Geschichte aus erster Hand

Wolfgang Welsch und Moderatorin Priska Jones von der Deutschen Gesellschaft e.V. während seines zweistündigen Vortrags über seine Erfahrungen mit dem Unrechtssystem der DDR. (Foto: privat)

Eberbach. (pm) Im Rahmen der 2007 begonnenen Vortragsreihe der Fachschaft Geschichte zur Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit kam kurz vor Weihnachten der Publizist und ehemalige Fluchthelfer Wolfgang Welsch an das Hohenstaufen-Gymnasium in Eberbach. Von der Deutschen Gesellschaft e.V., die in Berlin ihren Sitz hat und von der Friede Springer-Stiftung finanziell unterstützt wird, wurde das HSG in ihr deutschlandweites Programm, das 50 Schulen umfasste, aufgenommen. Damit sollte das Engagement der hiesigen Schule im Blick auf die Geschichtsaufarbeitung der eigenen Vergangenheit gewürdigt werden.

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Von Schulleiter Oberstudiendirektor Helmut Schultz aufs Herzlichste begrüßt, erzählte Wolfgang Welsch in der vollbesetzten Aula von seinen Erfahrungen mit dem DDR-Unrechtssystem. Seine Unangepasstheit führte ihn schon als Schüler in die Konfrontation mit der Staatsmacht. Fast zwangsläufig kam er in eine langjährige Haft, mit Folterungen der verschiedensten Art und einer Scheinhinrichtung. In beeindruckenden Worten schilderte er den gespannt lauschenden Zuhörern seine Erlebnisse und ging immer wieder auf die zahlreichen Fragen seines Auditoriums ein.


Die verschärften Haftbedingungen konnten aber seinen Widerstandswillen nicht brechen. In zahllosen Kassibern, die er seiner Mutter übergab, gelang es ihm auf sein Schicksal aufmerksam zu machen, was 1971 letztendlich zu seinem Freikauf durch die westdeutsche Regierung Brandt führte. Im Westen angekommen baute er neben seinem Studium eine Fluchthelferorganisation auf, die weit über 200 Menschen zur Freiheit verhalf.

Ein besonders spektakulärer Fall war die Flucht eines 12-jährigen Mädchens, die Welsch mit Hilfe eines Kuriers und eines umgebauten Autos am hellichsten tag aus Leipzig verschwinden ließ. Diese und ähnliche Aktionen führten zu heftigsten Wutausbrüchen des Stasichefs Erich Mielke, der Welsch zum Staatsfeind Nr. 1 erkor und 1979 schließlich den Befehl zu seiner Liquidierung gab. Wolfgang Welsch überlebte danach drei Mordversuche.

Auch nach dem Untergang der SED-Diktatur im Jahre 1990 setzt Wolfgang Welsch seinen Kampf gegen das untergegangene Regime fort. Die jüngste deutsche Geschichte sei bis jetzt nur mangelhaft aufgearbeitet, vielen Opfer ist bis heute noch keine Genugtuung getan, stattdessen stilisierten sich zahlreiche Täter selbst zu Opfern und werden nicht energisch genug von der deutschen Justiz zur Rechenschaft gezogen.


Die Schülerinnen und Schüler waren besonders vom Mut und dem unbeugsamen Willen, etwas verändern zu wollen, des Zeitzeugen beeindruckt. Ein Zeitzeuge wie Herr Welsch sei eine hervorragende Ergänzung des Geschichtsunterrichts und würde gerade die jüngste Vergangenheit viel lebendiger werden lassen. In seinen Schlussworten bedankte sich Oberstudienrat Bernhard Schell, der Initiator des Vortrags, bei Priska Jones, die für die Deutsche Gesellschaft den Vortrag moderierte, und Herrn Welsch und versprach auch weiterhin diese Reihe zur Aufarbeitung der jüngsten Deutschen Geschichte fortzusetzen, was einen langandauernden Applaus zur Folge hatte.

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