„Tschernobyl Baby“ – brennend aktuell

Merle Hilbk las aus ihrem Buch „Tschernobyl Baby“ – Nie wieder will die Autorin die Folgen von Reaktorkatastrophen sehen und muss es doch mitansehen. (Foto: Ursula Brinkmann)

Mosbach. (ubr) Am 26. April 1986 geschah in Tschernobyl, was sich ins Menschheitsgedächtnis als eine der größten Katastrophe förmlich eingebrannt hat. Dass 25 Jahre später die dramatischen Ereignisse in Japan immer mehr auf einen Super-GAU zuzusteuern scheinen, ist mehr als eine bittere Wiederholung der Geschichte. Für Merle Hilbk war dieser Ort – Tschernobyl – „immer eine Kulisse aus einer anderen Welt gewesen“. Bis sie selbst dort war. Fünf Mal ist sie nach Belarus (Weißrussland) und in die Ukraine gereist (damals Teilrepubliken der Sowjetunion), die beiden Staaten, auf deren Territorien die Sperrzone liegt, die um das Reaktorgelände gezogen wurde.

Was sie erlebt hat in den verstrahlten Gebieten, in den Gesprächen mit Menschen, hat die Journalistin in dem Buch „Tschernobyl Baby: Wie wir lernten, das Atom zu lieben“ niedergeschrieben. Zur Lesung war sie auch in die Gegend gekommen, die am Ende des 276-Werkes vorkommt: nach Obrigheim, in den Neckar-Odenwald-Kreis. In Mosbach las sie auf Einladung von Simone Heitz, die für Bündnis 90/Die Grünen in den Stuttgarter Landtag will, im Café Rino. Zuvor war – das brachte die schreckliche Parallelität der Reaktorkatastrophen mit sich – von einem Fernsehteam der Deutschen Welle vor dem Hintergrund des Kernkraftwerks Obrigheim (KWO) ein Dreh gemacht worden.

Dieser Artikel ist mir was wert: [flattr btn=“compact“ tle=“„Tschernobyl Baby“ – brennend aktuell“ url=“//www.nokzeit.de“] Befragt man Merle Hilbk – und man tut es zaghaft, weil man bereits während der Lesung merkt-, dass die Erinnerung an das Tschernobyl-Unglück und vor allem seine Folgen die Autorin so aufwühlen, dass ihr die Tränen in die Augen steigen und die Stimme wegzubrechen droht – befragt man sie also nach Japan, dann schickt sie einen ungläubigen Blick durch den Raum und sagt stockend: „Irreal kommt mir das vor.“ Mit einem Das-kann-nicht-sein stemmt sich ihr Inneres gegen die Wahrnehmung des erneuten GAUs. Sie habe gedacht, dass eine Mahnung reiche. Zweieinhalb Jahre lang habe sie für „Tschernobyl-Baby“ recherchiert, danach sei sie in ein Loch gestürzt. „Nein, ich würde nie wieder an einen solchen Ort reisen.“

Doch in der Tschernobyl-Region ist sie gewesen, hat sich ausgesetzt, der immer noch vorhandenen Strahlung, mehr aber noch den Erzählungen, den Leid, der Hoffnungslosigkeit der Menschen, die hierher zurückgekehrt sind oder neu angesiedelt wurden. Das macht ihren Reportage-Band so erschütternd. Was sie berichtet, tut sie mit Ergriffenheit und Empathie ebenso wie mit dem nüchternen und genauen Blick der Berichterstatterin, in einer lebendigen Sprache, die sich mitunter nur noch ins Sarkastische zu retten weiß. Der Untertitel – eine Anspielung auf Stanley Kubricks satirischen Film über nukleare Abschreckung („Dr. Seltsam oder wie ich lernte die Bombe zu lieben“) – deutet das bereits an.

Die studierte Juristin, die in Südbaden volontiert und später beim „Spiegel“ und der „ZEIT“ gearbeitet hat, war jedoch auch dort unterwegs, wo das Reaktorunglück Spuren hinterlassen hat. Nordbaden gehört dazu: Hilbk schildert die Aktivitäten der baden-württembergischen Grünen, die nach dem GAU eine Tschernobyl-Beratungsstelle gründeten. Auch die RNZ findet Erwähnung. Das Kernkraftwerk Obrigheim und seine Lage („in einem engen, eher unromantischen Abschnitt des Neckartals“) hat die Autorin inspiziert und Kontakt zu Christine Denz aufgenommen, der damaligen Vorsitzenden der Bürgerinitiative Obrigheim, die „das utopische Ziel verfolgte: Das Kraftwerk abzuschalten, so schnell wie möglich“ (Hilbk).

„War es das wirklich wert, sich all die Jahre so aufzureiben?“ endet das NOK-Kapitel mit einer grüblerischen Frage Christine Denz’ an sich selbst. Im Café gibt sie eine spontane, klare Antwort und die lautet: „Ja!“

Im Mosbacher Café Rino bekam die Lesung aus dem Reportage-Buch von Merle Hilbk zusätzliche Dramatik durch die Ereignisse in Japan. Noch wenn sie liest, was sie bei ihren Recherche zum Tschernobyl-Unglück erlebt hat, stockt der Journalistin die Stimme.

Info: „Tschernobyl Baby“ ist im Eichborn-Verlag erschienen und kostet 17,95 Euro. Merle Hilbk bitte um finanzielle Hilfe für die Tschernobylopfer-Selbsthilfegruppe „Selmyaka“ in Kiew. Das Spendenkonto läuft über die Arbeiterwohlfahrt Heidelberg. Wer die Opfer unterstützen möchte, kann auf das Konto 40 41 00 07 bei der Volksbank Kurpfalz (BLZ 672 901 00) spenden (Stichwort „Selmyaka“, es gibt eine Spendenbescheinigung).

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