„Die Freiheit lohnt jeden Einsatz“

Einer der letzten französischen Überlebenden des KZ Struthof zu Gast im GTO

Neues Bild1

(Foto: pm)

Osterburken. (pm) Die Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus gehört in Baden-Württemberg zum Lehrplan der Klassenstufe 9. Trotz allen gegenteiligen Bemühens ist es nicht immer vermeidbar, dass die Behandlung dieses Themenkomplexes zur Routine wird: für die Schülerinnen und Schüler, aber auch für deren Lehrerinnen und Lehrer.

Umso dankbarer muss man daher für die selten gewordene Gelegenheit sein, wenn die Ereignisse aus einer für viele inzwischen längst vergangenen dunklen Zeit, zu der die meisten selbst keinerlei Beziehung mehr haben, plötzlich Gegenwart werden und in der Person von Zeitzeugen im wahrsten Sinn des Wortes greifbar vor einem stehen.

Diese Gelegenheit bot sich den Schülerinnen und Schülern der Klassenstufe 9 am Ganztagesgymnasium in Osterburken im Rahmen des „Struthof-Projektes“ 2013 auf. Initiiert von Religionslehrer Georg Dresdner und auf Vermittlung von Frau Dorothee Roos von der KZ-Gedenkstätte in Neckarelz sowie unterstützt von der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ konnte Oberstudiendierektor Willi Biemer Herrn Henri Mosson und Herrn Jean-Marc Bordet aus Frankreich begrüßen.

Henri Mosson war von 1943-1945 Häftling des Konzentrationslagers in Struthof. Als Jugendlicher hatte er im Juni 1940 die Niederlage Frankreichs gegen Hitler-Deutschland erlebt und sich zusammen mit anderen entschlossen, sich einer Widerstandsgruppe anzuschließen. Von der Gestapo als 19-jähriger junger Mann festgenommen, wurde er zunächst zum Tode verurteilt und dann aufgrund seines jugendlichen Alters zu lebenslanger Zwangsarbeit „begnadigt“. Diese sollte er als ein „NN-Deportierter“ im KZ Struthof ableisten (NN steht für Nacht und Nebel; d.h. niemand wusste etwas über den Verbleib dieser Männer und Frauen, und ihnen selbst war jeder Kontakt zur Außenwelt verboten). Was ihm und vielen anderen, die dem Gefängnis, der Folter und der Hinrichtung entkommen waren, zunächst wie ein normales Straflager erschien, wurde für sie bereits kurz nach der Ankunft am Bahnhof in Rothau zu einer Erfahrung der Hölle auf Erden. Allein schon die Unkenntnis der deutschen Sprache bedeutete Schläge, ja sogar für viele den Tod. Denn wer kein Deutsch sprach, konnte seine Häftlingsnummer nicht sagen oder einen Befehl nicht sofort ausführen. Darum weiß auch heute noch jeder Häftling seine Nummer in deutscher Sprache wiederzugeben.




Henri Mosson hat das KZ Struthof, 1944 (infolge der heranrückenden Allierten) die Deportation nach Erzingen, einem Lager auf der Schwäbischen Alb und schließlich nach Allach bei Dachau überlebt. Auf 39 kg abgemagert wurde er am 30. April 1945 von der US-Army befreit.

Seine Geschichte und die von weiteren sieben Überlebenden hat der französische Filmemacher Jean-Marc Bordet in einem die Zuschauer zutiefst berührenden Film „Wenn die Nacht am tiefsten ist“ dokumentiert. Die kleine Stadt Chenove bei Dijon hat diesen Film, der auch mit deutschen Untertiteln verfügbar ist, großzügig finanziert.

Diesen Film sahen die Schülerinnen und Schüler und wurden somit Zeugen nicht nur dessen, was damals geschehen war, sondern auch der Gedanken, der Gefühle und des bis heute nicht überwundenen Leidens dieser acht Männer, von denen einer nur 16 Jahre alt war, als er inhaftiert wurde, d.h. er war im selben Alter wie diese Schülerinnen und Schüler Diese Männer, die stellvertretend für alle anderen, die nicht mehr erzählen können oder wollen, in diesem Film zu Wort kommen, waren damals nicht bereit, sich mit der Niederlage Frankreichs, mit der Kollaboration der Vichy-Regierung unter Marschall Pétain und mit der Unfreiheit unter der deutschen Besatzung abzufinden, sie wollten für die Freiheit kämpfen, auch wenn sie zunächst nicht wussten, was dieser Kampf sie selbst dann kosten würde.

Ob er es bereuen würde, so gehandelt zu haben, wurde Herr Mosson im Anschluß an den Film von einer Schülerin gefragt. Seine Antwort war eine nicht nur für sein Leben wichtige Erkenntnis: Es gibt im Leben immer wieder Ereignisse, bei denen man sich im Nachhinein fragt, ob es richtig war, wie man gehandelt hat. Aber man darf das, was geschehen ist, nicht bereuen. Zum einen mache man damit die Vergangenheit nicht ungeschehen, zum anderen belastet es die Gegenwart und lähme für die Zukunft. Apropos Zukunft: Nach dem Krieg arbeitete Herr Mosson als Rennsportdirektor bei der Formel 1.

Und noch etwas Wichtiges hatte Herr Mosson (gerade als Franzose) den Schülerinnen und Schülern (und damit den Deutschen) zu sagen: Die Freiheit lohnt jeden Einsatz. Wenn man jetzt sieht und hört, wie wenig es offensichtlich die Bundesregierung und die breite Öffentlichkeit interessiert, dass der US-amerikanische Geheimdienst NSA die Freiheit und die Privatsphäre des Internets nicht respektiert, und wie opportunistisch „scheinheilig“ die Angelegenheit von offiziellen Stellen totgeschwiegen wird, dann kann man diese Unbedingtheit des Einsatzes für die Freiheit schmerzlich vermissen.

Mit einem herzlichen und dankbaren Applaus verabschiedeten die Schülerinnen und Schüler die Herren Mosson und Bardet, deren Worte Frau Marina Wiznerowicz als Dolmetscherin dankenswerterweise ins Deutsche übersetzte.

Unsere News jetzt auch einmal täglich per Mail

© www.NOKZEIT.de


Artikel empfehlen: