Von Recht und Gerechtigkeit

Außergewöhnliche Kohlhaas-Inszenierung in MosbachTheater am Handlungsort

Mosbach. (il/bd) Eine ungewöhnliche Inszenierung von Kleists Michael Kohlhaas mit dem Titel „KOHLHAAS.EINE HINRICHTUNG“ feierte am vergangenen Freitag Premiere vor den Toren des Mosbacher Landgerichts. Das Stuttgarter Ensemble Boris & Konsorten hat in der Kreisstadt seine moderne Kleist-Adaptation vor der pittoresken Kulisse des Gerichtsgebäudes und der Mosbacher JVA präsentiert.

Wieherndes Gelächter schallt über den Parkplatz des Mosbacher Landgerichts: Die rund 60 Zuschauer vor der Mauer des früheren Gerichtsgefängnisses finden sich plötzlich als Mitwirkende des Theaterstücks „KOHLHAAS.EINE HINRICHTUNG“ in der Rolle der Pferde des Rosshändlers Michael Kohlhaas wieder. „Wenn ich Hüh sage, müsst Ihr wiehern!“, lautet die Anweisung des Schauspielers David Desideri, der in der Eingangsszene in die Rolle des Kohlhaas geschlüpft ist. Sein Kollege Alexej Boris spielt den Junker Wenzel von Tronka, der den Rosshändler nur gegen einen unmäßig hohen  Wegezoll durch sein Land zum Pferdemarkt nach Leipzig ziehen lassen will. Ein wildes Feilschen der Kontrahenten beginnt.  Mit Blick auf den Mosbacher Landgerichtspräsidenten Romeo Schüssler bietet Kohlhaas den „schönen Braunen“ als Unterpfand an, doch der Junker von Tronka lehnt ab mit den Worten: „Der steht mir gar zu gut im Futter!“. Das Publikum weiß die moderne Auslegung des nicht immer leichtverständlichen Stoffes Michael Kohlhaas von Kleist sehr zu schätzen. Großes Können beweisen die beiden Schauspieler Alexej Boris und David Desideri, die als Henker auf dem Weg zu Kohlhaas Hinrichtung sind, und in die verschiedensten Rollen schlüpfen, um  die Geschichte des Michael Kohlhaas rückblickend zu erzählen.


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David Desideri hat mit viel Einfühlungsvermögen und Können aus der –  auch für Kleists Zeitgenossen schwer verständlichen – Textfassung eine zeitgemäße und äußerst unterhaltsame moderne Adaptation geschaffen. In Zusammenarbeit mit dem jungen Regisseur Danilo Fioriti ist eine Inszenierung entstanden, die nichts an ihrer Brisanz eingebüßt hat, aber in rund 90 Minuten das bei Kleist stellenweise sehr verwirrende Geschehen einfühlsam und gut nachvollziehbar aufbereitet. Die Geschichte des Rosshändlers Michael Kohlhaas ist eine ewiggültige Geschichte von Recht und Gerechtigkeit. Kohlhaas verliert durch die Willkür eines Adligen und der ihm willfährigen Gerichtsbarkeit seine Lebensgrundlage – seine Pferde. Und im Verlauf der sich überschlagenden Ereignisse muss er auch den Tod seines Knechts und schließlich auch den seiner Frau beklagen. Diese Ungerechtigkeiten treiben Kohlhaas zum Äußersten und er zieht mit seinen Anhängern gegen den Junker von Tronka in einen Feldzug der Selbstjustiz. Hunderte verlieren ihr Leben. Kohlhaas wird schließlich gefasst, kommt vor Gericht, erhält in der Sache Recht, wird aber seiner Rachetaten wegen hingerichtet.

Angelegt ist das Stück als Stationentheater, das Publikum folgt den Schauspielern auf ihrem Rundgang um das historische Gebäude des Landgerichts zum Hinterhof des Gefängnisses, heute das Freigängerheim der JVA Adelsheim. Theater nicht in Kulissen, sondern am Handlungsort. Alexej Boris, schon häufig in der Adelsheimer JVA zu Gast, ist nicht nur Schauspieler, sondern Initiator des ungewöhnlichen Projektes: „Ich wollte diesen Stoff in die heutige Zeit übertragen und vor allem an einem Ort aufführen, an dem Recht gesprochen und vollzogen wird. Daher freue ich mich, dass wir Dank der Aufgeschlossenheit und freundlichen Unterstützung des Landgerichts Mosbach und der JVA hier an diesem großartigen Ort spielen können.“


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Ein gelungener Kunstgriff ist dabei auch der Einsatz eines Wasserwerfers, der den beiden Schauspielern als wandelbare Kulisse dient. In rasanten Sprüngen verschwindet mal der eine mal der andere Schauspieler im Wasserwerfer und taucht oben auf dem Dach plötzlich wieder auf. Spannungsreiche Verfolgungsjagden rund um das moderne Gefährt symbolisieren den Kampf Kohlhaas gegen die Staatsgewalt. Das Verhältnis von Recht und Gerechtigkeit hat bis heute nichts an seiner Brisanz verloren, das betonte auch der Mosbacher Landgerichtspräsident Romeo Schüssler: „Auch heute noch erleben wir, dass nicht jedem Gerechtigkeit wiederfährt, der eigentlich Recht hat.“

Weitere Termine: 18. und 19. Mai 2012, jeweils 19 Uhr, Spielort: Landgericht Mosbach, Hauptstraße 110, 74821 Mosbach.

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Alexej Boris und David Desideri verkörpern die Henker von Michael Kohlhaas. Als modernes Symbol der Staatsgewalt dient ein Wasserwerfer. (Foto: Brauch-Dylla)

Infos im Internet:

www.boris-konsorten.de

 

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