Hugenotten- und Waldenserpfad im Odenwald

Michael Hahl

Das Waldenserwappen. (Grafik: Wikipedia)

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Odenwald. Wandern auf den Spuren der Glaubensflüchtlinge – das geht nun auch im südlichen Odenwald. Im Spätjahr 2011 wurde ein zwischen Schönau und Sinsheim verlaufender Teilabschnitt des „Hugenotten- und Waldenserpfades“ eröffnet. Damit durchquert dieser europäische Kulturfernwanderweg jetzt die historische Kurpfalz, ehe er über Hirschhorn auf südhessischem Boden weiter bis Michelstadt und Oberramstadt nach Norden führt. Für den Hugenotten- und Waldenserpfad werden in Deutschland, in der Schweiz, in Frankreich und in Italien ausgewählte Teilstrecken markiert, um sie nach und nach zu einem Gesamtweg zusammen zu bringen.

Die Migration der hugenottischen und waldensischen Glaubensflüchtlinge vor rund 300 Jahren wurde zu einem nicht unwesentlichen Bestandteil der südwestdeutschen Kulturgeschichte und führte nicht zuletzt im Odenwald und im Kraichgau zu einem transkulturellen Austausch innovativer Ideen und Techniken. Integration ist auch aus regionalgeschichtlicher Perspektive eine gesellschaftliche Herausforderung. Am Beispiel der Hugenotten und Waldenser zeigt sich im Rückblick, wie die Früchte dieser Aufgabe unser Kulturerbe bereicherten. Dieses Bewusstsein gilt es zu bewahren. Und da es um „Wanderbewegungen“ geht und damit sozusagen um linear angeordnete Geschichtszeugnisse, liegt es natürlich nahe, die Fluchtwege selbst, also die historischen Migrationsrouten der Glaubensflüchtlinge zu thematisieren, begehbar und erlebbar zu machen. Dies ist Sinn und Zweck des länderübergreifenden Hugenotten- und Waldenserpfades.

Doch was hat es mit den Hugenotten und Waldensern auf sich und wie kam es, dass die Glaubensmigranten auf ihren Fluchtwegen auch in den Odenwald und in den Krauchgau vordrangen? Eine kleine Zeitreise führt zurück in die Kurpfalz um 1700 … – Die Neuzeit Europas ist eine von konfessionellen Konflikten geprägte Geschichte. Im Wechselspiel landesherrschaftlicher Mächte provozierte die Vertreibung anders denkender Minderheiten zur Migration, das heißt zu Aus- und Einwanderungen, und damit nicht zuletzt zur kulturellen Durchmischung.


Ab 1685 erreichten die Verfolgungen unter Ludwig XIV. einen Höhepunkt. Glaubensflüchtlinge zerstreuten sich in alle Winde. Allein an die 30.000 Hugenotten, wie man die französischen Protestanten nannte, flüchteten in Deutschlands Süden, unter ihnen auch Waldenser aus dem Pragelatal. 1698 wurden nochmals 3000 Waldenser unter französischem Druck aus dem Piemont vertrieben und wanderten ihrerseits nach Südwestdeutschland. Manch ein protestantischer deutscher Landesfürst ermöglichte ihnen einen Neubeginn. So entstanden ab 1699 Waldensersiedlungen beispielsweise im Herzogtum Württemberg oder bei Karlsruhe, in der Landgrafschaft Hessen-Darmstadt und anderen südhessischen Territorien. Den Kraichgau und den Odenwald erreichten die Migranten ebenfalls. In der Kurpfalz wurden Langenzell und der Biddersbacher Hof bei Lobbach im Kleinen Odenwald ab 1687 von Waldensern aus dem Pragelatal und Hugenotten aus dem Queyras besiedelt, und auch in Meckesheim hielten sich Glaubensflüchtlinge auf. Doch es war unsicheres Terrain. Zweimal mussten die Siedler wieder vor den einrückenden Franzosen fliehen.

Auch in der Kurpfalz wehte bald der Geist Ludwigs XIV. Bereits 1685 war der katholische Kurfürst Philipp Wilhelm an die Macht gekommen und löste die protestantische Kurpfalzdynastie ab. Sein 1690 nachfolgender Sohn, Kurfürst Johann Wilhelm, etablierte eine unnachgiebige Konfessionspolitik, angetrieben von absolutistischem Herrschaftsideal und streng katholischer Überzeugung. Nach und nach schaffte er Sanktionen gegen andersgläubige Untertanen, verstärkt ab 1697; eine Art „Gegenreformation“ begann.

Als einige der 1688 vor den Franzosen geflohenen Waldenser und Hugenotten ab 1690 in den Raum Langenzell zurückkehrten, wurden sie vom Kurfürsten zunächst noch toleriert. Als sie 1698, fünf Jahre nach ihrer 1693 vorgenommenen zweiten Flucht, erneut wiederkommen wollten, versagte ihnen Johann Wilhelm den Neubeginn. Im Territorium des katholischen Hardliners war jetzt kein Platz mehr für Waldenser und Hugenotten.  Erst 1705 musste Kurfürst Johann Wilhelm unter dem Druck protestantischer Mächte mit der „Religionsdeklaration“ die Duldung von Reformierten und Lutheranern beschließen, wenngleich dies mit wirtschaftlichen Vorteilen der Katholiken verbunden blieb.

Übrigens… Wenn bald mal wieder Kartoffeln isst, sollte daran denken: Diese einst exotische Ackerfrucht wurde in Südwestdeutschland erst von waldensischen Migranten eingeführt, ebenso wie die Luzerne und der Tabakanbau in der Rheinebene!


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