Karnele – Schwätzer und Provinztrottel

In Zusammenarbeit mit der in Steinbach lebende Autorin Nele Tabler erscheint die Kolumne “Karnele” in unserem Magazin. Darin widmet sich die Autorin, die durch ihren Karnele – “Blog über Lesben und lesbisches Leben, Feminismus und Alltagswahnsinn” bundesweit bekannt geworden ist, künftig dem “normalen Alltagswahnsinn” im Odenwald und darüber hinaus. Passend zum Wahnsinn, wird es keine Regelmäßigkeit und thematisch keine Vorgaben bzw. geben.

Heute reagiert Nele Tabler auf einen Artikel des Berliner Tagesspiegels:

Der Wowi ist in Mosbach gewesen. Als ich von seinem bevorstehenden Wahlkampfauftritt für die SPD hörte, fragte ich mich: »Was will der denn hier?«

»Ich geh jetzt zum Wowi, Sekt aus dem Schuh trinken«, schrieb mir vor einiger Zeit mal eine junge Frau nach einer Preisverleihung. Diese Nachricht passte so ganz zu dem Bild, das ich von dem Berliner Regierenden Bürgermeister habe. Aber Wahlkampf ausgerechnet in Badisch-Sibirien?

Ein Artikel im Berliner Tagesspiegel brachte Licht in die Angelegenheit. Wowi hat im Neckar-Odenwald-Kreis familiäre Bande und scheint nicht zum ersten Mal hier gewesen zu sein. Weshalb er allerdings dieses Mal journalistischen Begleitschutz von einer Hauptstadtzeitung brauchte, verstehe ich nicht so ganz.
Möglicherweise hängt das mit den Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus im September zusammen. Gleich mal dem Volk zeigen: »Ich kann nicht nur Sekt aus dem Schuh trinken, sondern auch in der Provinz Säle füllen.«
Eigentlich habe ich ja großen Respekt vor dem Mann. Sein Outing auf dem SPD-Sonderparteitag im Jahr 2001 bedeutete für die Lesben- und Schwulenbewegung in Deutschland einen Meilenstein in der gesellschaftlichen Akzeptanz. Für diesen Mut werde ich ihm immer dankbar sein. Was er in Berlin politisch so treibt, weiß ich nicht genau, das würde mich nur interessieren, wenn ich dort auch leben würde.

Nun also: Wowi in Mosbach und die Journalistin vom Tagesspiegel ihm auf den Fersen. Im leicht amüsierten Ton berichtet sie vom konservativen Mosbach. »Wowereit? Noch nie gehört«, sollen sowohl die Dame von einer Pommesbude und eine Bäckereiverkäuferin gesagt haben. Es ist die Rede von einer »beschaulichen Atmosphäre in den gepflasterten Gassen« und den Menschen, »die es nicht eilig zu haben scheinen.«

Die Passanten, die sie auf Wowereit anspricht, reagieren angeblich mit »unüberhörbar bissigem Unterton«. Zwei Männer sollen schwulenfeindliche Witze gemacht haben. Außerdem: »Und eine gut gekleidete 42-Jährige sagt: »Wenn Sie es hören wollen, wir finden es nicht richtig, wie er lebt.” Beim Thema Homosexualität müsse jemand in ihrem Alter einfach schlucken.«

Spätestens hier reagierte ich doch etwas pikiert. Konservative Schwätzer, homophobe Provinztrottel, politisch desinteressierte Verkäuferinnen und Frauen die sich mit Anfang Vierzig so anhören, als stammten sie aus der Generation meiner Großmutter … das sind wir also hier im Neckar-Odenwald-Kreis, wenigstens laut Meinung des Berliner Tagesspiegels.

Weitere Artikel von Nele Tabler finden Sie auf:
www.karnele.de

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