Mosaikstein in ehemals jüdischer Landschaft

 Schofarhorn auf der Rückseite des Grabsteines von Adolf Anschel Kander, Hüffenhardt (gest. 18.11.1872 | 17. Cheschvan 5633) auf dem Jüdischen Friedhof Waibstadt, (Foto: Thomas Siegmann/VG Bild Kunst Bonn)

Ein neuerschienenes Buch gibt einen unerwartet tiefen Einblick in die jüdische Geschichte der Kraichgau-Gemeinde Hüffenhardt

Die Erforschung des Landjudentums rückte in den neunziger Jahren verstärkt in den Fokus der historischen Forschung, nachdem man diesen Teil jüdischen Lebens lange Zeit stiefmütterlich behandelt hatte und die jüdische Kulturgeschichte als ein vornehmlich urbanes Phänomen betrachtete. Damit verband sich eine Geringschätzung gegenüber der kulturellen Bedeutung, Ausdruckskraft und Leistungsfähigkeit einer religiösen Minderheit, die ganze Landschaften prägte. So bezeichnete die Historikerin Sabine Ullmann 2008 den Kraichgau zu Recht als eine „jüdische Landschaft“, die ihren eigenen Charakter und spezifische Verflechtungen hervorbrachte. Der Kraichgau hatte sich über einen langen Zeitraum hindurch zu einer Kernregion für ländliches Judentum im deutschsprachigen Raum entwickelt und eine besondere Vielfältigkeit hervorgebracht, die besonders nach dem Dreißigjährigen Krieg in den Dörfern der Region aufblühte. Einen Beitrag in der Erforschung dieser untergegangenen Welt leistet ein neuerschienenes Buch über die Geschichte der Jüdischen Gemeinde Hüffenhardt, das schmerzlich erahnen lässt, welcher gewaltsam zerstörte Reichtum an jüdischer Kultur bis heute gedankenlos dem Vergessen anheimgegeben wird.

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Eine der Besonderheiten der Publikation ist die ausschnitthafte Darstellung einer dörflichen jüdischen Gemeinde durch die wechselnden Zeitläufe hindurch, wobei eine vergleichende Arbeitsweise Befunde der lokalen Gesellschaft in Beziehung setzt zu regionalen Entwicklungen verschiedener Gemeinden und den Spannungsfeldern allgemeiner historischer Verläufe. Ein weiterer Schwerpunkt sind biografische Skizzen. So folgt das Buch den Lebensetappen des Mohels und Judenschultheißen Rav Seligmann Levi (1653-1730) und schildert anhand reichhaltigen Quellenmaterials seinen Umgang mit den Mächtigen der Zeit.

Dass Armut auch für die ländlichen jüdischen Familien lange Zeit zur Lebensrealität gehörte, zeigt etwa die Herkunft des Soldaten und 48ziger Revolutionärs Abraham Metzger, dessen Vater sich als über die Dörfer ziehender Lumpensammler verdingen musste. Einen Einblick in ein wenig erforschtes Gebiet jüdischen Lebens ermöglicht die Rekonstruktion der Vita von Rudolf Kander, der 1913 nach Südbrasilien auswanderte. Mit Unterstützung seines Enkels Dr. Sergio L. Kander, der in Blumenau, Santa Caterina lebt, konnten Lebensetappen des Kaufmanns und Pioniers zusammengestellt werden, der mehrere seiner Familienmitglieder als Opfer der Shoa zu beklagen hatte.

Material über das Schicksal der Jüdischen Gemeinde Hüffenhardt konnte u.a. im Archiv der Freiherren von Gemmingen-Guttenberg auf Burg Guttenberg gesichtet werden. Des Weiteren wurden wichtige Schriftstücke im Gemeindearchiv Hüffenhardt, dem Generallandesarchiv Karlsruhe, dem Stadtarchiv Mannheim und den Central Archives for the History of the Jewish People (CAHJP) in Jerusalem ausgewertet. Dabei fanden sich auch außergewöhnliche Zeugnisse, wie eine historische Notiz in einem Dorfbuch aus dem 17. Jahrhundert, die als seltener Beleg Eingang in das richtungsweisende Standardwerk des Religionshistorikers Gershom Scholem über die Geschichte des Sabbatianismus fand. In der Publikation werden überdies 21 Grabinschriften zur Darstellung gebracht, die aus drei Jahrhunderten stammen und auf zwei der ältesten jüdischen Beerdigungsstätten Südwestdeutschlands, nämlich Heinsheim und Waibstadt zu finden sind. Der Grabstein des Jehuda ben Naphtali Leib von 1709 kann als das älteste erhaltene Zeugnis materieller Sachkultur der Jüdischen Gemeinde Hüffenhardt gelten.

Im Erscheinungsjahr dieses Buches jährt sich die sogenannte Reichspogromnacht zum achtzigsten Mal. Die Aktenbefunde des Generallandesarchivs Karlsruhe und des Hauptstaatsarchivs Stuttgart machten auch eine Zusammenstellung der Ereignisse vom 10. November 1938 und die bauliche Rekonstruktion der zerstörten Synagoge in Hüffenhardt möglich. Jenen, die die Todesmaschinerie der NS-Zeit überlebten und denen die Flucht gelang, blieb von der zerstörten Heimat nur das Heimweh. Dies blitzt auf in den Anzeigen der jüdischen Wochenzeitung Aufbau, die 1934 entstanden war und wichtigste Zeitung der deutsch-sprachigen Emigranten in den USA wurde. So sind etwa die Anzeigen zur Silbernen Hochzeit von Ferdinand und Hedwig Kander 1945 oder die Todesanzeige Ferdinands am 06. September 1958 in New York, bei der an Hüffenhardt/Baden erinnert wird, Beispiele für die weiter lebendige Verbundenheit mit der alten Heimat, einer Heimat, der die Heimatliebe ihrer jüdischen Bürger nichts wert gewesen war.

Das Forschungsprojekt und die Publikation sind ein wichtiger Beitrag zu einer lebendigen, wertschätzenden Erinnerungskultur im dörflichen Kontext. Es ist ein unauslöschbares Zeichen gesetzt, für ein angemessenes wenn auch nicht tröstendes Gedenken an die Opfer der Shoa.

Thomas Siegmann
… er heftete seine Seele an den lebendigen Gott – Spuren und Zeugnisse jüdischen Lebens in der Landgemeinde Hüffenhardt zwischen Odenwald, Kraichgau und Neckartal.

396 S. Hardcover mit zahlreichen Abbildungen

ISBN 978-3746024202; Preis EUR 39,00

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