Erste Gewaltambulanz in Baden-Württemberg

Uni Heidelberg eröffnet Ambulanz für Gewaltopfer – Umgehende klinisch-forensische Untersuchung und Dokumentation verbessert Situation von Opfern in späteren Strafverfahren

Heidelberg. (pm) Das Institut für Rechtsmedizin und Verkehrsmedizin am Universitätsklinikum Heidelberg hat die erste Gewaltambulanz in Baden-Württemberg eröffnet. Sie ist mit einem rechtsmedizinischen ärztlichen Bereitschaftsdienst verbunden, der unter der Telefonnummer 0152 / 54648393 rund um die Uhr telefonisch erreichbar ist.

„In unserer klinisch-forensischen Ambulanz bieten wir Menschen, denen körperliche oder sexuelle Gewalt angetan worden ist, eine umgehende rechtsmedizinische Untersuchung, eine gerichtsfeste Dokumentation von Verletzungen und eine Spurensicherung an und sorgen dafür, dass sie falls nötig einer ärztlichen Behandlung oder psychologischen Betreuung zugeführt werden. In vielen Fällen kann durch eine rechtsmedizinische Begutachtung auf Basis objektiver Befunde Klarheit geschaffen werden, was sich zugetragen hat, was letztlich besonders im Fall eines Strafverfahrens von Vorteil ist“, erklärt Professor Dr. Kathrin Yen, Ärztliche Direktorin des Heidelberger Rechtsmedizinischen Instituts, bei einer Pressekonferenz am 21. November 2012 in Heidelberg. Die Untersuchungen finden in den Ambulanzräumen in Heidelberg-Bergheim, in den Universitätskliniken in Heidelberg und Mannheim sowie nach Absprache auch an anderen Orten, beispielsweise auf Polizeidienststellen statt.




Ambulanzdienst für Nordbaden

Der Ambulanzdienst deckt das Gebiet von Nordbaden ab, bei Bedarf auch darüber hinaus. Die möglichst zeitnah zum Ereignis durchgeführte rechtsmedizinische Untersuchung stellt sicher, dass erlittene Verletzungen dokumentiert und Spuren gesichert werden, so dass sie ggf. vor Gericht als Beweismaterial verwendet werden können. Gewalttaten können sowohl von den betroffenen Opfern selbst und Ärzten aller Fachrichtungen als auch von der Polizei,  Staatsanwaltschaften und Gerichten, von Opferhilfe-Einrichtungen und Jugendämtern gemeldet werden.

„Die Einrichtung der klinisch-forensischen Gewaltambulanz ist für uns eine wichtige Verstärkung des Heidelberger Interventionsmodells und des Runden Tisches, mit denen wir häusliche Gewalt nachhaltig bekämpfen wollen“,  so der Bürgermeister der Stadt Heidelberg, Wolfgang Erichson. „Wir haben dafür alle wichtigen Partnerinnen und Partner an einem Runden Tisch zusammengebracht, wie Polizei, Justiz und die Hilfeeinrichtungen.“

Heidelberger Erklärung von 2008

Ärztinnen und Ärzte seien oftmals erste und einzige Ansprechpersonen für Betroffene; deshalb sei es besonders wichtig, das Heidelberger Gesundheitssystem in die Vernetzungsstrukturen einzubeziehen. Seit 2008 gibt es mit der „Heidelberger Erklärung“ des Uniklinikums eine Selbstverpflichtung zur nachhaltigen Etablierung eines Interventionsablaufs im Klinikalltag. „Damit war die Erweiterung des Heidelberger Interventionsmodells zu ,him.med‘ möglich geworden“, so Bürgermeister Erichson.

„Mit der Einrichtung der Gewaltambulanz unterstützt das Universitätsklinikum Heidelberg im Interesse seiner Patienten und der Bevölkerung in Nordbaden die Aufklärung von Gewalttaten“,  erklärt Professor Dr. Guido Adler, Leitender Ärztlicher Direktor des Universitätsklinikums Heidelberg. „Am Rechtsmedizinischen Institut des Universitätsklinikums Graz hat Frau Professor Yen bereits eine Gewaltambulanz aufgebaut und geleitet und wird diese Erfahrungen in Heidelberg einbringen.“

Untersuchung in Ambulanzräumen, in Kliniken oder vor Ort

Die Gewaltambulanz mit Räumen im Rechtsmedizinischen Institut des Universitätsklinikums (Voßstraße 2, Geb. 4420) steht prinzipiell allen Hilfesuchenden offen, unabhängig von deren Alter, Geschlecht, Herkunft oder finanzieller Situation. Die Untersuchungen finden nach vorheriger Absprache am Institut für Rechts- und Verkehrsmedizin Heidelberg oder am Universitätsklinikum Heidelberg bzw. der Universitätsmedizin Mannheim statt. Auch eine Untersuchung an anderen Orten, z.B. auf Polizeidienststellen, ist nach Absprache möglich. Auch wer keine oder noch keine Anzeige bei der Polizei erstatten will, kann sich untersuchen lassen. Untersucht werden können Personen, die nach gewaltsamen Ereignissen, auch Unfällen, Verletzungen erlitten haben oder bei denen Spuren (z.B. DNA-Spuren) zur Klärung beitragen könnten. Auch bietet die klinisch-forensische Ambulanz eine Sicherung von biologischem Material zum Nachweis von Vergiftungen, etwa bei Gabe von KO-Tropfen, an.

Eine frühzeitige Untersuchung sollte vor allem nach häuslicher Gewalt, bei Verdacht auf Kindsmisshandlung, Kindsmissbrauch, Vergewaltigung, Gewalt an älteren Menschen oder nach sonstigen gewaltsamen Übergriffen wie Schlägereien oder Angriffen mit gefährlichen Gegenständen erfolgen. Auch nach Unfällen kann eine Untersuchung sinnvoll sein, wenn rechtliche Konsequenzen möglich sind und der Unfallablauf geklärt werden soll. Nicht zuletzt besteht auch die Möglichkeit einer Untersuchung von Personen, die selbst im Verdacht stehen, eine Gewalttat begangen haben.

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