Kafka nachts am HSG

Mitternächtliche Leseprozesse

von Till Weidenhammer

Werbung

Statt Freitagabendparty trafen sich Schülerinnen und Schüler eines Deutsch-Oberstufenkurses der 11. Klasse (Kursstufe 1) zu einer Improvisations-Lesenacht in den Räumen des Hohenstaufen-Gymnasiums. (Fotos: p.)

Eberbach. Jemand musste den Deutsch-Kurs D3 der HSG-Kursstufe 1 eingeladen haben, denn ohne dass die Schülerinnen und Schüler etwas Böses getan hätten, kamen sie vor kurzem abends in das Hohenstaufen-Gymnasium. Die Freitagabendparty stieg diesmal nicht, stattdessen stand der Kurs um 19 Uhr vor der Schultüre. Das war noch niemals geschehen. Schon im Eingangsbereich konnten die Schüler – gleichzeitig befremdet und erlebnishungrig – ein erstes Begrüßungszitat von Franz Kafka (1883-1924) finden, welches zum Eintreten einlud. Im Gang vor dem Zimmer U 06 folgten noch einige Zitate, teils von erschreckenden Türhütern präsentiert.


Vielleicht waren die Schüler wenig empfindsam für diese Abweisungen, möglich auch, dass die Türhüter doch nicht so erschreckend waren. Jedenfalls folgten die Schüler den Anweisungen der Lehrperson und gingen in das Zimmer und warteten auf die Eröffnung des Leseprozesses. Denn sie wurden durch den „Proceß“ angezogen, weil dieser eine Abiturlektüre war, oder aber auch, weil sie sich für die Verfilmung des Romans interessierten. Andere sagten, dass wohl eher die Freude an einer gemeinsamen Unternehmung oder der abenteuerliche Gedanke, improvisiert gemeinsam in der Schule zu übernachten, die Schüler angezogen habe. Jedenfalls nahmen sie bald interessiert Platz und machten sich bereit, das bereits bekannte Einstiegskapitel als Film zu rekapitulieren.

Nach der Aufnahme eines Symbolbildes für das Einstiegskapitel erfolgte mit Hörbuchunterstützung die Lektüre des zweiten Kapitels, während derer die Schüler prägnante Textstellen markierten. Auch die Lektüre dieses Kapitels schloss der Aufbau eines Standbildes ab. Eine weitere Filmsequenz überbrückte dann die Wartezeit bis zur Lieferung des Abendessens, in dessen Verlauf nicht nur der Prozess besprochen wurde.

468Kafka1

(Foto: privat)


Da glücklicherweise niemandes Essen unterschlagen oder abgepresst worden war, sei es, weil sich die Autoritätsperson selbst etwas bestellt, sei es, weil die Kenntnis der möglichen Folgen und das Vorhandensein einer Reitgerte etwaige Erpresser abgehalten hatte, konnte danach gemeinsam mit sattem Bauch und müdem Kopf die erste Untersuchung gelesen werden, um im Anschluss diese sowie die Prüglerszene mit der filmischen Darstellung zu vergleichen.

Mitternacht war schon vorüber, als die Gruppe Zuwachs durch zwei angehende Abiturienten bekam. „Hier ist eindeutig die beste Stimmung in ganz Eberbach“, kommentierten diese, und blieben über die Lektüre des Folgekapitels dabei. Um halb drei Uhr in der Nacht wurde die Lektüre dann vorerst beendet und die mehr oder weniger improvisierten Betten aufgeschlagen. Wer nun erschöpfte Ruhe erwartete, wurde enttäuscht. Die Stunden bis zum nächsten Morgen wurden – eventuell inspiriert durch die Anwesenheit eines Geschichtslehrers – mit einem Geschichtsdatenquiz überbrückt. Womöglich der Versuch eines Teilnehmers, die Veranstaltung noch kafkaesker zu gestalten. Selbst ein improvisiertes Gute-Nacht-Märchen konnte ihn da nicht stoppen.

Daher wankte am nächsten Morgen der Kurs weniger frisch als dürr und matt in die Waschräume. Alsbald war aber durch die großzügigen Beiträge einiger Helferfiguren ein reichhaltiger Frühstückstisch gedeckt, und nach der Stärkung konnte gemeinsam nach dem Überspringen eines Kapitels der Advokat entlassen werden und nach dem Betrachten der entsprechenden Filmsequenz auch der Kurs. Immerhin hatte er Kafkas Roman „Der Proceß“ innerhalb einer Nacht weitgehend für sich erschlossen.

© www.NOKZEIT.de


Werbeanzeigen

Artikel empfehlen: