100 Jahre – Mudbachgruppe

(Foto: privat)

von Thomas Müller

Mudau. Wasser als Quelle des Lebens und neben Feuer, Erde, und Luft, eines der vier Elemente „allen Seins“, war seit je her die Voraussetzung für die Ansiedelung von Menschen. Wo es ausreichend sauberes Trinkwasser gab, wurden die Menschen auch gerne sesshaft.

Aber gerade der Höhenrücken des Odenwaldes, entlang der Wasserscheide zwischen Main und Neckar, besitzt fast keine Quellen welche auch während längeren Trockenperioden ausreichend Trinkwasser spenden. So verwundert es auch nicht, dass sich die Besiedlung im hinteren Odenwald hauptsächlich um die wenigen Quellen abspielte. Auf diese Weise entstanden viele kleine Besiedelungsparzellen (Huben), mit jeweils nur wenigen Hütten, bzw. Häusern.

Durch Bevölkerungswachstum und Erlässe der Landesherrschaft entstanden aus diesen einzelnen Huben, schließlich die bekannten Waldhufendörfer, schon alleine aus dem Hintergrund, in den organisierten Dörfern die Abgaben und Steuern besser eintreiben zu können. Die kleinen Parzellen wuchsen also allmählich zusammen und die Lücken zwischen den Huben schlossen sich. Das lebensnotwendige Wasser der Brunnen musste nun jedoch unter den vermehrt vorhandenen Haushalten geteilt, aber auch über weitere Strecken geschleppt werden.

Führten die Quellen einmal weniger Wasser, dann herrschte Wasserknappheit und häufig entbrannte ein Kampf um das kostbare Nass. In Aufzeichnungen unserer Vorfahren ist folgendes zu lesen: „In trockener Jahreszeit schöpfen die zuerst kommenden Personen den Brunnen aus und die nachkommenden müssen warten, bis wieder genügend Wasser zugelaufen ist. Zur Bekämpfung von Feuergefahr fehlt ganz und gar das erforderliche Wasser. Im Frühjahr, nach der Schneeschmelze, wird das Wasser sogar trüb und ist dann zu Trink- und Kochzwecken unbrauchbar“.

Unter der Kontrolle der Landesherrschaft und deren Schultheisen entwickelten sich die Dörfer natürlich weiter. Es wurde vermehrt Handel zwischen den Dörfern betrieben, die Industrie und das Schulwesen entwickelten sich allmählich, Allgemeinwissen und  Erfahrungen wurden untereinander ausgetauscht. Die Entwicklung der Dörfer ging dem allgemeinen Wandel der Zeit einher und man wurde fortschrittlicher.

Im hinteren Odenwald erkannten die Bürgermeister der Gemeinden Donebach, Mörschenhardt und Schloßau allmählich, die immer größer werdende Wasserproblematik ihrer Dörfer. Im Januar 1886 führten sie erstmals Verhandlungen über eine gemeinsame Wasserversorgungsanlage, um den „allgemein fühlbaren Missstand“ zu beseitigen.

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Nachbardörfer, wie Mudau, Rumpfen oder Steinbach, hatten bereits jeweils eigenständige Lösungen in Angriff genommen und Verbesserungen der Wasserversorgung nach jeweiligem, Stand der Technik verwirklicht. Trotz der erheblichen Kosten, waren Donebach, Mörschenhardt und Schloßau fest entschlossen, eine gemeinsame Lösung im Verbund anzustreben, denn man erwartete hierin eine wirtschaftliche und vor allem eine zufriedenstellende Gesamtlösung. So wurden zunächst im umliegenden Gebiet mehrere Quellen und deren Wasserschüttungen über längere Zeit beobachtet und gemessen, wobei das Wasser, des im Ünglertsgrund gelegenen Hirtenbrunnen, von guter Qualität war und seine Quellschüttung ganzjährig ausreichte. Danach gingen viele Jahre ins Land bis das Vorhaben allmählich Form annahm und das Grundstück der favorisierten Hirtenquelle im Jahr 1908, zu einem Betrag von 2000 Mark von Franz Weimer aus Ünglert erworben wurde. Die Gemeinden erhielten für das Projekt einen Staatszuschuss der an die Bedingung geknüpft wurde, einen Anschluss anderer Gemeinden zu gestatten, da die Hirtenquelle eine ausreichende Wasserschüttung hatte.

> Ein Problem war die Lage der Hirtenquelle, denn die Förderung des Wassers erforderte eine künstliche Wasserhebung, was ein zusätzliches Problem mit höheren Kosten darstellte. Zudem musste das unwirtliche Gelände zur Quelle und zur eigens errichteten Pumpstation ausgegraben werden. Im Mai 1909 legte schließlich die Großherzogliche Kulturinspektion Mosbach, den Entwurf einer Wasserversorgungsanlage für Donebach, Mörschenhardt und Schloßau vor. Bereits im September des gleichen Jahres erfolgte durch einen Nachtrag die Aufnahme der Dörfer Auerbach, Oberscheidental und Reisenbach in den Verbund. Am 26. Januar 1910 wurde das Vorhaben durch die Großherzogliche Oberdirektion des Wasser- und Straßenbaues in Karlsruhe genehmigt. Die eigentliche Verbandsgründung durch die Gemeinden Donebach, Mörschenhardt und Schloßau fand am 31. Mai 1911, also vor gut 100 Jahren, statt. Es folgten die Vergabe und der Baubeginn der einzelnen Gewerke. 328 500,- Mark waren insgesamt veranschlagt worden. Bei den Bauarbeiten für das Rohrleitungsnetz wurden Rohrleitungsbauer aus Italien eingesetzt, d.h. in unserer Region gab es bereits zur damaligen Jahrhundertwende Gastarbeiter. Das Projekt selbst war ein sehr ehrgeiziges Vorhaben, denn es galt 12,4 km Förderleitungen in verschiedenen Durchmessern zu verlegen. Der höchstgelegene und gleichzeitig entlegenste Punkt  war Reisenbach. Das Wasser musste hierzu 235 Höhenmeter überwinden (10 Meter Wassersäule entsprechen einem Druckanstieg von einem bar). Aufgrund dieser enormen Förderhöhe mussten die Förderleitungen teilweise sogar mit verstärkter Wanddicke ausgeführt werden. Zur Wasserförderung wurden im Pumphaus der Hirtenquelle drei Hochdruckkolbenpumpen eingesetzt, die über zwei mächtige Pelton-Turbinen angetrieben wurden. Zum Antrieb dieser Turbinen wurde das vorbeifließende Wasser aus dem Mudbach genutzt. Ein Elektromotor als Ersatzaggregat für die beiden Turbinen, hielt erst viele Jahre später, mit der zunehmenden Elektrifizierung, Einzug. Solange war das Pumphaus im Ünglert ohne Stromversorgung und die Förderung des Wassers erfolgte nur auf mechanischem Wege. StayFriends - Die Freundesuchmaschine Als zu späterer Zeit Steinbach und Rumpfen mit ihren jeweils eigenständigen Wasserversorgungen vermehrt Probleme hatten, überlegten auch diese Dörfer eine Anbindung an das Wassernetz der wirtschaftlich arbeitenden Mudbachguppe. Die Verhandlungen scheiterten jedoch jeweils in frühen Stadien. Die Anlage im Ünglertsgrund arbeitete über viele Jahrzehnte nahezu störungsfrei, wenn auch mit wechselnder Wasserqualität. Die  Mudbachgruppe blieb eigenständig, bis zu ihrer Ablösung durch ein großflächiges Gesamtkonzept im Jahr 1982. Auch hier wurde nach einer optimalen Lösung für alle Ortsteile der neuen Gesamtgemeinde Mudau, seit der Gemeindereform aus dem Jahr 1975 gesucht. Schon Anfang der 1970-er Jahre gab es in nahezu allen, damals noch eigenständigen Dörfern, Überlegungen zur Überarbeitung der jeweils vorhandenen Wasserversorgungsanlagen mit verschiedenen Konzepten.

Diese wurden allerdings in keinem Ortsteil in die Tat umgesetzt, da sich bereits eine Eingemeindung zur Gesamtgemeinde Mudau abzeichnete. Man wartete einfach ab und ver(sch)wendete die dorfeigenen Gelder noch anderweitig, um das Problem dann der neuen Gemeindeverwaltung zu überlassen. Letztendlich endeten sämtliche Insellösungen der Dörfer schließlich ab dem Jahr 1982 mit der erwähnten, neuen Wasserversorgung aus drei Tiefbrunnen, nahe dem Kernort Mudau. Dies bedeutete nach 70 Jahren Dauerbetrieb auch das Ende der alten Mudbachgruppe. Wie bei den Arbeiten zur der neuen Wasserversorgung von den Planern und ausführenden Firmen immer wieder  angesprochen wurde, war die Anlage der „alten“ Mudbachgruppe aus den Jahren 1911 bis 1913 wahrhaftig eine „ingenieurstechnische Meisterleistung“.

In Erinnerung an die 100-jährige Verbandsgründung der Mudbachgruppe, renovierte der Verein örtliche Geschichte Schloßau/Waldauerbach, das ehemalige Schloßauer  Wasserreservoir, das in seiner eigentümlichen Bauweise gerne als Überrest aus römischer Vergangenheit verwechselt wird. Es liegt übrigens genau auf der Wasserscheide Main/Neckar wobei das Regenwasser zur rechten Seite in den Main und zur linken Seite in den Neckar fließt. Es war in seiner 100-jährigen Geschichte bei jeder Generation ein gerne aufgesuchter Abenteuerspielplatz.

Quellen: Gemeindeverwaltung Mudau, Heimatforscher Ernst Hauk


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