinen Gefallen tut, wenn sie vermittelt, dass „viel guter Willen“ ausreichend sein könnte.

„Wer daran interessiert ist und seine Motivation ernsthaft geprüft hat, der kann und soll sich gerne melden. Wir nehmen die Leute bei der Hand, informieren, leiten  an und wir geben Hilfestellung, wo immer das möglich ist. Und wenn sich das Kind in der Pflegefamilie gut entwickelt, die Sicherheit einer Familie erlebt und auch die leiblichen Eltern einen guten Platz in seinem Leben haben, dann sind wir zufrieden. Und die Pflegeeltern dürfen das dann auch sein“, so die Fachfrau.

Wer sich für die Aufnahme eines Pflegekindes interessiert, der kann sich völlig unverbindlich bei Elisabeth Gerhauser informieren unter 06261/842101, E-Mail elisabeth.gerhauser@neckar-odenwald-kreis.de.

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