Gefängnis-Schule als Opernhaus

In objektiver Unfreiheit innere Freiheit gespürt und gespielt

Klassische Musik und ein Stoff aus dem 17. Jahrhundert im Knast? Mitglieder des Landesjugendorchesters, Dirigentin Anna-Sophie Brüning (l.), Regisseurin und Mezzosopranistin Paula Fünfeck (r.) sowie 20 inhaftierte Jugendliche der JVA bewiesen gemeinsam, dass das geht und Spaß macht. (Foto: Ursula Brinkmann)

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Adelsheim. (ub) Beziehungsreich-vielsagend begann das Musiktheater, das am vierten Advent in der Jugendvollzugsanstalt Adelsheim seine Uraufführung fand. Drei Jugendstrafgefangene jonglierten mit je zwei Bällen; darauf die Buchstaben: JVA (für Jugendvollzugsanstalt) und LJO (für Landesjugendorchester). Damit waren die Protagonistengruppen benannt. Die Bälle vermischten sich und bildeten am Ende des Vorspiels das A und O, Anfang und Ende. Das Spiel nahm seinen Lauf. Es heißt: Himmelsgeigen und Höllenfeuer.

Gespielt, gesungen, musiziert, getanzt, gerappt wurden Szenen aus dem Leben des Geigenbauvirtuosen Jakob Stainer, der von 1618 bis 1683 lebte. Politisch gesehen ist es die Zeit des 30-jährigen Krieges, musikalisch befindet man sich im Frühbarock. Stainer, der wegen „ketzerischer Bicher“ in Konflikt mit der Kirche kam und auch sonst ein bewegtes Leben führte, sei eine Identifikationsfigur für die Insassen, begründen die Macher das einzigartige Projekt. Als sozialer Außenseiter, als Handwerker, als freiheitlich denkender Mensch. Aber Barockmusik im Knast – geht das zusammen? Es geht. Im Mehrzweckraum der frisch renovierten Anstaltsschule erlebten rund 100 begeisterte Zuhörer eine Welturaufführung.


Eine Woche lang hatten 20 Insassen der JVA (Schüler des künftigen Hauptschulkurses) geprobt. Anna-Sophie Brüning, musikalische Leiterin des Experiments, sah die Gefängnisschule für eine Woche in ein Opernhaus verwandelt. Und mehr als das. Regisseurin Paula Fünfeck, ebenfalls seit Montag dabei, hatte mit den jugendlichen Straftätern eine Dramaturgie erarbeitet, Stimmtraining gemacht, Choreographien ausgetüftelt, chorisches Singen und Sprechen geübt. Auch wurden Ideen und  Talente der Darsteller in das Stück eingebaut;  Breakdance, Liegestütze, Rap. Außerdem galt es Bühnenbild und Beleuchtung einzurichten. Doch fanden sich in Rektor Udo Helbig und weiteren Mitarbeitern der Anstalt engagierte Helfer. In die Produktion einbezogen waren zudem die JVA-eigene Filmcrew und die Anstalts-internen Zeitungsmacher.

Bis zur letzten Minute wurde das Stück vorbereitet. Noch am Morgen, berichtete Klaus Brauch-Dylla, stellvertretender Verwaltungsleiter an der JVA, sei man der schwarzen Plane des Bühnenhintergrunds mit Spraydosen zuleibe gerückt: „WAR, fuck off, Luther go home“ stand da zu lesen. Sonstige Requisiten waren eine große hölzerne Kabeltrommel, ein bisschen Bühnenqualm und ein kleines, dafür echtes Feuer. Die Jungs aus der JVA agierten in schwarzen Klamotten, nur der Hauptdarsteller trug anfangs die Kluft eines Geigenbauers. Und Liebesgott Cupido hatte man auf seinen athletischen nackten Oberkörper ein durchscheinendes Organza-Flügelpaar geschnallt.

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(Foto: Ulla Brinkmann)

Die weibliche Hauptrolle, Stainers Angebetete Margarete wurde von der 16-jährigen Daniela Töws aus Möckmühl, Musikerin des LJO, mit jugendlichem Liebreiz gespielt. Ebenfalls aus den Reihen des Orchesters wird die Rolle des Geige spielenden Todes sowie des Sprechers (Juri de Marco) besetzt. Dass Paula Fünfeck ausgebildete Opernsängerin ist, das bekommen die Zuhörer nicht nur klanggewaltig zu hören, das wird auch drall in Szene gesetzt: als liebestolle Valentina versucht sie den jungen Geigenbauvirtuosen zu bezirzen und erntet für ihr barbusiges Lockmittel jede Menge Lacher. Ebenso witzig ist der Dialog eines Tannenbäumchens mit dem Geigenbauer. Immer wieder auch nahm das Stück mit der Musik des Barockkomponisten Heinrich Biber Bezug zum Heute, auf Hartz IV oder DSDS.


„Die haben was gemacht, was sie noch nie gemacht haben“, beschrieb Paula Fünfeck das Wesentliche des Projekts. 2009 hatten Brüning und Fünfeck gemeinsam eine Märchenoper in Ramallah mit dem Jugendorchester der Baremboim-Said-Stiftung uraufgeführt. Und nachdem Anna-Sophie Brüning im Juli 2011 mit einem 80-köpfigen LJO-Ensemble in der JVA auf offene Ohren für klassische Musik gestoßen war, entstand die Idee für das ungewöhnliche Kooperationsprojekt in Adelsheim.

Für die Regisseurin haben die jungen Gefangenen im Theaterspiel – trotz objektiver Unfreiheit – innere Freiheit errungen.  „Hier sind“, ergänzte Brüning, „junge Menschen mit jungen Lebensläufen, die vielfach gegensätzlicher nicht sein können.“ Dass daraus etwas Ansteckendes, Begeisterndes, Bereicherndes für alle entstehen kann, das hat die Uraufführung von „Himmelsgeigen und Höllenfeuer“ bewiesen. Die Erfahrung, dass Musik Gefühle mobilisieren kann, die Erfahrung, dass Anstrengung und Kreativität, das Disziplin und Spaß keine Gegensatzpaare sind,  haben die Künstler auf beiden Seiten gemacht. Vielleicht setzt das Musikprojekt noch mehr in Gang, denn wie stellte einer der JVAler am Ende sprechsingend fest: „Wir haben Gefühle und auch Ziele…“

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