Neckarsulm feiert „vergessenen“ Sohn

03. November 1766: Simon Molitor kommt zur Welt – Zum 250. Geburtstag des Komponisten und „vergessenen Sohns“ von Neckarsulm

von Barbara Löslein


 Simon Molitor, Kupferstich von Franz Tandler

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Simon Molitor war lange ein „vergessener Sohn“ Neckarsulms, bis ihn Ende der 1970er Jahre eine Radiosendung und ein Konzert in Neckarsulm wieder in Erinnerung brachten. 1985 entstand die grundlegende Arbeit des Musikwissenschaftlers Albrecht Dürr über das Werk Simon Molitors, durch deren Ergebnisse die Bedeutung Molitors endlich richtig eingeordnet werden konnte. Seit 1986 steht auf dem Marktplatz eine Skulptur, die an ihn erinnert.

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Kindheit und Jugend in Neckarsulm

Am 3. November 1766 brachte Maria Emerentia Molitor (geb. Linz) ihren ältesten Sohn Aloisius Franciscus Simon Josephus zur Welt. Sein Vater Michael Molitor war seit 1761 Lehrer an der Knabenschule und zugleich verantwortlich für die musikalische Ausbildung der Jugend, für den Orgeldienst an der St.-Dionysius-Kirche. Simon Molitor hatte noch zwei jüngere Geschwister: Josef Aloys und Crescentia.

Die Lehrersfamilie Molitor lebte im Schulhaus in der Frühmessgasse – neben dem Chor der St.-Dionysius-Kirche. Hier kam wohl auch Simon Molitor zur Welt, doch sein Geburtshaus steht heute nicht mehr.
Schon früh wird er Musikunterricht beim Vater gehabt haben. Von seiner Liebe zur Musik zeugt eine Anekdote, derzufolge er sich zusammen mit seinem Freund Franz Joseph Lang über Nacht in der Frauenkirche hat einschließen lassen, um dort ungestört Orgel spielen zu können.

Ausbildung und Wanderjahre: Würzburg – Italien

Mit 18 Jahren bekam Molitor ein Stipendium für das Lehrerstudium am bischöflichen Lehrerseminar in Würzburg, und in diese Zeit fallen auch seine ersten Kompositionen. Nach Abschluss seiner Ausbildung war er um 1790 Hilfslehrer bei seinem Vater in Neckarsulm. Simon Molitor galt als „Tunichtgut“ – die Schulbehörde bemerkte 1790 über ihn: „nur schade, dass seine Ausschweifungen ruchbar wurden und seine Sitten nicht die besten sind“. Die Folgen eines Liebesabenteuers sollen denn auch der Grund für seinen Abschied aus Neckarsulm gewesen sein. Als Komponist und Violinvirtuose bereiste er Südeuropa, unter anderem Istrien, Dalmatien und Albanien. In Venedig wirkte er bis 1797 als Orchesterleiter. Als Napoleon 1797 das Ende Venedigs als selbständiger Staat erzwang, wird Molitor dort seine Tätigkeit beendet haben.

Die Jahre in Wien: Beamter im Kaiserlichen Kriegskommissariat – Komponist und Musikforscher

Ab 1798 verdiente Molitor seinen Lebensunterhalt als Beamter in der österreichischen Heeresverwaltung. Vermutlich gefördert durch seinen dort tätigen Patenonkel begann er als Gehilfe bei der Garnisonsverpflegungsverwaltung. Er nahm auch an Feldzügen des Heeres teil, bis er 1802 endgültig in Wien sesshaft wurde. Damals war Wien die bedeutendste Stätte des europäischen Musiklebens: Beethoven und Schubert wirkten bis zu ihrem Tod 1827 beziehungsweis 1828 hier, Mozart war wenige Jahre vor Molitors Ankunft in Wien gestorben.

Als musikalisch begabter Mensch war es für Molitor daher schwer, hier seinen Platz zu finden und wohl deshalb wurde die Musik nicht sein Hauptberuf. Bis zu seiner Pensionierung (1831) machte er eine durch mehrere Auszeichnungen gekrönte Karriere als Oberverpflegungsverwalter.

Daneben hatte er bis um 1815 offenbar Muße zum Komponieren. In diesem Zeitraum entstanden auch seine Gitarrenschule und weitere Werke für Gitarre, die dieser ein höheres Ansehen verleihen sollten.

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Erst nach seinem Eintritt in den Ruhestand sind weitere Werke überliefert. Damals begannen wohl die regelmäßig in seinem Haus stattfindenden musikalischen Abendunterhaltungen, bei denen alte und zeitgenössische Musik erklang. In der Gruppe musikhistorisch interessierter Beamter der österreichischen Heeresverwaltung um Raphael Georg Kiesewetter, der auch Molitor angehörte, wurden Veranstaltungen dieser Art damals häufig gepflegt. Auch Molitors Forschungen auf dem Gebiet der Wiener Operngeschichte fallen in die Zeit seines Ruhestandes.

Simon Molitor hatte also „seine Nische“ gefunden, in der er außerhalb seiner Berufstätigkeit als Beamter musikalisch wirken konnte. Im Gesamtzusammenhang der Musikgeschichte seiner Zeit war er nicht unbedeutend: Als namhafter Vertreter der Wiener Gitarristik des beginnenden 19. Jahrhunderts förderte er die Gitarre. Er verbesserte die Kompositions- und Notationsweise für dieses Instrument – und zwar bevor sich der vor allem seit 1806 in Wien wirkende Mauro Giuliani der Gitarre widmete und ihr zu Ansehen als Konzertinstrument verhalf. Daneben war er auch als Musikforscher und als Förderer alter Musik bekannt.
Knapp siebzig Werke umfasst das 1985 erarbeitete Werkverzeichnis Molitors: Lieder, ein Oratorium, eine Messe, Instrumentalstücke und Konzerte unter anderem für Violine, Harfe sowie Gitarre, Streichquartette und eine Gitarrenschule.

Simon Molitor starb – unverheiratet und kinderlos – im hohen Alter von 82 Jahren an Altersschwäche.

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