Vom Bolzplatz in die Bundesliga

Lernen, Hausaufgaben und essen im Auto – Traum verwirklicht


Helen Trolls und Chelsea Diemer spielen seit der Winterpause in der Bundesliga der B-Juniorinnen. (Fotos: privat)
Zwingenberg/Neckarelz. Während sich die männlichen Fußball-Weltstars gerade im Champions-League-Finale in Cardiff gegenüberstanden, das Real Madrid mit 4:1 gegen Juventus Turin gewann, was von schätzungsweise einer Milliarde Menschen auf dem TV-Schirm miterlebt wurde. Wo jede noch so unbedeutende Nebensächlichkeit zu tagelangen Diskussionen führte und die Protagonisten wie Christiano Ronaldo unfassbare Gehälter kassieren, fristet der Frauen- und Mädchen-Fußball nach wie vor ein Nischendasein, bei dem selbst das Endspiel in der Champions League zwischen Olympique Lyon und PSG Paris kaum ein Stadion zu füllen vermag. Ein ebenso beredetes wie unverschämtes Beispiel für die Bevorzugung von Männern im Fußballsport ist das Feierverbot für die Frauen des VfL Wolfsburg, die laut diversen Pressemeldungen ihren Deutschen Meistertitel nicht feiern durften, weil zeitgleich die Herren vor dem Absturz in die Zweitklassigkeit standen.

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Und trotz dieser Benachteiligung gibt es immer wieder Mädels bzw. junge Frauen und deren Eltern, denen keine Strapaze zu groß, kein Weg zu weit ist, um an ihrem Traum zu arbeiten, auch einmal auf Spitzenniveau mitspielen zu können.

Zwei dieser Spielerinnen, deren Karriere auf Bolzplätzen im Neckartal begann, sind Chelsea Diemer (16) aus Zwingenberg und deren Freundin Helen Tralls (17) aus Neckarelz, die in der Winterpause der Saison 2016/17, den Sprung aus der B-Jugend des SC Klinge Seckach in die B-Jugend des TSV Crailsheim wagten und noch keinen Tag bereuten. Während die beiden Jugendlichen im Bauland in der Verbandsliga noch gegen Teams wie Zeutern, Waghäusel und Hohensachsen antraten, ging es in Crailsheim gegen Mannschaften wir Bayern München, SC Freiburg und 1899 Hoffenheim. Die aktuelle Spielzeit beendeten die Abwehrspielerin Chelsea Diemer und die Torhüterin Helen Tralls auf dem achten Tabellenplatz der Bundesliga Süd.

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Begonnen haben die jungen Frauen in ihrer Freizeit jeweils auf den heimischen Bolzplätzen, wo sie in der Regel mit den Jungs kicken durften. Im Jahr 2013 begannen die Freundinnen beim VfK Diedesheim in einer Mädchenmannschaft. Schnell zeigte sich das Talent der APG-Schülerinnen, sodass zwei Jahre später der Wechsel zum Traditionsklub SC Klinge Seckach folgte. In der Verbandsliga wurde auf einem anderen Niveau Fußball gespielt und trainiert. Chelseas Vater, Gernot Diemer, der die Mädchen häufig ins Training chauffierte, übernahm bei den Bauländerinnen das Co-Traineramt und später das Traineramt. Neben dem Training im Verein stand aus eigenem Antrieb auch Einzeltraining im Neckartal auf dem Programm.
Es folgte der Besuch eines Länderspiels der deutschen Frauen und ein Freundschaftsspiel gegen den FC Bayern München, der bei den Mädchen den Wunsch weckte, den nächsten Schritt ihrer noch jungen Karriere zu machen. „Beides waren für uns tolle Erlebnisse, die den Wunsch in uns weckten, ebenfalls auf diesem Niveau spielen zu können“, so die jungen Frauen gegenüber NOKZEIT.

Am Ende der Saison feierten die beiden Gymnasiastinnen die Vizemeisterschaft mit dem SC Klinge Seckach und den Aufstieg in die Oberliga Baden Württemberg. „Das war noch mal ein riesiger Sprung. Ich wusste, hier können wir nur mithalten, wenn wir richtig fit sind“, so Chelsea Diemer.
Während das Team nach wie vor von Gernot Diemer trainiert wurde, bedeutete das auch hier immer wieder Zusatztraining. „Hier hast du richtig gute Gegnerinnen, zum Teil Auswahlspielerinnen“, wussten Diemer und Tralls um die Herausforderung.

Chelsea Diemer absolvierte Anfang 2016 zusätzlich den DFB-Juniorcoach und leitete danach am Auguste-Pattberg-Gynasium (APG) in Neckarelz für ein halbes Jahr eine Fußball-AG für Mädchen.

Während der Vorrunde entstand die Idee, eine Probetraining bei einer Bundesliga-Mannschaft zu absolvieren, um zu sehen, ob sich die Nachwuchskickerinnen auch auf diesem höchsten Niveau durchsetzen können. Gernot Diemer vereinbarte einen Termin bei den B-Juniorinnen des TSV Crailsheim, die in der Bundesliga Süd auf Punktejagd gehen.

„Das hat von Anfang an gepasst und riesigen Spaß gemacht. Das war einfach nur motivierend“, freuten sich die Fußballerinnen aus dem Neckartal. Allerdings war dies noch einmal ein riesiger Sprung mit bedeutend mehr Aufwand. Denn während der Runde trainiert die Mannschaft dreimal die Woche, in der Vorbereitung such mehr.
„Aber in der Bundesliga zu spielen ist schon ein Traum gewesen und solch eine Chance bekommst du nicht oft“, weshalb in der Winterpause der Wechsel beider Spielerinnen zum TSV Crailsheim in die B- Juniorinnen Bundesliga erfolgte.

„Es ist toll, wenn du mit lauter Mädels zusammen spielst, die alle richtig gut Fußball spielen. Dadurch habe ich mich automatisch immer weiter verbessert“, erzählt Abwehrspielerin Chelsea Diemer.

Es ging los mit Vorbereitungsspielen und dann in die Rückrunde. Den ersten Einsatz hatte die Zwingenbergerin gleich gegen den Tabellenführer FC Bayern München. Das Heimspiel wurde mit 0:2 verloren und dennoch war es für die Odenwälderin ein besonderes Erlebnis. „Ich hoffe natürlich, dass es so weiter geht und ich mich weiter verbessere. Dafür werde ich alles tun und weiterhin hart trainieren. Mal sehen, was dabei raus kommt“, ließ uns Chelsea Diemer wissen.

Abwehrspielerin Chelsea Diemer setzt sich gegen die Angreiferinnen des FC Bayern München durch. (Foto: privat)
„Wenn ich zurück blicke, dann habe ich ja sehr spät, nämlich erst mit 12 Jahren, mit dem Fußball begonnen. Deshalb mache ich das jetzt umso intensiver. Innerhalb von vier Jahren mit Beginn in der Landesliga, über die Verbandsliga und Oberliga in die B- Juniorinnen Bundesliga. Echt krass!“

So lange die jungen Frauen keinen eigenen Führerschein haben, sind sie auf ihre Eltern angewiesen, was den Fahrservice betrifft. Dreimal die Woche fährt Gernot Diemer die Kickerinnen nach der Schule von Neckarelz zum Training nach Crailsheim. Dabei legt er jeweils 230 Kilometer zurück. Gegessen wird häufig im Auto. Auch die ein oder andere Lerneinheit oder Hausaufgaben werden auf vier Rädern absolviert. So sind die schulischen Leistungen der Bundesliga-Spielerinnen trotz des enormen zeitlichen Aufwands in Ordnung.

Und um auf den Beginn unseres Artikels zurückzukommen, bleibt bei den B-Juniorinnen festzuhalten: „Geld gibt es beim TSV Crailsheim nicht. Es ist alles Eigenaufwand!“

Zweimal musste Helen Tralls gegen den Tabellenführer hinter sich greifen. (Foto: privat)

© www.NOKZEIT.de


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