Buchener Arzt hilft in Nigeria

Einsatz für „Ärzte ohne Grenzen“

Der erfahrene Unfallchirurg Dr. Wolfgang Roth leistete in Nigeria humanitäre Hilfe. (Foto: privat)

Buchen. Seit 31 Jahren arbeitet Dr. Wolfgang Roth als Arzt, 21 Jahre davon an den Neckar-Odenwald-Kliniken. „Schon immer“ wollte der erfahrene Unfallchirurg, der viele Jahre als Notarzt in einem Rettungshubschrauber Einsätze geflogen ist, in ein Notstandsgebiet, um dort humanitäre Hilfe zu leisten.  Diese Absicht hat er nun verwirklicht; vor kurzem kehrte er nach vier Wochen ehrenamtlichem Einsatz in einem Krankenhaus der weltweit anerkannten Hilfsorganisation „Ärzte ohne Grenzen“ in Port Harcourt in Nigeria zurück.

Auf dem Schreibtisch des 59ig-jährigen Arztes im Krankenhaus in Buchen liegt ein druckfrischer Fotoband. Darin festgehalten sind Eindrücke und in ihrer Krassheit manchmal kaum auszuhaltende Bilder von vier Wochen Dauereinsatz. In einer Millionenstadt, in der die meisten Menschen unter schlimmen Bedingungen in bitterer Armut leben, in der Gewalt und Kriminalität die Szene beherrschen und in der es eine geregelte medizinische Versorgung praktisch nicht gibt.. „Über „Ärzte ohne Grenzen“ bin ich in dieses nur über Spenden finanzierte Krankenhaus mit rund 70 Betten geschickt worden. Aufgrund meiner Qualifikation und meiner Erfahrung als Unfallchirurg ist entschieden worden, dass ich dort arbeiten soll, wo täglich –zig Akutfälle eingeliefert werden“, erklärt Dr. Roth, dessen Bewerbung zuvor genau geprüft worden war. Warum, war ihm schon nach dem ersten Tag im nach westlichen Verhältnissen äußerst einfach eingerichteten Operationssaal klar: „Die Arbeitsbedingungen, der physische und psychische Dauerstress bringt viele ganz schnell an ihre Grenzen.“ Länger als in der Regel vier Wochen dauern dann auch die Einsätze der Ärzte nicht, die aus der ganzen Welt hierher  kommen: „Mehr geht nicht, der Akku ist dann einfach leer.“

Tatsächlich standen Dr. Roth und ein bunt zusammen gewürfeltes Team von morgens bis  spät in der Nacht im OP – mit minimalen Pausen. Auf den OP-Tisch kamen Patienten nach schwersten Verkehrsunfällen oder nach Gewaltverletzungen mit Schuss-, Stich- oder Schlagwunden. Einige der Verletzungen hat Dr. Roth mit der Kamera dokumentiert. „Als Notarzt im Rettungshubschrauber habe ich viel gesehen, aber so komplexe und schlimme Verletzungen wie in Nigeria waren selbst da die Ausnahme.“ Krankenwagen gibt es nicht, die Verletzten werden im Privatwagen, per Taxi oder auf der Ladefläche eines Pick-Up oft über viele Stunden in die Klink transportiert – wo sie nicht selten tot ankamen. Ständig neue Notfälle warfen den OP-Plan regelmäßig über den Haufen, operiert wurde quasi im „Akkord“ und mit Stirnlampe auf dem Kopf, weil immer wieder der Strom ausfällt. Wenn irgend möglich, wurden die Patienten nur lokal betäubt, um das einzige Beatmungsgerät für die ganz schlimmen Fälle zur Verfügung zu haben. Dr. Roth spricht voller Hochachtung von den Patienten, von denen kaum einer älter als 40 war: „Fast nie habe ich jemanden schreien oder lamentieren hören. Trotz fürchterlichen Verletzungen bewahren diese Menschen eine stoische Ruhe, fast so, als wüssten sie, dass das einfach ihr Los ist. Ihre Dankbarkeit uns gegenüber werde ich mein Leben lang nicht vergessen. Das gilt auch für die Kinder.“ Deren Schicksal ging dem Unfallchirurg aus Deutschland und seinen Kollegen regelmäßig besonders ans Herz: „Warum gerade diese Kleinen, die noch gar nicht richtig gelebt haben, so übel dran sind und so viel aushalten müssen, kann man einfach nicht verstehen.“ Allein zwei Zweijährige hat Dr. Roth in diesen vier Wochen qualvoll sterben sehen.

Zu den äußerst schwierigen Verhältnissen im OP, zu allgegenwärtigem Lärm und Schmutz  und der Gefährdung durch Malaria, Hepatitis und HIV kam die Sicherheitslage außerhalb. Nur unter strengen Sicherheitsvorkehrungen und mit ständigem Funkkontakt konnte das medizinische Personal die Unterkünfte erreichen, wo unter einfachsten Bedingungen geschlafen und gegessen wurde. Fotografieren außerhalb war strengstens verboten. „Vom Land haben wir praktisch nichts gesehen, wir haben beinahe ausschließlich gearbeitet und geschlafen“, erklärt der Chirurg. Dennoch habe im Team ein fantastischer Zusammenhalt existiert: „Solche schwierigen Umstände schweißen einfach zusammen.“

Nach seiner Rückkehr nach Deutschland habe er „ein, zwei Tage gebraucht“, um sich wieder auf die völlig anderen Verhältnisse und die Patienten einzustellen: „Man wird demütig, wenn man sieht, wie gut es uns hier tatsächlich geht. Anderen fehlt diese Erfahrung, und das macht den Umgang manchmal ein bisschen schwierig.“

Rückblickend ist Dr. Roth insbesondere seinem Arbeitgeber und seinen Kollegen in den Neckar-Odenwald-Kliniken sehr dankbar: „Dieser für mich sehr wertvolle Aufenthalt in Port Harcourt war nur möglich, weil ich freigestellt wurde und die Kollegen mir den Rücken frei hielten.“ Die Erfahrungen aus Nigeria, so schwierig und belastend sie teilweise auch waren, möchte er nicht missen. Und eines weiß er ganz genau: Er war nicht das letzte Mal für „Ärzte ohne Grenzen“ unterwegs. „Ich möchte künftig in regelmäßigen Abständen helfen, auch und besonders dann, wenn ich in Rente bin“, erklärt der Chirurg. Und dabei leuchten seine Augen.

[singlepic id=308 w=468 h=289 mode=watermark float=left] Die Mediziner versorgen einen Verletzten. (Foto: privat)

Hintergrund:

„Ärzte ohne Grenzen“ ist der Name der deutschsprachigen Sektionen der 1971 gegründeten internationalen Organisation „Médecins Sans Frontières » (MSF). Die private, unabhängige Hilfsorganisation leistet medizinische Nothilfe in Krisen- und Kriegsgebieten. Zu mehr als 80 Prozent finanziert sich „Ärzte ohne Grenzen“ aus Privatspenden; staatliche Gelder und Zuwendungen aus der Wirtschaft erbringen die restlichen 20 Prozent. Die humanitäre Arbeit von MSF für die Opfer von Not und Gewalt wurde 1999 durch die Verleihung des Friedensnobelpreises besonders geehrt.

Spendenkonto:
„Ärzte ohne Grenzen“
Kto. 97 0 97
Bank für Sozialwirtschaft
BLZ 370 205 00

Infos im Internet:
www.aerzte-ohne-grenzen.de

Unsere News jetzt auch einmal täglich per Mail

© www.NOKZEIT.de


Artikel empfehlen: