Persönliche Begegnung baut Vorurteile ab

Landrat Frank im Unterricht am Technischen Gymnasium Tauberbischofsheim
 
  Tauberbischofsheim. (pm) Die Integration von Flüchtlingen ist ein zentrales Thema der Landkreispolitik. Um ein Meinungsbild von jungen Menschen aus dem Main-Tauber-Kreis zu erhalten, hat Landrat Reinhard Frank den Unterricht der 12. Klasse am Technischen Gymnasium in Tauberbischofsheim besucht. Er diskutierte mit den Schülerinnen und Schülern über Chancen und Risiken der Flüchtlingszuwanderung.
 
 Als Begleitung hatte Landrat Frank den 18-jährigen syrischen Flüchtling Ali Alswad eingeladen. Ali ist seit acht Monaten in Deutschland und stammt aus der zweitgrößten syrischen Stadt Basra. Zusammen mit seiner sechsköpfigen Familie lebt er in einem Zimmer in einer Gemeinschaftsunterkunft in Tauberbischofsheim. Zurzeit besucht Ali den Unterricht einer Vabo-Klasse (Vorqualifizierung Arbeit und Beruf für Jugendliche ohne Deutschkenntnisse) in Tauberbischofsheim.
 
 Die Schüler wollten von Ali zuerst wissen, weshalb er aus seiner Heimatstadt geflohen ist. „Ich musste täglich mit zusehen, wie Bomben auf unsere Stadt gefallen sind und Menschen ermordet wurden“, erklärte Ali in schon gut verständlicher deutscher Sprache. „Wir sind mit der ganzen Familie vor den Kriegswirren aus der Heimat geflohen. Zuerst mit dem Schiff in die Türkei und dann weiter zu Fuß. Über 15 Tage lang waren wir zu Fuß unterwegs“, berichtete Ali den interessierten Schülern.
 
 „Seht ihr in der Zuwanderung eine Chance für unseren Landkreis, oder glaubt ihr, dass sie Risiken birgt?“, fragte Landrat Frank in die Runde. Fünf der 14 Schüler glaubten, dass die Zuwanderung eine Chance für den Kreis ist und dieser sich dadurch weiterentwickeln kann, beispielsweise durch eine Abwendung des drohenden Fachkräftemangels.
 
 Das Durchschnittalter der Flüchtlinge liegt bei 23,3 Jahren. Die demografische Entwicklung, also eine mögliche Überalterung der Gesellschaft, könnte durch die Zuwanderung abgefangen werden. „Voraussetzung ist jedoch, dass die Politik und die Gesellschaft bei der Integration der zu uns geflüchteten Menschen nicht versagen“, betonte ein Schüler. „Wo sollen die ganzen Flüchtlinge wohnen? Es sollen doch keine Ghettos entstehen“, waren die Befürchtungen einiger Schüler. Landrat Frank bestätigte, dass die Wohnraumschaffung ein zentrales Thema ist. „Der soziale Wohnungsbau ist in den letzten Jahrzehnten einfach vernachlässigt worden. Wir müssen nun die Kommunen überzeugen, leer stehenden Wohnraum im ländlichen Raum zu sichten und zügig zu nutzen“, erklärte der Landrat. Die Landkreisverwaltung werde die Kommunen dabei nach Kräften unterstützen.
 
 Neben der Schaffung von Wohnraum ist die Integration in die Gesellschaft ein weiterer zentraler Schwerpunkt. „Wir brauchen insbesondere in unseren Hilfsorganisationen wie Feuerwehr und Rotes Kreuz die Unterstützung durch junge Zuwanderer. Sobald persönliche Begegnung stattfindet, werden Barrieren und Vorurteile abgebaut“, sagte der Landrat. Auch dem Vereinssport komme eine nicht zu unterschätzende Bedeutung bei der Integration zu. Sportliche Betätigung und positiver sportlicher Wettstreit verbinde und schaffe Freundschaft.
 
 „Natürlich gibt es auch negative Erfahrungen in Gemeinschaftsunterkünften, zum Beispiel mit Fehlalarmen“, erklärte Frank auf die Aussage eines Schülers, der in der Freiwilligen Feuerwehr aktiv ist. Immer wieder kommt es in Gemeinschaftsunterkünften zu einem Fehlalarm, und die Kameraden der Feuerwehr müssen ausrücken. „Wir haben das Problem erkannt und in der Zwischenzeit weitestgehend in den Griff bekommen“, sagte der Landrat.
 
 „Auch wenn derzeit wesentlich weniger Flüchtlinge bei uns ankommen, werden wir uns dem Thema noch langfristig widmen, um die Chancen einer gelungenen Integration zu nutzen und mögliche Risiken abzubauen“, fasste der Landrat zusammen.
 
 Ein Schüler brachte es am Ende der Unterrichtsstunde knapp und treffend auf den Punkt: „Ich hatte bisher eine etwas kritische Einstellung zu den Flüchtlingen. Ich sollte aber mal den direkten Kontakt zu den Menschen suchen, denn Ali ist ja ein ganz netter Kerl“.
 
 


Landrat Frank zu Gast in der 12. Klasse am Technischen Gymnasium in Tauberbischofsheim: Das Unterrichtsthema lautete „Chancen und Risiken der Flüchtlingszuwanderung“. (Foto: Landratsamt Main-Tauber-Kreis)
 

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