Bürgerkrieg hat ihm fast alles genommen

Ibrahim Abdullahi aus Somalia ist vor Islamisten nach Hardheim geflüchtet. Das 27-jährige Bürgerkriegsopfer benötigt dringend eine Armprothese.

von Rüdiger Busch – RNZ

Ibrahim Abdullahi – hier mit seiner Ärztin Dr. Bettina Seitz – hat bei einem Anschlag in Somalia den rechten Arm verloren. (Foto: R. Busch)

Hardheim. Fast alles haben sie ihm genommen: Seine Familie, seine körperliche Unversehrtheit, seinen Broterwerb. Aus Angst vor den islamistischen Terrormilizen der Al-Schabab ist Ibrahim Abdullahi aus seiner Heimat Somalia nach Deutschland geflohen. Hier hofft der 27-jährige Muslim, der bei einem Bombenanschlag seinen rechten Arm verloren hat, auf ein Leben in Frieden.

Dies war ihm in seiner Heimatstadt Mogadischu nicht mehr vergönnt, denn die Al-Schabab, die im Süden des Landes ein blutiges Terrorregime errichtet hat, setzt in den von ihr kontrollierten Gebieten eine äußerst strenge Auslegung der Scharia durch. Fußball, Kinos und nicht-religiöse Musik sind verboten. Dies wurde Ibrahim Abdullahi zum Verhängnis – auf besonders grausame Weise. Der junge Mann betrieb in Mogadischu ein Kino, genauer gesagt führte er in einer Lagerhalle Filme vor. Terroristen der Al-Schabab war dies ein Dorn im Auge, und so verübten sie auf Abdullahis Kino im Jahr 2007 einen verheerenden Bombenanschlag, bei dem der junge Mann seinen rechten Arm verlor.  Von der schweren Verletzung gezeichnet, hielt sich Ibrahim Abdullahi mit Gelegenheitsjobs über Wasser, doch von den Nachstellungen der Islamisten wurde er weiterhin nicht verschont.

Da der lange Arm der Al-Schabab in dem Land am Horn von Afrika fast überall hin langt, wurde der 27-Jährige sogar von seiner Familie getrennt. Seine Frau und seine beiden Kinder leben inzwischen in einem Flüchtlingslager in Afgooye, so Abdullahis letzter Wissensstand. Im März 2011 gelang ihm die Flucht nach Deutschland. Er ist in der Asylbewerberunterkunft in Hardheim untergebracht. Derzeit läuft sein Asylantrag.

Spende Prothese

Deutschland als Ziel seiner Flucht hat sich Abdullahi ganz bewusst ausgesucht – auch und gerade wegen des weithin bekannten guten Rufs seines Gesundheitssystems. Doch sein derzeit noch ungeklärter Flüchtlingsstatus sorgt dafür, dass dem Bürgerkriegsopfer die Segnungen der modernen Medizin nicht in dem Umfang zur Verfügung stehen, wie es wohl nötig wäre.

Seit Mai ist Abdullahi bei Dr. Bettina Seitz in Behandlung. Er klagte über Schmerzen in der linken Schulter, wo sich als Folge der Bombenexplosion noch sechs Metallsplitter befinden. Der größte dieser Splitter wurde ihm daraufhin im Caritas-Krankenhaus Bad Mergentheim entfernt. Dr. Steffen Löw, Leiter der Sektion Handchirurgie der dortigen Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie, sprach sich nach diesem ambulanten Eingriff dafür aus, dass Ibrahim Abdullahi eine Prothese erhalten soll. Dies sei „sinnvoll und medizinisch notwendig, um Haltungsschäden zu vermeiden.“

Andernfalls seien Wirbelsäulenprobleme als Folge zu erwarten. Mit einer einfachen Oberarmprothese würden sich diese vermeiden lassen, und dem Patient würde das Greifen und Tragen von Gegenständen ermöglicht. Ein Kostenvoranschlag dafür liegt bei 4736,74 Euro. Die zuständige Ausländerbehörde des Neckar-Odenwald-Kreises lehnte jedoch die Kostenübernahme ab. Die Begründung: Da es sich nicht um eine akute Erkrankung handle, sei die Armprothese nicht dringend notwendig und damit aufschiebbar.

Wie Simone Schölch, Pressesprecherin des Landratsamts, auf Nachfrage der RNZ erklärte, sei der Fachdienst Gesundheitswesen eingeschaltet worden. Nach einer Untersuchung hätten die Amtsärzte die Armprothese abgelehnt, da keine akute Erkrankung oder Schmerzzustände vorlägen. Stattdessen hätten sie Krankengymnastik zur Vermeidung von Folgeschäden befürwortet.

„Beim Blick auf die menschlichen Schicksale ist eine solche Abgrenzung oft schwierig und auch unter Medizinern selten unstrittig“, macht Simone Schölch deutlich, „aber sie basiert auf dem Willen des Gesetzgebers, der vorgibt, dass für Asylbewerber nur Kosten übernommen werden dürfen für die Behandlung tatsächlich akuter Erkrankungen und Schmerzzustände.“


Dr. Löw aus Bad Mergentheim kann die Entscheidung dagegen „nicht nachvollziehen“: Durch den Verlust des rechten Armes bestehe ein Ungleichgewicht, durch das unmittelbar erhebliche Gesundheitsschäden drohten. Auch Andreas Linder vom Flüchtlingsrat Baden-Württemberg spricht sich für die Kostenübernahme aus. Der Flüchtlingsrat lässt gerade ein rechtliches Gutachten erstellen, um abzuklären, ob der Kreis nicht doch die Kosten übernehmen müsste.

Diese Frage steht für Dr. Bettina Seitz nicht im Vordergrund: „Ich sehe nur die humanitäre Seite. Wichtig ist nicht wer sie bezahlt, wichtig ist nur, dass Herr Abdullahi die Prothese bekommt. Er hat sie übrigens nie von sich aus gefordert, doch meine Kollegen und ich sehen die medizinische Notwendigkeit.“ Aus diesem Grund hat sie gemeinsam mit der Evangelischen Gesellschaft Stuttgart („eva“) eine Spendenaktion für den jungen Mann ins Leben gerufen. Bei „eva“ handelt es sich um ein diakonisches Unternehmen, das etwa 1.000 hauptamtliche und über 600 ehrenamtliche Mitarbeitern zählt.

In Buchen betreibt „eva“ das Demenzzentrum Helmuth-Galda-Haus. Dass die Aktion ein Erfolg wird, wäre dem jungen Mann, dessen bescheidenes Auftreten auffällt, zu wünschen. Denn fast alles haben sie ihm genommen – aber eines konnten sie ihm nicht rauben: sein dankbares Lächeln, wenn er in gebrochenem Englisch davon berichtet, wie ihm hier in Deutschland geholfen wird.  Hoffentlich hat er bald noch mehr zu berichten.

Wer Ibrahim Abdullahi unterstützen und bei der Finanzierung der Prothes mithelfen will, wird um Spenden auf folgendes Konto gebeten:

Spendenkonto: Evangelische Gesellschaft Stuttgart, Konto 234567, BLZ 520 604 10, Evangelische Kreditgenossenschaft (EKK), Stichwort: „Prothese“. Bei Fragen: Dr. Bettina Seitz, Tel. 06283/342.

Der Artikel wurde uns freundlicherweise von der Rhein-Neckar-Zeitung überlassen.

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