Moderne Milchviehhaltung im Kreis

2. Teil unserer Serie zu Strukturen und Produktionsverfahren in der heutigen Landwirtschaft und Einblicke in den landwirtschaftlichen Alltag im Neckar-Odenwald-Kreis

Hornlose Rinder

Ein wichtiges Ziel in der Rinderzucht sind genetisch hornlose Kälber.  In Reisenbach wurden bereits Bullen eingesetzt, deren Nachkommen keine Hörner bekommen. (Foto: LRA)

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Neckar-Odenwald-Kreis. (lra) Die Milchviehhaltung ist traditionell eine der wichtigsten Produktionszweige in der Landwirtschaft hier im Kreis  – für viele Verbraucher sind Kühe sogar das Symbol für Landwirtschaft schlechthin.

Bei Milchkühen werden Haltungsbedingungen, Zucht und Produktion von einer breiten Mehrheit anerkannt. Kritische Stimmen gibt es am ehesten an der Enthornungspraxis oder der ganzjährigen Stallhaltung ohne Weidegang.

Die Enthornung – das Entfernen der Hornanlagen – ist in den ersten Lebenswochen bei Kälbern ohne Betäubung zulässig. Kühe mit Hörnern findet man am ehesten bei Mutterkühen, die zur Fleischerzeugung gehalten werden oder im ökologischen Landbau. Bleiben die Hörner, ist das Verletzungsrisiko von Mensch und Tier größer, außerdem brauchen die Tiere mehr Platz. In der Tierzucht wird intensiv daran gearbeitet, genetisch hornlose Tiere zu züchten. Bullen, deren Nachkommen keine Hörner bekommen, sind bereits im Einsatz. In einigen Jahren könnte die Enthornung von Kälbern dann überhaupt kein Thema mehr sein. Was auch den Landwirten entgegen kommen würde, denn die Enthornung, die Matthias Rechner in Mudau-Reisenbach beispielsweise ausschließlich mit lokaler Betäubung durchführt, ist auch für sie keine angenehme Arbeit.

Er bewirtschaftet einen von knapp 200 Höfen, auf denen im Neckar-Odenwald-Kreis noch Kühe gemolken werden. Fleckvieh und Schwarzbunte Kühe sind die beiden wichtigsten Rinderrassen im Neckar-Odenwald-Kreis. Die Fleckviehzüchter schätzten vor allem deren ruhige Art und die gute Milchleistung. Zwar geben Schwarzbunte Kühe mehr Milch, aber: „An Fleckviehkühen ist wesentlich mehr Fleisch dran“ erklärt Rechner. „Mit den besseren Preisen für Kälber, Bullen und Kühe fahre ich bei gleichzeitig hoher Milchleistung am besten mit dieser Rasse“. Rechner hat schon etliche Auszeichnungen des Zuchtverbandes für überdurchschnittlich hohe Milchleistungen erhalten, die nicht zuletzt durch die Haltung im Boxenlaufstall (seit 2005) gesteigert werden konnte. Daneben schätzen der Landwirt und seine Frau Silvia, dass die Arbeiten so rationeller und angenehmer erledigt werden können. Im Laufstall können die Kühe selbst bestimmen, wann sie fressen oder liegen wollen. In der Herde werden natürliche Rangfolgen ausgebildet, das Sozialverhalten profitiert davon. Tatsächlich entstehen „Freundschaften“:  Befreundete Kühe liegen, stehen, gehen und fressen gemeinsam. Aber nicht nur die Tiere profitieren, sondern auch die Landwirte, denn Tierschutz und Ökonomie, vor allem die Arbeitseffizienz, ergänzen sich hervorragend.



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Die Fütterung basiert hauptsächlich auf Gras- und Maissilage, das mit Kraftfutter, also Getreide und Eiweißfutter ergänzt wird. Je nach Milchleistung und Körperkondition erhält jede Kuh eine individuell errechnete Menge an Kraftfutter. Durch einen Sender am Halsband wird das jeweilige Tier erkannt und versorgt. Dass die Kuh, bevor sie Milch geben kann, als Grundvoraussetzung aber zunächst mal ein Kälbchen geboren haben muss, wissen viele Leute gar nicht mehr. Für Rechner dagegen ist dieses Tatsache in doppelter Hinsicht wichtig: “Die weiblichen Kälber von heute sind meine Milchkühe von morgen!“

Grundsätzlich ist Milchviehhaltung für Landwirte mit einem hohen Arbeitseinsatz verbunden. Tiere erfordern eine Betreuung praktisch rund um die Uhr. Täglich müssen die Kühe früh morgens und abends versorgt, gefüttert und gemolken werden. Auch wenn das Misten durch die Güllewirtschaft mit Spaltenböden oder Schieberentmistung erleichtert wird, müssen die Boxen gepflegt und gereinigt und rundum für Sauberkeit gesorgt werden. „Im Kuhstall gibt es keinen Feiertag und kein freies Wochensende. Das setzt voraus, dass man die Tiere und die Arbeit mit ihnen gern hat“, bestätigen die Rechners. Familienbetriebe oder größere Betriebe mit Fremdarbeitskräften haben es leichter – Krankheitsausfälle oder andere Fehlzeiten können eher ausgeglichen werden. Trotz der hohen Arbeitsbelastung sind die Rechners zufrieden und stolz auf ihren Viehbestand: „Wenn unsere Tiere sich wohl fühlen und gut entwickeln, dann geht´s auch uns gut“.

              

Milchkühe im Neckar-Odenwald-Kreis

Heute gibt es noch ca. 7.500 Milchkühe im Neckar-Odenwald-Kreis  – ca. 1.700 weniger als noch vor zehn Jahren. Sie stehen in knapp 200 Milchvieh haltenden Betrieben. Zum Vergleich: 2003 gab es noch 340 entsprechend ausgerichtete Höfe.  

Rund 2.000 Kühe stehen in Anbindehaltung. Der Durchschnittsbetrieb mit Anbindehaltung hält weniger als 20 Kühe je Betrieb.

Darüber hinaus gibt es fast 80 Boxenlaufställe mit durchschnittlich 71 Kühen. Das heißt, dass bereits knapp dreiviertel aller Kühe im Kreis in Boxenlaufställen leben, die ihnen ein natürlicheres Fress- und Sozialverhalten ermöglichen.

In letzter Zeit ist auch im Neckar-Odenwald-Kreis eine deutliche Tendenz zu automatischen Melksystemen, den sogenannten Melkrobotern, festzustellen. 20 der 80 Boxenlaufställe sind bereits mit dieser Melktechnik ausgestattet.

Weitere Teile der Serie:

1. Teil: Landwirtschaft im Neckar-Odenwald-Kreis

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