„Honeymoon Massaker“ beim Kulturherbst

Zuschauerresonanz als Wermutstropfen

(Foto: Brauch-Dylla)

Limbach. (bd) „Aussterben ist ein ganz natürlicher Vorgang, haben die Dinosaurier auch gemacht. Und – vermisst sie jemand?“. Philipp Weber’s Held will sich nicht so recht fortpflanzen, nicht mal für Deutschland. Für Sarrazin, s Hokus-Pokus-Demografie hat er nur Spot übrig: „In 50 Jahren gibt’s nur noch 70 Millionen Deutsche, hat der Sarrazin berechnet. Ja und? Das letzte Mal, dass es nur 70 Millionen Deutsche gab war 1939! Und waren das vielleicht zu wenig?“ Weltweite Sympathie brächte uns der Bevölkerungsrückgang und Weber malt sich schon begeistert aus, „wie Greenpeace die letzten Bayern zurück in die Alpen trägt“.

Doch der Mitdreißiger Weber sieht sich umstellt: seine Mutter, die Rentenkasse, die Familienpolitiker und seine Freundin Ulla verlangen von ihm Nachwuchs. Der Reproduktionsterror kulminiert auf einer Hochzeit – in Mumpfenbach. „Des gibt’s wirklich, aber kein Grund zur Überheblichkeit – Limbach!“. Es ist bereits die 10 Hochzeit des Jahres, ein Tag des Horrors. Zum Essen nur Lifestyle-Gesundheitsgemüse, „wenn’s Essen nicht langt, dann schmeißt man grad den Brautstrauß in den Wok, des merkt keener“. Die spontan zur Nahrungsergänzung organisierte Schlachtplatte findet nicht durchweg Zustimmung, aber begeisterte Nachfrage. Dazu Unterhaltungsklassiker wie „Wadenraten“ etc. und haufenweise Jungverheiratete. Die Reise nach Jerusalem lässt ihn kalt, aber wenn er mal vorschlägt, die Braut in den Jemen zu entführen, dann macht keiner mit. Der bei den Jungfamilien herrschende Pluralis Majestatis bringt ihn auf die Palme: wenn er seinen Freund fragt, ob er mit ihm noch was trinken geht, dann antwortet sie:“Nein, wir gehen heute nicht mehr weg“. Statt „sich Samstags abends abzuschießen wie jeder normale Mensch“ sitzen sie im Neubau und spielen Siedler.

Jeder Gesprächspartner meint, dass es doch nun mal Zeit werde für Kinder. Wacker wehrt sich Weber gegen die Aufgabe seiner bequemen kinderlosen Existenz. Er habe doch schon mit seinen Haustieren kein gutes Händchen gehabt, soll er da Kinder dem Risiko aussetzen? Seine Ulla geht subtiler vor: immer öfter kämen sie beim spazieren gehen „zufällig“ an Spielplätzen und Kinderwägen vorbei. Und immer, wenn eine junge Mutter öffentlich stille, dann frage Ulla schwärmerisch „sieht das nicht schön aus?“. Weber entgegnet:“wie soll ich wissen, ob das schön aussieht, solange die das Kind davor hält?“. Nein – Weber sieht keinen Veränderungsbedarf, die neoliberale Spaßgesellschaft lieferte ein Jahrzehnt die Begleitmusik. „Wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht“ legitimierten die Egoisten ihre Selbstsucht – Webers alter ego spürt aber, dass ihm Jokes und Phrasen nicht mehr lange aus der Patsche helfen. Seine Freundin nennt es Bindungsangst und Unfähigkeit erwachsen zu werden. Am Ende lässt Ulla ihn stehen, sie will ihre Zeit nicht länger im Wartezimmer seines Lebens verbringen.

Vor dem Schlussapplaus steht kein Lacher, trotzdem erklatschte sich das Publikum begeistert die Zugabe. Da war dieses Merkmal, das den Kabarettisten vom bloßen Comedian unterscheidet – dass der Schenkelklopfer nicht das Maß der Dinge ist.

Der aus Amorbach stammende Weber, von VHS-Außenstellenleiter Klaus Brauch-Dylla augenzwinkernd als „Verwandschaft“ von Volksbank-Direktorin Edith Weber vorgestellt, stand den bisherigen Gästen der von der VoBa Limbach gesponserten VHS-Reihe „preisgekrönte Kleinkunst“ in nichts nach. Dass die Kartennachfrage für den aktuellen Träger des deutschen Kleinkunstpreises hinter den Erwartungen zurück blieb und von der Sporthalle ins Gemeindehaus „Maria Frieden“ verlegt wurde, blieb nur für den Veranstalter ein Wermutstropfen eines rundum vergnüglichen Abends.

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